Service, Leute!

An keine andere Berufsgruppe stellt die moderne Dienstleistungsgesellschaft ähnlich hohe Anforderungen wie an die Tankstellenbetreiber. ...

An keine andere Berufsgruppe stellt die moderne Dienstleistungsgesellschaft ähnlich hohe Anforderungen wie an die Tankstellenbetreiber.

Was erwarten wir beispielsweise schon von einem Bäcker: Unser täglich Brot (möglichst von heute), Brötchen, Kuchen und als geistige Nahrung Deutschlands größte Kaufzeitung. Die Leistungen eines Fleischers beschränken sich auf nicht viel mehr als Fleisch, Wurst, Schmalz und Deutschlands größte Kaufzeitung.

Um gleich bei den Zeitungen zu bleiben: In meiner Tankstelle stehen der lesefreudigen, wissbegierigen Kundschaft circa 90 Titel aus dem In- und Ausland zur Verfügung - von Ich, der Familienzeitschrift für Singles bis zu Hunger, dem Organ der Sozialhilfedemokratischen Partei Deutschlands.

Jeden Morgen stellt meine Frühschicht für das Regierungspräsidium einen Pressespiegel zusammen. Tagtäglich setzen wir fünf, sechs Pressemitteilungen mit den neuesten Heldentaten des Regierungspräsidenten ab. In unserem Eigenverlag erscheinen der Nieselwitzer Götterbote und weitere Hochglanz-Magazine. In einem halben Jahr haben wir unsere eigene Nachrichtenagentur.

Frisch verweste Blumen zu soliden Überpreisen gibt es bei uns zwar immer noch, aber damit längst nicht mehr genug. Wir durften schon zweimal die Landes-Gartenschau ausrichten, und nächstes Jahr wird die Grüne Woche erstmals auf dem Gelände unserer Tankstelle stattfinden. Ganz bestimmt kennen auch Sie das "Speiseangebot" von Tankstellen aus früheren Jahren: Zwischen zwei Brötchenhälften aus Kunststoffharz befestigt, in Gesenkschmieden unter großer Hitze und unter gewaltigem Druck gefertigte Hackfleischpresslinge, verziert mit einem Salatblatt anorganischen Ursprungs; von der verschleppten Trockenfäule befallene Schnitzel auf Brötchenhälften aus mehrlagiger Hartpappe; Schokoriegel mit einer Extraportion Karieserreger und andere "Leckereien".

Heute sind wir die erste deutsche Fünf-Sterne-Tankstelle. Der Herr Bundespräsident speist regelmäßig bei uns mit Gästen aus aller Welt. "Ihre Holländische Sauce ist nicht nur ein Gedicht, sondern eine Hymne", schwärmt er immer. "Fast schon eine Nationalhymne".

Wir waren es auch, die Urlaub in der Tankstelle zu einem Begriff werden ließen. Wir sind radfahrer-, pferde- und sogar kinder-freundlich. Alle unsere Zimmer sind mit Kontoauszugs-Druckern, Großkopierern und Patriot-Abwehrsystem ausgestattet. Auf Wunsch organisieren wir Themenwanderungen zum Güterbahnhof oder in die blühenden Landschaften des teilerschlossenen Gewerbegebietes. Bei Zimmerstornierungen zeigt sich unser Haus überaus kulant.

Können Sie sich noch an die unseligen Diskussionen erinnern, als es darum ging, Medikamente in Tankstellen zu verkaufen? Die Apotheker zweifelten doch tatsächlich die Kompetenz der Tankstellenbetreiber in puncto Heilmittel an. Als ob wir nicht wüssten, was gut für uns ist.

Inzwischen gehen gerade von den Tankstellen wertvolle Impulse für den medizinischen Fortschritt im ganzen Land aus. Klar, die erste Nierentransplantation fand noch in unserer Waschanlage statt. Und ich habe dabei noch Blut und Wasser geschwitzt. Aber so seit zwei, drei Jahren bekomme ich regelmäßig Einladungen zu Ärztekongressen in Paris, Tokio, New York, Zürich und anderswo. Die Kollegen sagen, meine Vorträge lägen weit über dem Durchschnitt.

Sie sehen, Service wird bei uns mit großem "S" geschrieben. Nur neulich musste ich passen. Da fragte mich doch ein Kunde, ob ich ihm mal kurz helfen könnte, die Eselsohren aus seinen Scheibenwischblättern zu entfernen. Ob der mich bloß veräppeln wollte?

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00:00 26.09.2003

Ausgabe 38/2021

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