Septembersongs

A–Z Eine seltsame Zeit ist das zwischen Spätsommer und Frühherbst, da brauchen wir Musik. Fallende Blätter können magisch sein und Liedtexte ziemlich blutrünstig. Das Lexikon
Septembersongs

Foto: Christopher Anderson/Magnum Photos/Agentur Focus

A

Altern „Wenn mein Herbst kommt / Färbe ich mein Grau / Nicht in Silber / Nicht Altweiberblau / Wenn mein Herbst kommt / Trag’ ich’s mit Gelassenheit“, so heißt es im Lied Herbstzeitlos von Pe Werner. Sie ist Jahrgang 1960. Hängt’s vom Alter ab, wie man das Ende des Sommers empfindet? Manchen zieht es im September dahin, wo die Stürme sind. Wenn September im Kalender steht und die Sonne leiser scheint, dann beginnt für mich die schönste Jahreszeit.

Eva Strittmatter, vielfach vertont, hat sogar sieben Gedichte über den September verfasst, den nebligen „Sehnsuchtsmonat“, in dem man hoffen will, „dass alles noch einmal beginnt“. Und wie viel Melancholie steckt in Hermann Hesses Gedicht September (1927), das der damals noch junge Dichter mit „Der Garten trauert, kühl sinkt in die Blumen der Regen“ beginnen ließ. Richard Strauss hat es später vertont. Doch meine Rosen werden bis zum November blühen, und ich genieße jeden Tag. Irmtraud Gutschke

B

Billie Holiday Große Sänger*innnen kennzeichnen sogenannte Signature Songs. Mit ihrer Version von Autumn in New York kreieren 1952 der junge kanadische Pianist Oscar Peterson und Billie Holiday einen Jazzstandard, der zu den 100 besten NYC-Songs und den bekanntesten Titeln im Great American Songbook gehört. Der melancholische Optimismus von Vernon Dukes Jazzstandard von 1934, in dem ein New Yorker Herbst sich „oft mit Schmerz vermischt“, den „zu leben, gut ist“, fand den perfekten Ausdruck in Billie Holidays sehnsüchtiger, einen Bruchteil hinter dem Beat hinterhersingender, von Drogen gezeichneter Stimme (Magie). Dazu Petersons subtile, leidenschaftlich gespielte Tasten und Dukes stimmungsvolle Musik, sein poetischer Text – „Glitzernde Menschenmengen, schimmernde Wolken in Stahlschluchten“: zum Verlieben. Helena Neumann

F

Französische Revolution Die Sturmglocken werden geläutet in Paris am 2. September 1792, soeben ist die Festung Longwy gefallen, der Weg frei für die Truppen der feudalistischen Reaktion Europas. Unter dem Ruf „Das Vaterland ist in Gefahr!“ greifen die Bürger zu den Waffen und stimmen ein Lied an, das sie gut kennen. „Ah, das geht ran, das geht ran, die Aristokraten an die Laterne, ah, das geht ran, das geht ran, die Aristokraten, hängt sie dran.“ Straßenmusikanten hatten es am 14. Juli 1790 spontan unter die Leute gebracht, als der Jahrestag des Bastille-Sturms gefeiert wurde. Jetzt erhitzt es die Gemüter umso mehr, als Gerüchte gestreut werden, royalistische Gefangene würden die Gunst der Stunde nutzen, ausbrechen und dem Feind die Hand reichen. Spontan ziehen Massen von Sansculottes zu den Pariser Gefängnissen Carmes und Abbay, sie singen, nein, schreien: „Die Aristokraten an die Laterne, und wenn sie alle, alle hängen, dann haut man ihnen die Schippe vor den Arsch!“ Es sterben über 1.100 Häftlinge. Später wird von „Septemberbrisaden“ oder vom ersten „Terreur“ der heraufziehenden Jakobiner-Diktatur die Rede sein. Lutz Herden

G

Green Day Wake Me Up When September Ends soll der zehnjährige Billie Joe Armstrong zu seiner Mutter gesagt haben, als sein Vater an Krebs starb. 22 Jahre später verarbeitete er diesen Satz zu einer akustischen Ballade auf dem Album American Idiot (2004). Green Days Werk war ein wichtiges zeitgenössisches Statement gegen die Bush-Regierung und den Irak-Krieg. Im Musikvideo von Wake Me Up wird der persönliche Verlust Armstrongs nicht mehr thematisiert, zu sehen ist ein junges Paar, das durch die Einberufung zum Krieg getrennt wird. Als Teenager fühlte sich der Song mehr nach Liebeskummer an. Erst als sechs Jahre später mein Vater plötzlich starb, haben die Zeilen Sinn ergeben. Susann Massute

