Selbst Mephisto fror im Elendstal

Alltag Im Kalten Krieg war der Harz in zwei Hälften geteilt. Das Dorf Elend lag östlich der Grenze

Luftlinie drei Kilometer waren es von meinem Kinderzimmer in Elend im Harz zum ersten Grenzzaun und zu den Minenfeldern an der deutsch-deutschen Grenze. Genau wie Franz Kafka es beschreibt, war das nächste Dorf unerreichbar, weil es schon "im Westen" lag. Im Kalten Krieg war der Harz in zwei Hälften geteilt, Die Gegend zwischen Schierke und Elend, wie ein Kapitel im Faust überschrieben ist, lag östlich der Grenze in einer militärischen Sperrzone.

Über Staus und Unfälle, die im Westen passierten, war ich dank der ausführlichen Nachrichten im Deutschlandfunk besser informiert als über die Paragraphen, die zu meinen Verhaftungen wegen des Verdachts auf "Republikflucht" führten. Abtasten, hinlegen, weil eine Mine irgendwo im Grenzstreifen explodiert war, das erlebte ich als Siebenjähriger auf einer Radtour. Doch der Staatsfeind war ein Reh gewesen, und ich durfte nach Hause radeln.

Aus dem Westen kamen die Wunderdinge, die Weihnachtspakete, Formel-1-Matchbox, Springmesser, französische Federhalter und afrikanische Märchen. Das Radio in unserer Küche war fast immer auf den Deutschlandfunk eingestellt.


Das "Elendstal" war mein Schulweg zwischen Elend und Schierke. Dieses Tal ist nach meiner Erinnerung etwa drei Kilometer lang, die Kalte Bode fließt hier, im Winter ist es oft bitterkalt.

Faust und Mephisto machen hier Rast. "In die Traum- und Zaubersphäre / Sind wir, scheint es, eingegangen", singen Faust, Mephisto und Irrlicht. Das Irrlicht warnt: "Allein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll / Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll / So müßt Ihr´s so genau nicht nehmen."

Nicht so genau nehmen? Jede Äußerung wurde im Grenzgebiet ernst genommen. So ernst, dass man selbst beim Fußballspielen darauf achtete, mit wem man redete. Und es war eine Sensation, als der Klassenlehrer, der ein "Hundertprozentiger" war, ein Übersiedler aus dem Westen, früher Bergmann im Ruhrgebiet, wie es hieß, als dieser ganz und gar parteitreue Lehrer in der Pause im Vorbeigehen sagte: "Na, Bayern war stark gestern, oder?" Ein einziges Mal war er schwach geworden und hatte zugegeben, dass er Westfernsehen guckte, denn das Spiel war nur dort übertragen worden. Als Genosse war ihm ein schwerer Fehler unterlaufen, und ich, als 14-jähriger Aufrührer, nutzte diesen Fehler schamlos aus und informierte sofort alle vertrauenswürdigen Klassenkameraden, so dass bereits nach der nächsten Pause so gut wie alle Schüler vom Verrat des Klassenlehrers an seinen Idealen in Kenntnis gesetzt waren. Wir brauchten keine Bild-Zeitung. In mündlichen Kulturen verbreiten sich Nachrichten rasch.

Schließlich hatte der Klassenlehrer an mir die Stalin´sche Regel erprobt, dass Fragen sich von selbst beantworten. Weshalb wird der Sozialismus siegen? Der Sozialismus wird siegen, weil der Sozialismus unbesiegbar ist. Weshalb bist du der Anführer der Gruppe? Weil ein Kollektiv nur von einem Anführer verleitet werden kann.

Wir waren im einzigen Hotel des Ortes einige Male mit dem Fahrstuhl gefahren, die große Welt wollten wir schnuppern, eine Ahnung von leichten Aufstiegen erhalten. Wie könnt ihr das machen, in Turnschuhen, in Trainingskleidung? Wir kamen vom Fußballplatz, die Hotelgäste hätten sich erschrecken können. Vier Jungs, wer war der Anführer? Die Strafe für unser Vergehen: Verweis vor allen Schülern der Schule beim Fahnenappell.

Um dem Lehrer zu zeigen, dass ich keine Angst vor ihm habe, bat ich ihn auf dem Pausenhof um eine Zigarette. Er führte als Englischlehrer keinen Unterricht durch, sondern hielt Propagandareden auf den Sozialismus. Niemand belehrte uns so ausführlich wie er, dass wir ein Auge auf "Grenzverletzer" haben sollten, Leute, die in den Westen abhauen wollen. (Leute wie ihr oder eure Eltern?)

Auf dem Wurmberg, in Sichtweite der Schule, standen die Anhöranlagen der Amerikaner, die mit unseren Stimmen die Frequenzen erprobten.


Nur wenige von den 517 Dorfbewohnern wagten es, nach Einbruch der Dunkelheit ihre Häuser zu verlassen und in den nahen Wäldern zu wandern, den Mond zu betrachten und sich vor Baumschatten zu fürchten. Die anderen sagten: zu gefährlich, zu nass, zu kalt, zu unbequem. Die Natur hat das Dorf Elend reichlich mit Düsternis beschenkt. Es regnet häufig, und die Berge lassen wenig Licht ins Tal. Selbst Mephisto friert hier, ihm ist "winterlich im Leibe". Mit großem romantischem Gestus schildert Goethe die Düsternis der Granitfelsen, auf denen sogar die Kompassnadel verrückt spielt. "Und die Wurzeln, wie die Schlangen / Winden sich aus Fels und Sande / Strecken wunderliche Bande / Uns zu schrecken, uns zu fangen / Aus belebten derben Masern / Strecken sie Polypenfasern / Nach dem Wandrer."

Die Lehrer wiesen uns Schüler an, auf Grenzverletzer zu achten, immer, beim Forellenschießen oder beim Schlittschuhlaufen. Ein Polizist durchsuchte jeden Morgen den Schulbus auf dem Weg von Elend nach Schierke nach Grenzverletzern. Erholungsgäste, die hier ihren Gewerkschaftsurlaub verbrachten, durften im Wald nur bestimmte, mit roten Schildern gekennzeichnete Wege betreten. Sie wurden auf Musterwanderungen darüber belehrt. Die Luft war gesund, nur wenige im Dorf besaßen Autos. Die Lastkraftwagen von der Armee brachten jeden Tag Betonteile an die Grenze. Das war natürlich ein Staatsgeheimnis, man guckte hin und redete nicht darüber.

Der Ort ist verrucht, es stinkt aus allen Winkeln. "Im Berg glüht der Mammon / Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden / Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor" Der Hexenmeister mahnt zur Eile, obwohl "das Kind erstickt, die Mutter platzt", denn es "geht es zu des Bösen Haus", auf den Brocken.


Nur einmal war ich auf dem Gipfel, wieder unter dem Verdacht, ein Grenzverletzer zu sein, diesmal im Alter von 21 Jahren. Meine Ausrede, weshalb ich zu nahe an 500-Meter-Streifen geraten war, der letzten Schutzzone vor dem ersten Zaun: Ich suche Rhododendronferrugineum, die Rostblättrige Alpenrose. Der Berg war zaubertoll an diesem Tag. Es lag Schnee, die Brockenstraße war nur einspurig befahrbar, so dass die Grenzer mit dem LKW nicht wenden konnten und mich, mit geschlossener Plane zwar, erst auf den Gipfel fahren mussten, bevor das Gespräch in der Kaserne von Schierke weiterging.

Über dem Berg, derweilen, stieg ein Dampf, Glut leuchtete, es zogen Schwaden.

00:00 16.05.2008
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