Selbstquäler

Wütender Konformist Michel Houellebecqs neuer Roman sorgt für Aufregung

Michel Houellebecq hat drei Romane publiziert, die alle in Frankreich und kurze Zeit später in Deutschland von sich reden machten. Nicht der literarischen Qualitäten wegen, darüber ist sich die Kritik einig, Houellebecqs Trick besteht vielmehr darin, Herrn Jedermanns Sprache im Mund umzudrehen und von der Normallinie ihrer Vorurteile kein Iota abzuweichen. Seine Romane prangern die Sitten der globalisierten Welt an und brechen zugleich in eine wütende Klage über sie aus.

Wie man zu literarischem Ruhm kommt, über dies unerschöpfliche Thema spekuliert einmal mehr in diesen Tagen die französische Öffentlichkeit im Angesicht von Michel Houellebecqs drittem Roman Plattform. (Plateform im Verlag Flammarion, Paris). Dreizehn Tage nach dessen Auslieferung an den Buchhandel, waren bereits 200.000 Exemplare verkauft. Die Zahl dürfte sich in Kürze verdoppeln. Die Faszination des großen Erfolgs löst einen Herdeneffekt aus, aber der Beobachter der Szene fragt sich, wieso gerade ein Houellebecq solche Anziehung aufs Publikum ausübt und weshalb ein wenige Wochen zuvor ausgelieferter Roman von Frédéric Beigbeder mit dem Titel 99 francs nach aufflackerndem Interesse in den Buchhandlungen liegen bleibt?

Man kann die beiden Fälle deshalb miteinander vergleichen, weil beide Autoren geeichte Skandalauslöser sind. Houellebecq hat freilich das größere Talent, mit provozierenden Erklärungen die Medien auf Trab zu bringen. Beigbeder warf im Protest die Tür der Werbeagentur hinter sich zu, für die er jahrelang Slogans ausheckte und macht nun in seinem Buch Front gegen Meinungsmanipulation durch Werbung. Die heutige Welt wird an der Nase herumgeführt, verkündet er: Als eine Brandfackel hat er seinen Roman zur Aufklärung darüber ausersehen. Einen kurzen Augenblick lang schlug diese angriffige Stimme die Öffentlichkeit in Bann, dann versackte sie.

Auch Houellebecq ist ein Polemiker, der gegen die Welt von heute vom Leder zieht. Dazu hat er sich allerdings ein anderes Kampffeld ausgesucht: den Sex. So trägt sein zweites Buch Die Elementarteilchen eine Klage über sexuelle Pauperisation vor, deren Anschauungsunterricht zwei Halbbrüder erteilen, die im Mittelpunkt stehen. Von ihnen hat der eine ein üppiges Sexleben und der andere nicht. Die Lösung findet der zu kurzGekommene durch die Entdeckung einer chemischen Verbindung, die Begierde in Wollust umzuwandeln versteht.

Die Plattform nun handelt vom Sextourismus, den er brandmarkt und zugleich mit kruden Einzelheiten vorführt. Ein Thema getreu Houellebecqs Devise "Sei widerlich, aber sei wahr". Zu den Rundumschlägen, von denen er nicht genug bekommen kann, gehört das Ankläffen des Guide du routard, eines beliebten Reiseführers, der jungen Leuten praktische Tipps für ihre Reise gibt. Auf das Konto seiner Lust am Herunterreißen wird man auch das Interview in der Zeitschrift Lire buchen, in der er kürzlich vom Islam als der "dämlichsten Religion" sprach und behauptete, der Islam sei "eine gefährliche Religion und dies von allem Anfang an. Die Werte des Materialismus sind verachtenswert, aber immerhin weniger zerstörerisch und grausam als der Islam". Wohl erschreckt von dem Sturm in der Presse, den er auslöste, widerrief er am nächsten Tag und schwur, kein Rassist zu sein; der Alkohol habe bei diesen Worten aus ihm gesprochen.

Aufschlussreich ist diese Anpöbelung des Islams nicht nur des Konformismus wegen, den diese Phobie verrät, die ja genau der landläufigen Unüberlegtheit nach dem Munde spricht. Sie kann zurückspiegelnd des Autors Biographie beleuchten. Von Hause aus hat er nicht die geringste Beziehung zum Islam. Was ihn in jungen Jahren verstörte, war die Scheidung der Eltern und damit die Lebenserfahrung der Unsicherheit von Bindungen, auf die er mit Ressentiment auf die Welt antwortete. Daraus ging die Erfahrung sozialer Schattenseiten hervor. Als ungerecht erweist sich die Welt und die vielgepriesene Freiheit ist eine Illusion. Wer sie entlarvt, der rührt den französischen Roman auf, ist dieser doch heute noch auf Psychologie und Paarverhalten eingeschworen. Lässt er hinter seiner Erzählung gar eigene Betroffenheit durchscheinen, ist im Leser das "human interest" geweckt und das Buch erscheint "authentisch". Houellebecq, der als Verwundeter andere zu verwunden trachtet, kann man als Vorläufer eine poetischen Gestalt Baudelaires zuschreiben, die im Gedicht Der Selbstquäler von sich selbst gesteht: "ich bin das Messer und die Wunde."

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00:00 21.09.2001

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