Vergiss den Bullshit-Job!

Serien Dobrila Kontić über „Severance“ – den (Alb)-Traum der Trennung von Arbeit und Leben

Seit Jahren wird der Anglizismus Work-Life-Balance als Begriff für einen gesunden Umgang mit Arbeit verwendet – in der pandemischen Gegenwart hat er an Bedeutung noch gewonnen. Wie man das Konzept ins Äußerste extrapolieren kann, davon handelt nun die AppleTV+-Serie Severance: Hier hat das Unternehmen Lumon Industries die titelgebende Prozedur „Severance“ entwickelt, in deren Rahmen sich Job-Anwärter*innen freiwillig ein Implantat einsetzen lassen, das ihr Erinnerungsvermögen fortan räumlich bindet. Sobald im Büro von Lumon Industries angekommen, können die Implantat-Träger*innen auf keinerlei Erinnerung an ihr Privatleben zurückgreifen – und außerhalb des Gebäudekomplexes können sie sich an nichts erinnern, was bei der Arbeit geschah.

Die Einstiegsszene von Severance verdeutlicht an Neuankömmling Helly (Britt Lower), wie die Einführung in diese neue Daseinsform abläuft: Aus Vogelperspektive fängt sie die Kamera auf einem Konferenztisch liegend ein. Über eine Gegensprechanlage wird Helly nach ihrem Namen, ihrem Geburtsort, der Augenfarbe ihrer Mutter befragt – keine dieser Fragen kann sie beantworten, womit die Operation als voller Erfolg gilt. Was Helly an Eingewöhnung bevorsteht, hat ihr Vorgesetzter Mark (Adam Scott) schon hinter sich: Vor zwei Jahren unterzog er sich der „Severance“-Prozedur, nachdem seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kam und er sich nach täglich acht Stunden sehnte, in denen er nicht an sie denken musste.

Mit der Operation wurde eine erinnerungs- und geschichtslose Arbeits-Version seiner selbst erschaffen, die nur in den retrofuturistisch anmutenden Räumlichkeiten des Lumon-Gebäudekomplexes existiert. Abseits davon sehen wir Mark als zurückgezogen lebenden Witwer, der nur noch Kontakt zu seiner Schwester Devon (Jen Tullock) und dessen herrlich selbstbezogenem Philosophen-Mann Rick (Michael Chernus) pflegt. Beide sehen das „Severance“-Programm kritisch, auch in der punktuell präsenten Öffentlichkeit regen sich Proteste gegen den Konzern.

Die von Showrunner Dan Erickson entwickelte Erzählprämisse von Severance mag wie der Auftakt zu einer weiteren Dystopie anmuten. Doch die erste Staffel ist eher als Allegorie auf die mitunter bizarren Auswüchse des „9-to-5“-Angestelltendasein angelegt: Marks Abteilung schimpft sich völlig obskur „Macrodata Refinement Department“. Die von ihm als „mysteriös und wichtig“ beschriebene Arbeit besteht darin, am Monitor eine völlig undurchsichtige Sortierung von Daten vorzunehmen, über deren wahren Inhalte die Mitarbeitenden – neben Helly der ordnungsliebende Irving (John Turturro) und der gleichmütige Dylan (Zach Cherry) – nur wild spekulieren können. Diese Intransparenz erstreckt sich weiter über rätselhafte Vorgänge in anderen Abteilungen bis zur Unwissenheit darüber, was Lumon Industries, 1866 gegründet, tatsächlich verarbeitet oder herstellt. Im Gegenzug sind die Corporate- Identity- und Verhaltens-Regularien vom Konzern klar vorgegeben: Es gilt, einmal täglich das in Stein gemeißelte Konterfei des Firmengründers anerkennend zu betrachten, sich über Belohnungen wie eine fünfminütige Musiksession zu freuen und die stundenlange mentale Folter zu erdulden, die von der gefühlskalten Führungskraft Harmony (grandios: Patricia Arquette) bei kleinsten Regelwidrigkeiten angeordnet wird. Von Compliance-Irrsinn über die von David Graeber 2018 beschriebene Theorie der „Bullshit Jobs“ bis zur Verantwortungsverschleierung findet vieles an fragwürdigen Arbeitsphänomenen des 21. Jahrhunderts in Severance – auf manchmal urkomische Weise – Eingang.

Der Widerstand, der sich schließlich im Verlauf der neun Episoden gegen das „Severance“-Programm regt, formiert sich überraschenderweise nicht von außen, sondern aus den Reihen der um ihre Lebensgeschichte beraubten Arbeitswesen. Überraschend deshalb, weil die „realen“ Personen, die sich „Severance“ unterzogen haben, wohl nie vermutet hätten, dass ihre Arbeits-Ichs ein Bewusstsein und Begehrlichkeiten fernab der Privatheit entwickeln könnten. Und genau hier erinnert diese sehenswerte Serie daran, was am Begriff Work-Life-Balance auszusetzen ist: Er suggeriert, dass Arbeitszeit keine Lebenszeit sei – und der Mensch auf Arbeit folglich kein ganzer Mensch.

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