Selbstversuch statt Medientest

Medientagebuch Astro-Shows, Hot Button und 9Live: Soll eine Stiftung unseriöse Fernsehspielchen als unseriös erkennen?

Dieser Tage frischte Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, eine alte Idee wieder auf. Es wäre endlich an der Zeit, eine Art Warentest für die Massenmedien zu etablieren. Ausgelöst wurde sein Begehren durch die Vorkommnisse um jene Fernsehsender, die mit dummdreisten Ratespielchen oder Wahrsagerei ihre Zuschauer dazu verlocken, bei ihnen gebührenpflichtig anzurufen. Tatsächlich grenzen all die Verführungen, die von mehr oder minder (nachts: minder) angezogenen Damen und Herren live vollbracht werden, an die Tricks, mit denen Hütchenspieler, Scheckbetrüger und die Gründer von Herz- und Schenkkreisen den Menschen sehenden Auges das Geld aus der Tasche ziehen. Man muss sich in einer Art Feldversuch nur einmal einen Nachmittag oder eine Nacht lang durch die Angebote von 9Live, des Deutschen Sportfernsehens (DSF), von Tele 5, Viva oder Astro TV schalten, um ihre Tricks zu durchschauen.

Bei den Ratesendungen besteht der erste Trick darin, dass das Rätsel, das es zu lösen gilt, in den ersten Aufgaben leicht erscheint. Wer zuschaut, denkt sich, dass das jeder könne, zur Not auch man selbst. Das animiert fast zwangsweise dazu, zum Telefonhörer zu greifen und die horrenden Gebühren pro Anruf zu zahlen. Der zweite resultiert aus der Überredungskunst der Moderatorin oder des Moderators, der die Leichtigkeit des Lösens so predigt wie ein evangelikaler Fernsehprediger den Glauben. Wer einer solchen Sendung länger zusieht, muss an die Predigt glauben, denn ohne eine solchen Glauben hält man sie gar nicht aus. Der dritte Trick hat etwas mit Zeit zu tun; die Moderatorin oder der Moderator behaupten, es existiere ein gewisser Zeitraum, in dem die Lösung möglich (oder leichter) sei. Das zwingt die letzten Unentschlossenen, die sich zudem in einer kleinen Minderheit glauben, endlich dazu, ihr vermeintliches Glück, das in Wirklichkeit das des Senders ist, zu wagen.

Wenn man die Tricks näher betrachtet, fußen sie alle auf tatsächlichen Bedürfnissen der Zuschauer, die beispielsweise immer schon bei "Wer wird Millionär?" mitgefiebert und mitgeraten haben. Die Ratesendungen senken nicht nur die Eingangsbarrieren, sie ermuntern ständig dazu, nicht nur vor dem Fernsehapparat mitzuraten, sondern gleichsam in ihn live per Telefon einzusteigen. Dass man den Anrufenden, der gerade einmal kumpelhaft nach seinem Vornamen gefragt wird, kaum erkennt, ist dann nicht weniger ein Versagen jener Popularität, die Kandidaten der Jauch-Show durchaus einstreichen können, als ein Versprechen auf Anonymität. Der zweite Trick basiert auf jener Kumpanei, wie sie einst die Losverkäufer auf der Kirmes betrieben, als sie in ihr mit einem Taschentuch umwickelten Mikrophon vertraulich hineintrompeteten, um einzelne Passanten zum Kauf von Losen zu animieren. Hier wird der Zuschauer direkt angesprochen, auch wenn statt seiner allein gleich zehntausend andere als Adressaten fungieren, die aber der selbe Reiz juckt. Der dritte Trick spricht den Instinkt des schnellen Geschäftes an, den der Kapitalismus mit der Börse verinnerlicht hat. Man muss - so geht die Mär - im richtigen Moment kaufen oder verkaufen, und schon ist man Millionär.

Auch die Astro-Shows haben alte Kirmes-Angebote revitalisiert. Wie einst in den dunkel ausgeschlagenen Buden und Zelten hocken hier meist unansehnliche Gestalten, die einem, wenn man den nur will, gegen teure Telefongebühren aus der Karten lesen. Ist es im Fall der Ratespielchen die angebliche Chance aufs schnelle Geld, die die Zuschauer telefonieren lässt, ist es hier die vermeintliche Gelegenheit, Licht in das Dunkel zu bringen, das da Zukunft (und mitunter Vergangenheit) heißt. Wie bei den Rateshows sind die Damen und Herren, die hier live weissagen, dem Personal ähnlich, das einst auf der Kirmes vorherrschend war. Gemein ist ihnen ein gewisser subproletarischer Charme, mit dem sie sich bei ihrem Publikum, das ihnen ähnlicher ist, als sie selbst denken, einschmeicheln.

So wäre an diesem Geschäft viel zu kritisieren, dächte man sich all die Personen weg, die an ihm verdienen. Es sind die Betreiber dieser Fernsehsender, deren Gesicht man permanent in die Live-Übertragung einblenden müsste, um das Geschäft, das hier betrieben wird, zur Kenntlichkeit zu treiben. Könnte eine Stiftung Medientest diese Idiotie durch permanente Programmbeobachtung ebenso kenntlich machen? Es bleiben Zweifel. Denn letzten Endes hieße die Gründung einer solchen Einrichtung, die gesellschaftliche Aufklärung an eine Institution zu delegieren. Gefordert sind die vielen, die sich gegenwärtig kritisch mit den Massenmedien beschäftigen. Dazu gehören neben der Medienkritik die existierenden Landesmedienanstalten. Sie müssen den Blick häufiger auf die Randbezirke werfen und die Geschäfte, die dort im Halbdunkel einer Teilöffentlichkeit getätigt werden, beschreiben und analysieren.

So könnte man sich mal die Mühe machen, all die Videotextangebote abzuschreiben, die einem selbst tagsüber beim Anwählen der Startseiten von Sendern wie RTL2, DSF, Eurosport, aber auch dezenter bei RTL oder Pro Sieben ungewollt ins Auge springen. Diese Sexanzeigen ähneln dem Übelsten dessen, was sich im Kleinanzeigenteil der größten deutschen Boulevardzeitung "Bild" finden lässt, für die zur Zeit neben anderen auch Alice Schwarzer wirbt.


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00:00 10.08.2007

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