Serben und Albaner

NATIONALISMUS Wie man ihn schürt und benutzt oder wie man ihn außer Kraft setzen kann

Nun ist auch dieser Krieg da. Das Jahrzehnt der eigenartigen Machtbalance im Kosovo, des Abwartens und Lauerns geht so zu Ende. Es war klar, daß im politischen Vakuum des Kosovo alles auf eine Entscheidung zusteuerte. Entweder würde es eine großzügige, perspektivisch gedachte Lösung geben oder Krieg.

Es ist Krieg, weil die NATO ihn zu ihrer Legitimierung braucht.

Auch Milosevic kann den Krieg gebrauchen. Er hält sich bisher durch die Krisen, die Spannung, die Isolation des Landes an dessen Spitze.

Und die dritte Behauptung: Gerade er ist für die NATO brauchbar. Er ist ein geeigneter Gegner, seine Reaktionen als Bösewicht sind im großen Kräftespiel berechenbar. Ihm - dem Schlächter, dem Irren, dem Diktator mit den mörderischen Energien, der Fratze unserer Vergangenheit, läßt sich die ganze Verantwortung für die Bomben, für die Toten, für die endgültige Zerstörung Jugoslawiens aufladen. Mit ihm läßt sich die Wichtigkeit der NATO in unser Bewußtsein implantieren. Und wenn der Tag seines Scheiterns heranrückt, werden zuguterletzt auch seine heutigen Anhänger in Serbien in diesen Konsens einstimmen können.

Kein Wort über das Elend der Kosovoalbaner, um die es angeblich geht? Doch. Dieses geduldige Volk - zu einem großen Teil Bauern, Handwerker, eingebunden in die patriarchalische Großfamilie, manchmal aber wiederum vogelfrei, als Flüchtlinge und Arbeitsuchende verstreut in der Welt - ist Manövriermasse für die serbischen und die albanischen Nationalisten und eben auch für die Strategen der Nato.

Einen Völkermord hat es im Kosovo bis zu diesem Krieg nicht gegeben! Auch wenn es so leichthin geredet und behauptet wird. Keine Massenvertreibungen, keine Menschenvernichtung. Es gab Terror, Willkür und eine Geschichte der Irrungen und Wirrungen. Unentschiedene Machtverhältnisse gab es seit langem. - Auch in einem März, 1981, ein Jahr nach Titos Tod, haben die ersten Unruhen im Kosovo Jugoslawien erschüttert. Sie fingen mit einer Demonstration von Studenten in PrisŠtina an, die über die Mensa und andere Studieneinrichtungen erbost waren. Bergarbeiter schlossen sich an, die Armee schlug nach einigen heftigen Tagen alle Bewegungen nieder, es gab Tote. Und wieder war die serbische Angst vor Sezessionsgelüsten der Provinzen Kosovo und Metohija geweckt.

Seit zehn Jahren ist es ein Gesellschaftsspiel, sich über serbische historische Reminiszenzen lustig zu machen. Daß sich ihr Nationalmythos ausgerechnet auf eine verlorene Schlacht gründet, hat vor allem die kroatischen Rivalen königlich amüsiert, und viele Deutsche plappern es nach, um ihr Eingeweihtsein zu demonstrieren. Doch Völker treten durch die seltsamsten Begebenheiten ins historische Licht. Die Ebene mit dem schönen Namen Amsel-Feld, Kosovo Polje, wurde zum serbischen Drehpunkt, weil hier vor 600 Jahren alle Energie des Staates im Kampf gegen die vorrückende osmanische Macht gebündelt wurde, auch die anderer Völker übrigens, die sich anschlossen, darunter sicher auch Albaner, die sich ja wie die Griechen, Serben, Bulgaren, Makedonen, Rumänen gegen die Eroberung zur Wehr setzten. Auf dem Kosovo Polje unterlagen sie in einer für beide Seiten so verlustreichen Schlacht, daß auch das Osmanische Heer für rund hundert Jahre seine Bewegung einstellte.

