Selbstgebaute Geschlechterfalle

Diskriminierung Frauen werden noch immer schlechter bezahlt und durch die Klischeebrille betrachtet. Schuld daran sind vor allem: die Frauen

Statt Germanistik sollten Frauen, die einen gut bezahlten Beruf wollen, lieber Elektrotechnik studieren, riet Kristina Schröder kürzlich. Eine Welle der Entrüstung brach daraufhin über die Bundesfrauenministerin herein. Schröder, die Quoten ablehnt, fehle es an Kompetenz und Empathie, empörten sich frauenpolitisch Engagierte. Aber steckt nicht mehr als ein Korn Wahrheit in diesem Argument? Ingenieurinnen haben Schwierigkeiten schon beim Berufseinstieg, und erst recht beim Aufstieg, moniert das Wissenschaftszentrum Berlin. Neben handfester Diskriminierung liege der Grund auch an der in diesem Feld fehlenden „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, resümiert die Studie.

Vereinbarkeit? Die meisten Männer scheren sich bekanntlich nicht darum, Frauen hängt sie wie ein tertiäres Geschlechtsmerkmal an. In der Tat: Die Deutschlehrerin kann jahrelang aussteigen, später in Teilzeit arbeiten (die Karriere in Schulleitung oder Behörde macht inzwischen der männliche Germanist, der ja auch vorkommt). In Ingenieurberufen funktioniert das schlecht, nicht nur weil dort der „männliche Lebensentwurf“ der ununterbrochenen Tätigkeit regiert, sondern auch weil naturwissenschaftlich-technisches Wissen schnell veraltet.

Aber warum müssen Frauen überhaupt „vereinbaren“, nach der Geburt des ersten Kindes aussteigen oder Teilzeit arbeiten und ihre Lebensplanung von Anfang an entsprechend ausrichten? Ja klar, wir warten alle darauf, dass die Kitas besser ausgestattet und länger geöffnet, die „Vätermonate“ ausgedehnt werden, sich die work-life-balance für beide Geschlechter als Norm etabliert und Führungspositionen und Aufsichtsräte endlich quotiert werden. Wie es aussieht, können wir da noch lange warten. Höchste Zeit also, dass wir uns einmal anschauen, wie wir Frauen selbst an unserer eigenen Unterdrückung werkeln.

Schröder hat recht; Frauen studieren die falschen Fächer. Im dualen System der beruflichen Bildung sind die Geschlechterstereotypen noch stärker ausgeprägt als auf der akademischen Ebene. Junge Männer werden Kraftfahrzeugmechatroniker, junge Frauen Verkäuferinnen. Berufe sind geschlechtlich konnotiert, alles was mit Technik, Macht und/oder hohem Gehalt zu tun hat, wird, bewusst oder unbewusst, als männlich empfunden, alles was mit Schöngeistigem oder Beziehungsarbeit verbunden scheint, gilt als weiblich. Auch wenn es inzwischen uncool erscheinen mag, sich offen zu solchen Klischees zu bekennen, ihre Wirkmächtigkeit gegenüber Frauen wie Männern ist ungebrochen.

Den Normen nacheifernd

Nicht nur Körper, Kleidung, Stimme, Gesten, auch die Berufswahl formen geschlechtliche Identität, inszenieren uns als Frauen oder Männer. Weiblich und sexy, sprich attraktiv für das andere Geschlecht zu sein, scheint den meisten Mädchen und Frauen wichtiger als beruflicher Erfolg oder auch nur die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts. Und Ingenieurinnen gelten den meisten Männern nunmal nicht als besonders sexy. Das traditionell klischierte, heterosexuelle Rollenspiel wird von Geburt an durch die Spielzeugindustrie, durch die Peergroup, durch Mode und Medien immer neu inszeniert. In einer auf Konformität gebürsteten Gesellschaft fällt es vor allem jungen Frauen schwer, nicht im Mainstream zu schwimmen, wo frau sich sexy und selbstbewusst gibt, indem sie medial propagierten Normen von Attraktivität nacheifert. In einer Umfrage unter tausend britischen Mädchen gaben 60 Prozent an, „Topmodel“ sei ihr Karriereziel. Wenn man die Einschaltquoten und die Hysterie rund um Casting-Shows sieht, dürfte der Narzissmus unter Mädchen in Deutschland ähnlich verbreitet sein. Auch wenn es dann letzten Endes doch nur zur Friseurin oder Boutique-Verkäuferin reicht.

