Selbstbewusst Scheitern

Fast zu sympathisch Der "Club der polnischen Versager" ist ein Selbstwiderspruch, denn er hat Erfolg

Wer ein guter Taucher werden will, darf weder trübes Wasser scheuen, noch den gesunkenen Schrott verschmähen. Lopez Mausere ist Mitglied des "Bundes der polnischen Versager", einer Gruppe von Emigranten, die in Berlin - einer Stadt, die noch immer Erfolgsgeschichten schreiben will - im weitesten Sinne Kulturarbeit leistet. Ihr Sujet ist das Scheitern, eine kulturelle Expedition in das weite Feld des Versagens. Abgesehen von pathologischer Landnahme ein weitgehend unbeachtetes Terrain. "Der Demiurg verehrte die ausgesuchte, vollkommene Materie, wir bevorzugen den Schund", heißt es in ihrem Kleinen Manifest.

Um das eigene Motto gleich zu Beginn zu unterlaufen, haben die Versager bereits einige Erfolge vorzuweisen. Sie haben die deutsche Bürokratie überwunden und es zu einer offiziellen Eintragung ins Vereinsregister gebracht, sie geben eine Zeitschrift heraus und betreiben ein Vereinslokal in der Torstraße, den Club der polnischen Versager. Gegen Spende werden hier Getränke an Mitglieder ausgeschenkt und ein bis zwei mal pro Woche kommt der Besucher in den Genuss eines einigermaßen disparaten Kulturprogramms. Da kann es vorkommen, dass Lopez Mausere seine vitalen, grotesken Erzählungen vorträgt, die er gerade vom Polnischen ins Deutsche überträgt. Ebenso kann es passieren, dass das Publikum Zeuge einer zweifelhaften Performance wird, bei der die Künstlerin ihren eigentlichen Auftritt erst nach der Show hinlegt - von einer Ecke in die andere rauscht, flucht und Verwünschungen ausstößt, weil die Gastgeber um Ruhe bitten und ihr keinen Alkohol geben wollen. An den übrigen Abenden ist das Clublokal ein Treffpunkt für Polen und assoziierte Deutsche. Wer dazukommt, ist Gast in einem halböffentlichen Wohnzimmer und bleibt meist nur, wenn er Anschluss findet.

Bei aller Inszenierung jedoch geht es den polnischen Versagern eigentlich um mehr. Was mittlerweile durch den Club einen verbindlichen Rahmen gefunden hat, ist im Kern ein alter Freundeskreis polnischer Kulturschaffender, der sich größtenteils nach der Emigration in West-Berlin kennen gelernt hat. Zu ihnen gehören neben Mausere der Grafiker Piotr Mordel und der Autor Leszek Oswiecimski. Den Anstoß zur Gründung der Zeitschrift Kolano (deutsch: das Knie) vor sieben Jahren, gab zu einem guten Teil die Erfahrung der Desintegration: in einer fremden Gesellschaft letztlich permanent zu versagen. Kolano wurde - unter anderem - zum Forum einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem kulturellen Begriff des Versagens und der gleichzeitigen Suche nach Definitionen menschlicher Entfaltung, jenseits der Kategorien der Erfolgsgesellschaft. Eine Art Selbsttherapie. "Die westliche, brave, korrekte, maßvolle Welt ... verwirft jegliche positive Konzeption des Versagens", schreibt der Autor Herman in Kolano 15. Je weiter man nach Osten vordringe, desto mehr werde dieser negative Begriff mit Freundlichkeit versetzt - in Polen beispielsweise werde der "nieudacznik" (deutsch: "der, dem nichts gelingt") mit einem nachsichtigen, eventuell leicht überheblichen Lächeln quittiert, während der deutsche "Versager" Aggressionen provoziert.

Den polnischen Versagern geht es um die positiven Aspekte des Scheiterns. Scheitern bewusst zu erfahren begreift der polnische Schriftsteller Gombrowicz als "Keimzelle von Lebendigkeit". Anknüpfungspunkte sehen die polnischen Versager ebenso beim Psychoanalytiker C.G. Jung, der Komplexe und Neurosen nicht mehr als Anomalien verwarf, sondern als Triebfeder der Entfaltung des geistigen Lebens wahrnahm.

Dass es hier größte Widerstände zu überwinden gilt, liegt auf der Hand, wird doch das Versagen meist nur als die Kehrseite des Erfolgs betrachtet und desto gründlicher aus dem Blickfeld öffentlicher Wahrnehmung verbannt.

"Jenseits des Terrors der Vollkommenheit", rufen die polnischen Versager zum Bekenntnis zur Unzulänglichkeit auf. Dieses Bekenntnis schließt das eigene künstlerische Werk mit ein. "Man darf keine Angst mehr davor haben, vom Herzen zu sprechen", schließt Herman daher seinen Artikel in Kolano, "sogar dann, wenn nur lauter Dummheiten dabei herauskommen."

Die polnischen Versager sind bei ihrer Mission angenehm unprätentiös. Eine Gefahr besteht darin, dass der Club zu sympathisch daherkommt und sich von Szenegängern und Medien zu schnell belächeln und damit ad acta legen lassen könnte. Seit Vladimir Kaminers erfolgreicher Russendisko im benachbarten Kaffee Burger gefallen östliche Zuwanderer in dieser Gegend ohnehin. Zwar wollte man durchaus Aufmerksamkeit erregen, doch bereits jetzt melden sich bei den Versagern erste Zweifel, ob der "Erfolg" nicht das eigene Anliegen unterläuft. "Der Tip schrieb schon von einem ›Warschauer Pakt‹ in der Torstraße", erzählt Leszek Os´wiecimski. Ein Warschauer Pakt jedoch habe sich schon einmal für Polen als ungünstig erwiesen. Als kürzlich Alfred Biolek den Verein in seine Fernsehshow einlud, kam es zum Streit. Die meisten entschieden sich für Biolek. Vereinsmitglied Tomasz Sosin´ski bedauert das. "Wir werden zu viele Menschen erreichen, die sich nicht für uns interessieren", befürchtet er. Die Spaßgesellschaft werde sich eine weitere Skurrilität leisten.

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00:00 25.01.2002

Ausgabe 39/2020

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