Im Kosovo lebten die Serben von nun an als steuerpflichtige Untertanen der Osmanen. Das serbische Patriarchat und die orthodoxen Klöster mit den mittelalterlichen byzantinischen Wandmalereien existierten dort im Schutz oder Schatten der religiösen Toleranz der islamischen Herrscher. Albaner siedelten sich allmählich an, suchten Ackerland auf der fruchtbaren Hochebene oder wurden umgesiedelt von osmanischen Beamten, die sie hier mehr unter Kontrolle glaubten als im nordalbanischen Gebirge.

Nationalbewußtsein kann in unterschiedlichen Situationen emanzipierend oder regressiv wirken. Das gilt auch für die Albaner, die Nachfahren der Illyrer, deren neuzeitliches Nationalbewußtsein erst später erwachte. Fast wären sie nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs, als in Berlin 1878 dessen Erbe verteilt wurde, unberücksichtigt geblieben. Dann wäre ihr Schicksal dem der Kurden ähnlich geworden. Aber sie haben schließlich noch ihren Staat erstritten, auch wenn er nicht alle Albaner umfaßte. Und darin sind sie wiederum den Serben ähnlich, die außer in Serbien auch in Kroatien und Bosnien leben. Solche Zerstreuung füttert den Nationalismus. Nur durch Gleichberechtigung, Wohlstand, kulturelle Autonomie verliert er an Wirkungskraft. Heute gibt es in dieser Region einen von der Welt mild betrachteten und einen verabscheuten Nationalismus.

Zu den nationalen Mythen der Serben gehört des weiteren ihr zäher Kampf um die Befreiung von der türkischen Herrschaft und endlich auch der Befreiungskrieg 1941-1945. In Serbien wurde eben keine prodeutsche Regierung gebildet, sondern es kämpften sowohl die königstreuen Tschetnik's (Cetnici) gegen die Wehrmacht als auch und vor allem Titos multinationale Partisanen. Die ersten Partisanen aber waren - neben politisch motivierten Menschen aus den jugoslawischen Städten - jene Serben, die im faschistisch-katholischen Ustascha-Kroatien ebenso unerbittlich verfolgt und erschlagen wurden wie Juden, Zigeuner und Kommunisten.

Die Partisanen waren erfolgreich, weil sie den Nationalismus ächteten. So gelang es, daß auch kosovoalbanische Einheiten in ihren Reihen kämpften, obwohl auf dem Kosovo - im Unterschied zu Albanien - die Neigung zur Kollaboration mit den Besatzern vorherrschte. Die Idee der Abspaltung war schon damals virulent, auch wenn die Serben noch ein Viertel der Bevölkerung ausmachten.

Als sich nach dem Krieg, der hier alles durcheinandergewirbelt hatte, die Balkanstaaten neu formierten, verhandelten Jugoslawien, Bulgarien und Albanien über eine Union. Der Gedanke wirkte attraktiv bis nach Griechenland und versandete erst nach dem Bruch Titos mit Stalin. Von Jugoslawien ging etwas Utopiebildendes aus: Überwindung der Grenzen und der nationalen Gegensätze. Schätzen wir nicht in Europa diese Slogans? Wer die Ausstrahlung Jugosla wiens, auch die spätere, vergißt oder unterschlägt, versteht die Geschichte nicht, weder die Bindungen und Sympathien noch die Heftigkeit der Verdammungen. Die Serben sahen Jugoslawien stark als ihr »Projekt« an und meinten in den Jahren des Zerfalls, sie hätten sich zugunsten des Ganzen zu sehr zurückgenommen. Das gehört zum beleidigten Teil des serbischen Nationalismus, aber wie so oft gibt es darin auch einen wahren Kern.