Solange sich die Mehrzahl der Frauen nach solchen Vorstellungen richtet, wird sich an der beruflichen Diskriminierung nichts ändern. Beide Geschlechter werden durch Stereotypen in ihrem Handlungsspielraum und ihren Lebensentwürfen eingeschränkt bzw. schränken sich selbst ein, Frauen aber stärker als Männer. Denn die geschlechtspezifischen Zuschreibungen sind nicht wertneutral, sondern Teil der hierarchischen Ordnung der Gesellschaft: Männlichkeit definiert sich durch Dominanz, Unterordnung ist das konstituierende Element von Weiblichkeit.

Vor allem im scheinbar privaten Bereich von Ehe und Familie lassen wir kaum eine Gelegenheit aus, das Dominanz-Unterordnungsverhältnis zwischen Männern und Frauen immer wieder selbst herzustellen. Auch neueste Studien zeigen: Frauen verrichten den überwiegenden Teil der Hausarbeit. Freiwillig, na klar, der Mann zwingt sie nicht dazu. Aber irgendwer muss es ja machen, dann stopft halt sie die Wäsche in die Maschine und dem Mann ist es recht. Es ist ja auch einfacher, die meist unausgesprochenen Erwartungen an die weibliche Rolle zu erfüllen, statt sich womöglich Konflikte einzuhandeln. Rund 80 Prozent der Frauen übernehmen nach der Eheschließung den Mannesnamen, wie es schon die Urgroßoma tat. Die hatte keine andere Wahl. Heutige Frauen haben die Wahl, nutzen sie aber nicht. Auch Kristina Köhler mutierte erst durch die Hochzeit zu Kristina Schröder. Namen sind nicht Schall und Rauch, sondern ein Stück der eigenen Identität, die frau offenbar nicht nötig hat. Umgekehrt kommt kaum ein Mann auf die Idee, den Namen der Partnerin anzunehmen.

Mehr Wut tut gut

Vor ein paar Jahren machten „Alphamädchen“ und „Powerfrauen“ viel Wind im Feuilleton, inzwischen ist ihnen aber ganz offenkundig die Puste ausgegangen, und anstelle von neuer Frauenpower feiern altbackene Sterotypen fröhlich Wiederauferstehung. „Mein Kind kommt nicht auf die Welt, um dann wieder wegorganisiert zu werden“, verspricht die werdende Mutter Andrea Nahles, in Teilzeit SPD-Generalsekretärin, dann der Frauenzeitschrift Brigitte. Und bestätigt so die in vielen Köpfen vorhandene Norm der allzuständigen perfekten Mutter.

Schon das Lehrlingsgehalt des Kfz-Schraubers ist fast doppelt so hoch wie das der angehenden Kauffrau. Lohndiskriminierung, klar. Aber bereits in den Familien bekommen die Töchter weniger Taschengeld zugeteilt als die Söhne, das hat das Kinderbarometer der Landesbausparkassen 2009 gezeigt. Warum dulden Mütter so etwas? Warum lassen Töchter sich das gefallen? Ein bisschen mehr Wut würde Frauen gut stehen.

Claudia Pinl lebt als freie Autorin in Köln. 2010 erschien von ihr das Buch Ehrenamt: Neue Erfüllung, neue Karriere

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14:20 03.01.2011

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