Senkgruben der Konformität

Literatur Wer „Mad Men“ mag, muss John Cheever lieben. In „Die Lichter von Bullet Park“ demontiert er das Glücksversprechen der bürgerlichen US-Vorstädte

Nach einem Jahrzehnt in spektakulärer Armut – in einer Wohnung, die Walker Evans, der große Chronist des Elends in der amerikanischen Unterklasse, als Beispiel der Great Depression fotografiert hatte – war John Cheever 1945 mit seiner jungen Familie an die Upper East Side gezogen. Dort wohnten sie eindeutig über ihre Verhältnisse, mit eigenem Zimmer für ihre Tochter und Blick auf die Queensboro Bridge, sodass Cheever jeden Abend mit einem Martini in der Hand die „endlose Trauerkarawane“ in die Vorstädte beobachten konnte, die in ihm damals das nackte Grauen hervorrief: „Die Suburbs umschlossen die Stadt wie Feindesland, und wir sahen sie als Senkgrube der Konformität, als Garant für ein Leben von unvorstellbarer Eintönigkeit in irgendeinem Villendorf, dessen Ortsname nur dann in der New York Times auftauchte, wenn sich eine gelangweilte Hausfrau mit einer Schrotflinte den Kopf weggeblasen hatte.“

Es kam, wie es kommen musste, ein zweites Kind zur Welt, die Wohnung wurde zu klein, ein Bekannter aus der Vorstadt suchte einen Nachmieter, und so zogen die Cheevers 1951 nach Suburbia, in einen ehemaligen Geräteschuppen am Rande eines großen Anwesens, der gutes literarisches Karma besaß: In ihm hatte zuvor schon Richard Yates gewohnt. Zu seiner Überraschung waren auch die Nachbarn nicht langweilig, eine in Paris aufgewachsene Erbin etwa, die ihren Gästen bei Kerzenlicht Hundefutter servierte, oder ein Partner bei Morgan Stanley, der sich in erster Linie dadurch auszeichnete, dass er in den Wohnzimmern der Gegend noch in betrunkenem Zustande wie ein Hürdenläufer über die Sofas springen konnte, ohne einen Tropfen seines Martinis zu verschütten.

Gedichte in Unterhose

In Cheevers Beziehung zu diesem privilegierten Umfeld wurde seine innere Zerrissenheit sichtbar. Einerseits genoss er seine Rolle als respektabler Familienvater, andererseits wollte er sich „am liebsten einen langen Bart wachsen lassen und in der Unterhose schmutzige Gedichte aufsagen.“ Darüber hinaus machte sich sein gesellschaftlicher Minderwertigkeitskomplex bemerkbar. Aus verarmtem Urbürgertum stammend, das seine Wurzeln in Neuengland bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen konnte, fuhr Cheever einen alten Dodge und lebte zur Miete in einem Schuppen, während seine Nachbarn in Cadillacs umherfuhren und in Herrenhäusern lebten. Was diese Konstellation für Cheevers Identität bedeutete, fasste er selbst am besten zusammen: „Ich wurde in keine Klasse hineingeboren, und schon früh war es mein Entschluss, mich in die Mittelklasse einzuschleichen, wie ein Spion, um einen vorteilhaften Ausgangspunkt für Angriffe zu haben, aber ich scheine meine Mission vergessen und meine Kostümierung viel zu ernst genommen zu haben.“

Das fiktionale Suburbia, das Cheever fortan schuf, war popkulturell derart einflussreich, dass es bald die Wirklichkeit überlagerte und bis heute quasi historische Gültigkeit besitzt. Es bildet den poetischen Hintergrund für das Familienleben von Don Draper, dem Protagonisten der legendären Serie Mad Men: Mit Frau und Kindern lebt Draper in Ossining, dem malerischen Ort am Ufer des Hudson, in dem Cheever seine letzten Jahrzehnte verbrachte und mit dem er untrennbar verbunden ist, seit das Time Magazine 1964 seine Cheever-Titelgeschichte mit „Der Ovid von Ossining“ überschrieb. Die Drapers wohnen in der Bullet Park Road, nach Cheevers 1969 erschienenem Roman Die Lichter von Bullet Park, der die Krönung seiner suburbanen Spionagetätigkeit darstellt und nun in neuer Übersetzung erschienen ist.

Zu Beginn steigt ein Fremder aus dem Pendlerzug, um sich vom örtlichen Immobilienmakler Häuser zeigen zu lassen. Während in Manhattan die Studenten demonstrieren, mit Transparenten, „auf denen ­FICKEN, SCHWANZ oder FOTZE steht“, rauchen hier draußen friedlich die Schornsteine, „der rosa Plüschbezug eines Toilettensitzes weht an einer Wäscheleine.“ Hammer, so heißt der Fremde, kauft ein Haus von einer Witwe. Nach dem Kirchgang lernt er seinen Nachbarn Nailles kennen, den Marketingleiter eines Mundwasserherstellers, der Hammer und dessen Gattin wohlwollend als „Musterexemplare heterosexueller Monogamie“ kategorisiert. Ein genauerer Beobachter, gibt der Erzähler zu bedenken, hätte in Hammer eher die „ungezügelten und unnatürlichen sexuellen Begierden“ gesehen und in seiner Frau die „heimliche Sherrytrinkerin, die davon träumt, in einem Männerharem beschmutzt zu werden.“ Als Hammer sich vorstellt, ist Nailles entsetzt, da er ahnt, wie sehr das Wortspiel ihrer Namen „fast alle anderen im Ort erheitern würde“.

