Serbien sehr allein

Nach dem Mord an Zoran Djindjic Die Destabilisierung ist noch nicht am Ende

Die Kugel kam aus einem Präzisionsgewehr mit Namen Schwarzer Pfeil, herstellt in Kragujevac, dem 1999 von der NATO fast völlig zerbombten größten serbischen Industrieareal. Als Zoran Djindjic im Januar 2001 Ministerpräsident Serbiens wurde, war das Land ruiniert. Daran hatten die jugoslawischen Bürger- und Sezessionskriege ihren großen Anteil, die nicht von den Serben allein in Gang gesetzt worden waren, wie jetzt stets behauptet. Acht Jahre Embargo, die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Krajina, aus Bosnien und dem Kosovo und letztendlich die Zerstörungen in dreimonatigen Bombardements hatten Serbien zermürbt - schlimmer konnte es kaum aussehen.

Immerhin gab es seit Mitte der neunziger Jahre eine starke und beharrliche Demokratiebewegung, die in immer neuen Anläufen, mit Massendemonstrationen über Monate hin, mit regionalen Siegen ein Gegengewicht zu den Nationalisten um Vojislav Seselj und zu den Angehörigen im Staatsapparat von Milosevic aufbauten. Als der am 5. Oktober 2000 gestürzt wurde, konnte auf diese Kräfte gerechnet werden. Djindjic war der Stratege dieses Umsturzes, das wussten alle. Und er hat mit der Polizei, vor allem mit deren martialischer Sondereinheit Rote Barette, einen Deal machen können: Sie haben nicht geschossen. Was ihnen dafür versprochen worden sein mag, war nicht so klar ablesbar aus den Ereignissen. Es könnte eine Art Freibrief gewesen sein, ein zeitweiliger.

Zoran Djindjic hatte schon bis zu jenem Oktober vor zweieinhalb Jahren eine ungeheure Menge an widersprüchlichen politischen Erfahrungen gesammelt: einige Monate Gefängnis als Student, noch unter Tito, ein Philosophie-Studium bei Habermas in Deutschland, nach seiner Rückkehr 1989 die Gründung der Demokratischen Partei, die Rolle eines oppositionellen Abgeordneten im serbischen und im jugoslawischen Parlament in der Milosevic-Zeit. Er ging das kämpferische, zeitweilig erfolgreiche Anti-Milosvic-Bündnis Zajedno mit dem Schriftsteller und Nationalisten Vuk Draskovic ein, das Djindjic auf den Stuhl des Belgrader Bürgermeisters brachte und nach sieben Monaten wieder von dem Posten verstieß - durch ein Misstrauensvotum des Egomanen Draskovic. Auch mit Radovan Karadzic ließ er sich kurz ein, als sich Milosevic 1994 - ein Jahre vor dem Ende des Krieges in Bosnien - von ihm distanzierte. Er hat sich von Mitstreitern rigoros getrennt, auch von Vojislav Kostunica, hat politische Anhänger enttäuscht und die eigene Position ständig ausgebaut, vor allem seit er Ministerpräsident war, wo er alle möglichen Tricks in politischen Auseinandersetzungen zu handhaben wusste.

Auch mit der organisierten Kriminalität fand er einen oft beargwöhnten modus vivendi, das aber war sicher eine Notwendigkeit, vielleicht der berühmte Pakt mit dem Teufel, der selten gut ausgeht. Denn in den Jahren des Embargos entstanden als Form der Selbsterhaltung die Schmuggel-Strukturen in Serbien, von denen niemand annehmen konnte, dass sie wie auf Kommando wieder verschwinden würden. Heute noch sollen bis zu 60 Prozent der lebensnotwendigen Güter über den Schwarzmarkt vertrieben werden. An fünf Fingern kann man sich ausrechnen, dass es zu einer kaum entwirrbaren Verschlingung von Mafia, Polizei, Zoll und Politik kommen musste: unter den Bedingungen von Krieg, internationaler Isolierung, innerer Willkür und wachsender wirtschaftlicher Not, in einer Grenzregion, in der sich weltweite illegale Handelswege kreuzen. Allein deswegen konnte die Destabilisierung Jugoslawiens nie im europäischen Interesse liegen. Aber es ist geschehen und noch nicht zu einem Ende gekommen.

Daran ist auch eine westliche Erpressung schuld: Als Zoran Djindjic und seine DOS-Koalition aus 18 Parteien und Gruppen diese bankrotte Gesellschaft Ende 2000 zu reformieren begannen, als das Embargo aufgehoben und ein europäischer Kreditplan vorgelegt wurde, blieb die Auszahlung der Kredite von der Auslieferung Milosevics an den Internationalen Gerichtshof in Den Haar abhängig. Djindjic hatte keine Wahl. Ohne Kredite war ein Neubeginn nicht denkbar.

Warum Milosevic unbedingt und sofort nach Den Haag musste, wird in diesen Tagen sichtbar: der NATO-Einsatz gegen Jugoslawien soll ohne einen Hauch des Zweifels in die Geschichte eingehen und als Beweis für die Kriege zur Verfügung stehen, die heute vorbereitet und geführt werden. Keine Chance wurde Serbien gelassen, selbst den Prozess gegen Milosevic zu führen, was dort eine weit verbreitete Forderung war und vielleicht die ausgebliebene Katharsis angestoßen hätte. Dass aber auch nach der gewaltsamen Auslieferung von Milosevic die zugesagten Kredite ausblieben, war für Djindjic wie eine Katastrophe. Er hat dennoch nicht aufgegeben. Seine Verbindungen nach Deutschland, die ihm in Serbien viel Misstrauen eintrugen, haben ihn vielleicht bestärkt. Welche Unterstützung er aus Deutschland erhielt, ist schwer zu sagen. Genügt hat sie nicht, um auch nur einen minimalen Aufschwung zu bewerkstelligen.

Belgrader, die ihn kannten und für vieles kritisierten, billigten ihm doch eine Klugheit zu, die über seinen berühmten politischen Pragmatismus hinausging. Sie meinten und hofften, Djindjic verfolge ein langfristiges Konzept für den gesellschaftlichen Umbau. Das waren Gespräche vor seinem Tod. Jetzt steht das Land unter einem Schock. In dem großen dunklen Beerdigungszug trauerten die Menschen auch um sich selbst, weil die scheußliche Tat die Angst vermehrt und die Perspektive verdunkelt.

00:00 21.03.2003

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