H

Harvest Bei Neil-Young-Ultras ist das Harvest-Album umstritten. Manche finden, es klänge nicht düster und gebrochen genug. Doch das 1972 erschienene, mit vielen Musikern eingespielte vierte Soloalbum Youngs ist sein erfolgreichstes – und eines der bekanntesten Werke der Rockgeschichte. Es vereinigt Klassiker wie Out on the Weekend oder Heart of Gold. Und Harvest: ein honigsüßes, schimmerndes, wunderbar dahingleitendes herbstliches Folkpop-Stück, das Ernte (➝ Zyklus) mit Liebe verbindet: „Will I see you give more than I can take? Will I only harvest some?“Es sei wirklich sein bestes Album, so Young, live spielt er es aber nie komplett durch. Marc Peschke

K

Kurt Weill Neben so vielem anderen schrieb Kurt Weill (1900 – 1950) auch einen berühmten September Song. Der Musical-Hauptdarsteller Walter Huston (Vater des großen Regisseurs John Huston) war ein schlechter Sänger. Deshalb sollte die Melodie keine stimmliche Herausforderung sein. Aber sie setzt sich im Kopf fest und gilt bei Musikern als fast genial. Das Lied handelt davon, dass ein älterer Mensch mit seinem Liebeswerben nicht mehr so lange warten kann. 1950 wurde Weills Song im Hollywood-Film September Affair verwendet und später in manchen Filmen und Serien im Hintergrund zitiert. Hustons Enkelin Anjelica Huston sang ihn in einer TV-Serie, Woody Allen nannte Weills Komposition einmal den „größten amerikanischen Popsong“ (➝ Billie Holiday). Weills Ehefrau Lotte Lenya sang ihn auch. Sie führte eine Reihe von Interpret*innen an, die ihm ihren Stempel aufdrückten, von Ella Fitzgerald bis Max Raabe. Magda Geisler

L

Liebeskummer Es jingle-janglet ähnlich wie in der Version der Byrds von Bob Dylans Mr. Tambourine Man. Die Gitarre umhüllt uns wie ein Pullover aus reiner Schurwolle, frühmorgendlicher Herbst, letzte Getreidestoppeln auf den Feldern in der aufblitzenden Sonne, blasses Gelb. So richtig warm wird es jetzt nicht mehr. September’s not so far away – auf dem legendären Indie-Label Sarah Records aus der There and Back Again Lane in Bristol – erschien 1991. Wie jeder gute Popsong ist die Single der Field Mice ein Lied über Liebeskummer (Welke Blätter). Und wie in jedem guten Popsong ist hier alles ganz einfach. Was auch heißt: zu einfach, um es zu verstehen, obwohl eigentlich alle Fragen beantwortet sind. Weil sich „küssen“ auf „vermissen“ reimt – und weil das eine den Himmel bedeutet und das andere die Hölle ist. Die kommt natürlich erst noch, jetzt wo die Tage immer schneller immer kürzer werden – und der September irgendwann ganz weit weg ist. Mladen Gladić

M

Magie Viele Menschen spüren sich im Kapitalismus gar nicht mehr. Das ist systembedingt, die Trauer über das Von-sich-selbst-entledigt-Sein bei gleichzeitiger Funktionsnotwendigkeit würde wohl wie eine Säureflut im Kopf wirken. So wundert es nicht, wenn Menschen kaum noch ein Gefühl für Jahreszeiten haben. Für die Möglichkeit, einen Umbruch zu erfühlen ( Täuschungsmonat), eine Zeit zu verabschieden oder einen Anfang zu feiern. Es war der 19. September 1981, als im Central Park der Herbst in seiner allumfassenden Gefühlsfülle von Simon & Garfunkel in Musik verwandelt wurde und verzauberte. Wenn Sie, wie bisher 82 Millionen andere, The Sound of Silence auf Youtube hören und den Herbst spüren, dann leben Sie. Jan C. Behmann