Als Waschlappen beschimpft

Dabei sind die Leben der beiden grundverschieden. Die Liebe, die Nailles für seine Familie empfindet, „gleicht einem Strom klaren, flüssigen Bernsteins, der sie umhüllen, konservieren und isolieren, aber wie die Zutaten eines Aspiks sichtbar sein lassen sollte.“ Die Ehe der Hammers hingegen scheint von tiefer Verachtung geprägt. Bei einem Dinner beginnt sie ihn als Waschlappen zu beschimpfen: „Du gehörst zu den Männern“, höhnt Frau Hammer, „die glauben, dass sich eines Tages eine bildhübsche, leidenschaftliche und intelligente Blondine aus gutem Hause in sie verlieben wird. Wetten, dass ihr eine Reise macht? Das ist deine Vorstellung von Luxus. Zehn Tage auf der Raffaello, morgens, mittags und abends saufen und um sieben im Smoking in der Erste-Klasse-Bar aufkreuzen“.

Auf halber Strecke folgt dann der abrupte Bruch: Von seiner Geburt über die Jahre des Herumirrens bis hin zu seinen schweren Depressionen, die er mit Alkohol zu bekämpfen sucht, breitet Hammer nun seine Vorgeschichte aus. An deren Ende sitzt er im Wartezimmer eines Zahnarztes in einem Nachbarort von Bullet Park, und als er in einer Fachpublikation zufällig ein Foto von Nailles entdeckt, beschließt Hammer, nach Bullet Park zu ziehen, um Nailles zu töten. Später verlegt er sich auf dessen Sohn Tony, den er bei lebendigem Leibe verbrennen will. Nachdem er ihn entführt und mit Benzin übergossen hat, legt er allerdings eine Zigarettenpause ein, sodass es Nailles mithilfe einer Motorsäge im letzten Moment gelingt, den Plan zu vereiteln. Hammer kommt in die Geschlossene, Nailles schwebt unter dem Einfluss eines Beruhigungsmittels „wie Zeus in einem allegorischen Gemälde auf einer Wolke“ zur Arbeit, und schon ist alles wieder „so wunderbar, wunderbar, wunderbar, wunderbar wie früher.“

Nachdem man das gelesen hat, fragt man sich: Wie ist das zu verstehen? Werden alle Menschen wahnsinnig, wenn ihnen das besänftigende Korsett des bürgerlichen Lebens abhandenkommt? Ist Nailles relative Normalität auf die emotionale Lethargie einer intakten Ehe zurückzuführen oder auf den lähmenden Effekt der täglichen Einöde regulärer Erwerbstätigkeit? Deutet der Riss in der Struktur darauf hin, dass es sich bei Hammer und Nailles um zwei Seiten derselben Person handelt? Cheever verneinte: „Weder Hammer noch Nailles sollten psychiatrische oder gesellschaftliche Metaphern sein, das Buch wurde missverstanden, in dieser Hinsicht.“ Aber ist dieser Roman überhaupt zu verstehen? Er wirkt eher wie die Infusion einer spezifischen Stimmung, „als ein langsam rotierendes Mobile großartiger poetischer Augenblicke“, wie es John Updike formulierte.

In den Jahren nach der Veröffentlichung kämpfte Cheever hauptsächlich gegen das Verlangen, schon beim Frühstück zur Gin-Flasche zu greifen. An ernsthafte Arbeit war nicht zu denken, 1973 schrieb er kaum mehr als einen Werbetext für Whiskey, für den ihm ein japanischer PR-Mann persönlich ein paar Kästen ins Haus lieferte. Kurz darauf landete Cheever auf der Intensivstation, wo er halluzinierte, er befinde sich in einem sowjetischen Straflager. Nachdem er die Lichter auf dem Gang als die einer Taverne erkannt zu haben glaubte und sich den Tropf herausgerissen hatte, um sich ein Päckchen Marlboro und einen doppelten Martini zu holen, schnürte man ihn in die Zwangsjacke.

Es dauerte elende Jahre, bis sich Cheever zum Entzug durchrang, der wider Erwarten erfolgreich war: Nach dem 7. Mai 1975 trank er nie wieder einen Tropfen Alkohol. Die Nüchternheit gab ihm die Kraft für sein spätes Meisterwerk Falconer, das drei Wochen lang die New York Times-Bestsellerliste anführte und Cheever auf die Titelseite der Newsweek brachte. Er gewann den Pulitzerpreis für seine Gesammelten Erzählungen, machte Werbung für Rolex, genoss seine finanzielle Unabhängigkeit, nahm in Harvard einen Ehrendoktor entgegen und gab bis zu seinem Tod 1982 stilecht den silberhaarigen New-England-Gentleman. Aber er vermisste das Trinken. „Ich kann lachen“, heißt es später in Cheevers Tagebuch, „und mich fragen, warum ich nicht ein fröhlicher alter Mann bin, der fertig ist mit seiner Arbeit und dem es freisteht, seine letzten Jahre auf einer sonnigen Insel zu verbringen und sich sein Arschloch mit einer Pfauenfeder kitzeln zu lassen. Aber dann würde ich meine Karriere als Alkoholiker wieder aufnehmen, was idiotisch und obszön wäre.“

Alexander Schimmelbusch ist Germanist. Er lebt in Washington D.C. und Berlin

Die Lichter von Bullet Park, John Cheever, DuMont Buchverlag 2011. 254 S., 19,99

12:00 09.04.2011

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