Das Jugoslawien der Serben und Montenegriner ist immer noch ein multinationaler Staat, mit rund 60 Prozent Serben, Ungarn, Albanern, Sinti, Roma und anderen, quasi der letzte auf dem Balkan. Ein Teil der Serben reagierte mit dem finsteren, beleidigten, aggressiven Nationalismus auf den Zerfall Jugoslawiens, der andere Teil der Serben steht hartnäckig und unablässig in Opposi tion zu Milosevic´. Daß sie sich bist jetzt nicht gegen ihn durchsetzen konnten, sollte nicht zur Herablassung und Entsolidarisierung verführen. In der Opposition ist das Bild verbreitet, daß es sich letztlich um einen Konflikt zwischen ländlicher und urbaner Kultur handelt. Die dörfliche Denkweise geht von den einfachen Weltbildern aus. Sie teilt ein in ethnische oder religiöse Gruppen, sie hält sich an das Freund-Feind-Schema und klammert sich an die Zugehörigkeiten. Die urbane Kultur schätzt die Differenzierung, ihre Hauptlosung heißt »Zivilgesellschaft«. Nirgendwo sonst scheint derzeit das Wort Zivilgesellschaft mit solcher Sehnsucht angefüllt zu sein wie in der serbischen Opposition.

Die Opposition hatte auch für den Kosovo einen Vorschlag, schon seit langem: Gestützt auf die albanische Schicht, die sich in Jugoslawien sozialisiert hatte, hätte die Integration gefördert werden müssen, und Parteien der Kosovaren hätten offen die Fragen von Bindung an Jugoslawien oder der Abtrennung austragen sollen. So hätte sich die Gesellschaft differenziert. Statt dessen hat Milosevic´ in der Verfassung Jugosla wiens im März 1989, noch vor dem Zerfall der Föderation, dafür gesorgt, die Autonomie des Kosovo zu beschneiden. Mit seiner Politik hat er die vielen Albaner aus Belgrad und anderen Städten zurück in den Kosovo getrieben und zu ihrer Homogenisierung beigetragen. Er hat die Gründung einer Partei der Kosovo-Serben unter dem Faschisten und Mafioso Arkan zugelassen oder selbst betrieben. Er hat einen Abgrund zwischen den Serben und Albanern (wieder)geöffnet und vertieft. Und hat damit den albanischen Nationalisten eine perfekte Plattform bereitet.

Im Kosovo ist in der Bevölkerung ein enger Zusammenhalt entstanden, der bestechend ist. Seine Kehrseite ist die Unterordnung unter die Ideologen und die Oberhäupter der Großfamilien. Die Zukunft wird kaum im Detail diskutiert, denn lange verschwiegen alle albanischen Politiker taktisch das Sezessionsbegehren. Die Bevölkerung ließ sich auf die Sprachregelungen ein. Man gewöhnte sich im Kosovo ein augenzwinkerndes Sprechen an. Fragen paßten nicht. Jetzt sind sie zugedeckt von NATO-Bomben und UCK-Kampfentschlossenheit. Eine ähnliche Homogenisierung wird nun die Serben im eigenen Land ereilen.

Zwischen Pathos und Kitsch, offenen Lügen, verräterischen Indizien und Schreckensnachrichten suchen wir Zuschauer die Orientierung. Die Gesellschaft ist in Gefahr, ihr Denken der militärischen Logik auszuliefern.

Auf einer Kundgebung mit 20.000 Teilnehmern am Wochende in Berlin für ein Ende der NATO-Aktion versuchte ein Serbe immer wieder seine Leute zu dem Spruch zu animieren: Ne damo Kosovo! Wir geben den Kosovo nicht auf. Bis seine Tochter energisch seinen Arm herunterzog: Sie merkte, daß es nicht paßte, hier, wo gegen den Krieg geredet wurde, mit deutscher Selbstkritik. Dann kaufte ich Tomaten bei einem jungen Türken. Der sagte: »NATO muß bombardieren. Die Serben töten alle dort, weil sie nicht dieselbe Religion haben.« Als er meine skeptische Miene sah, hängte er an: »Alle, alle töten sie. Ehrlich!«

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00:00 02.04.1999

Ausgabe 41/2021

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