O

Ohrwurm Earth Wind And Fires September aus dem Jahr 1978 ist einer der bekanntesten Hits dieser an Hits nicht armen US-Band. Und er lehrt etwas in Sachen Popmusik: Bis auf den Fakt, dass der Song im September aufgenommen wurde, bezieht er sich auf kein bestimmtes Ereignis im Herbst. Den 21. September, den Maurice White gleich zu Anfang erwähnt, wählte er allein wegen des Klangs: „Do you remember the twenty-first night of September?“ Songwriterin Allee Willis war zutiefst unzufrieden mit der Beliebigkeit des Textes, vor allem mit dem „ba-dee-ya“ im Refrain. In einem späteren Interview gab sie aber zu, von White etwas gelernt zu haben: Lass einen Text niemals dem Groove in die Quere kommen.“ Versteht jeder, der „ba-dee-ya“ nicht aus dem Kopf kriegt. Konstantin Nowotny

T

Täuschungsmonat Die Ella Fitzgerald aus Leipzig, nannte ein alter Bekannter sie einmal, und wenn Uschi Brüning September dahinschmelzt, expressiv, wie es ihre Art ist, kann man schon Gänsehaut kriegen. „September ist der Sehnsuchtsmonat“, singt die Jazz-Ikone, aber auch der „Täuschungsmonat“, in dem „alles noch mal beginnt, als ob wir ewig sind“. Ursprünglich wälzte die 1947 Geborene einmal Gerichtsakten, dann aber begegnete sie dem Saxofonisten Luten Petrowski und Manne Krug, mit dem sie sich bis zu dessen Tod durch Literatur und Noten swingte. Im Dunst des frühen Septemberlichts, ließe sich mit Brüning räsonieren, stehen wir an der Bruchstelle unserer Zeitlichkeit. Ulrike Baureithel

W

Welke Blätter Wagemutig sind deutsche Liedermacher, die französische Chansons, Hymnen wie jene von Jacques Brel, ins Deutsche bringen wollen. Meist wird es mittelmäßig. Les feuilles mortes, diese nostalgische Klage vom Ende einer Liebe, wanderte auch in unsere Breiten. Zuerst verlieh Yves Montand dem von Jacques Prévert geschriebenen, später vertonten Gedicht in Marcel Carnés Klassiker Pforten der Nacht (1946) seine wehmütige Eleganz. Nach dem Film entwickelte das Chanson ein Eigenleben, wurde von der Gréco gesungen, Joan Baez – und Wolf Biermann. Er macht es rotzig, wütet mehr, als er schmeichelt, hat wunderbar übersetzt:Ja, dieses Lied war wie wir beide / Passte so gut auf dich, auf mich / Und ohne alles Liebesgeleide / Liebten wir uns / Du mich, ich dich.“ Biermann singt vom Ende einer Liebe wie von einer verlorenen Schlacht. Seine Version ist stark, weil sie nicht nostalgisch ist. Auch die englische Variante, Autumn leaves, wurde häufig interpretiert, u. a. von Sinatra, leichtschwer, à la francaise. Maxi Leinkauf

Z

Zyklus Kein Herbst ohne Vivaldi! Vier Jahreszeiten heißt nicht nur eine Pizzasorte und eine Hotelkette, sondern auch sein bekannter Zyklus aus vier Violinkonzerten. Logisch, dass sich auf der 1725 veröffentlichten Notensammlung eine Vertonung der Blätterfall-Saison befindet. Sie klingt wie eine Karikatur des Frühlingsmotivs, ist schlichter und verblasst. Betrunkene Bauern feiern die Ernte (➝ Harvest Moon), sehnen aber auch wehmütig dem Sommer nach. Prächtig dann beginnt die Jagd, tönen Hörner auf. Gierige Hunde jagen fliehendes Wild. Ein Flintenschuss knallt. Wer Antonio Vivaldis barocken Ritt überhat, weil er zu oft im Fahrstuhl oder als Warteschleifenmusik dudelt, sollte bei Nicolas Chédeville hineinhören. Der Komponist hat Vivaldis Jahreszeiten für die Drehleier adaptiert, es klingt auch nach 250 Jahren nach einer frischen Interpretation. Tobias Prüwer

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06:00 06.09.2021
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Ausgabe 38/2021

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