Volkmar Sigusch
23.12.2010 | 11:00 31

Sex – eine schöne Bescherung

Lust Die Begriffe von 1900 und 1968 erklären nichts mehr: Die Neosexuellen leben eine neue Geschlechtlichkeit. Die Zukunft aber könnte asexuell werden

Ein Riesenproblem ist, dass wir über Sexualität immer noch so denken wie vor hundert Jahren. Damals, um 1900, ereignete sich die erste sexuelle Revolution. Sexualforscher wie Sigmund Freud veröffentlichten Werke, die uns noch heute beschäftigen. Die heutigen Geschlechter-, Liebes- und Sexualverhältnisse können sie uns aber nur noch teilweise erklären. Auch mit den Ansichten, die aus der Zeit der zweiten sexuellen Revolution um 1968 stammen, kommen wir nicht mehr weit. Denn seit den achtziger Jahren haben sich die Sexual- und Geschlechterverhältnisse in den reichen Ländern des Westens so drastisch verändert, dass von einer dritten oder neosexuellen Revolution gesprochen werden kann, die bis heute Neosexualitäten, Neogeschlechter und Neoallianzen hervorbringt.

Wann immer Sex in den Medien auftaucht, wir darüber reden, werden die unterschiedlichen historischen Ebenen der Sexualität vermengt und verwischt. Das erschwert die Debatte, es führt zu Missverständnissen und Intoleranzen – unnötigerweise.
 

Kalkulierend in die Marktgesellschaft eingefügt

Während die symbolische Bedeutung der alten Sexualität, die Paläosexualität genannt werden sollte, extrem hoch war, unterliegen die Neosexualitäten oft nach einem medialen Strohfeuer einem Prozess der allgemeinen Banalisierung. Sie sind nicht mehr die große Metapher der Lust und des Glücks. Wurde die alte Sexualität als dramatisch erlebt, sind die neuen Sexualitäten zu einer angenehmen Freizeitbeschäftigung entdramatisiert worden. Wurde früher die sexualmoralische Sphäre politisiert, wird sie heute individualisiert. War die Paläosexualität mit der Utopie verbunden, die ganze Gesellschaft befreien zu können, sind die Neosexualitäten konkretisierend und kalkulierend in die Marktgesellschaft eingefügt oder existieren unbehelligt an ihrem Rand.

Zur Zeit der 68-Revolte drehte sich alles um sexuelle Lust. Sie war auch die Bedingung der Möglichkeit, abweichende Sexualitäten anzuerkennen. Aus dieser Lust der zweiten sexuellen Revolution, die immer wieder an die Wollust der ersten sexuellen Revolution erinnerte, ist inzwischen die Wohllust, die Wohlfühl-Lust, der dritten sexuellen Revolution geworden: Nur keinen negativen Stress bei der Suche nach einem Abenteuer, dann doch lieber bei einem Glas Prosecco durch das Internet gleiten. Das heißt aber nicht, dass die Neosexuellen nicht auch den Kick und den Thrill suchen – wie ihre öffentlichen Paraden zeigen. Und es heißt auch nicht, dass sie vor lauter Entspannung die Schattenseiten der Sexualität – Krankheiten, Traumatisierungen und Gewalt – ausblenden, eher im Gegenteil.

Im Zentrum der alten Sexualität standen die heilige Ehe, das Problem der Verhütung und der Abtreibung. Hinzu kamen die Pubertät und die sexuelle Aufklärung in der Schule, eine verhüllte Nacktheit und pornografische Stellungen beim Koitus. Der Orgasmus war der Höhepunkt schlechthin. Der Mann war in jeder Hinsicht der Frau überlegen. Den jungen Mann trieb eine Dampfkesseltriebhaftigkeit an. Die anständige Frau war sexuell frigide.
 

Aufstieg der Selbstbefriedigung


 

Charakteristisch für die Neosexualitäten dagegen ist zunächst einmal die Renaissance der weiblichen Sexualität als eigenständige Sexualform. Hinzu kommen eine Auseinandersetzung um Geschlechterdifferenzen und ein Frau-Mann-Verhältnis, in dem die Geschlechter moralisch gleichwertig und nicht mehr voneinander finanziell abhängig sein sollen. Liebesbeziehungen sind für den Moment verbindlich, können aber jederzeit von Männern wie Frauen aufgehoben werden. Alte feste Beziehungen gehen über in neue weiche Beziehungen. Der Aufstieg der alten Selbstbefriedigung zu einer sogar in Beziehungen akzeptierten eigenen Sexualform und die insgesamt immer größer werdende Liebe zu sich selbst kreierten so etwas wie Selfsex. Dazu passen diverse Formen der Internetsexualität einschließlich bisher unbekannter Formen der sexuellen Süchtigkeit.

Viele früher verpönte und verfolgte sexuelle Vorlieben und Praktiken sind inzwischen entpathologisiert und weitgehend von Scham und Schuld befreit worden, insbesondere Homosexualität und Bisexualität – wohlgemerkt bei uns, nicht in anderen Kulturkreisen, wo Homosexuelle mit Gefängnis und Tod bedroht werden. Bei uns dagegen können auch fetischistische, transvestitische oder sadomasochistische Vorlieben offen gelebt werden. Während sich junge Leute für thrillproduzierende, halbperverse öffentliche Events begeistern, versuchen alte Männer, sich dank prothetisierender Präparate wie Viagra noch einmal eine jugendliche Gliedversteifung zu verschaffen. Nach wie vor verpönt aber sind pädophile und pädosexuelle Verhältnisse, die durch erschütternde Missbrauchsfälle jede Chance auf eine kulturelle Akzeptanz verloren haben.
Neben die alte Ehe und die alte Familie sind durch die dritte sexuelle Revolution auch diverse Beziehungsgeflechte von Personen mit differenten sexuellen Orientierungen als Neoallianzen getreten. Das reicht von der Kleinstfamilie, die aus einem Erwachsenen und ­einem Kind besteht, über die gleichgeschlechtlichen, staatlich anerkannten Lebenspartnerschaften bis hin zur Polyamorie, bei der eine Person gleichzeitig mit mehreren anderen in offenen Liebesverhältnissen lebt. Die kulturelle und wissenschaftliche Rechnung „ein-Mann-und-eine-Frau“ wird immer altertümlicher. Insgesamt sind heute Freundschaftsbeziehungen ohne Blutsbande für viele Menschen wichtiger als die Herkunftsfamilie.

Als Neogeschlechter stoßen wir auf diverse Formen, die mit der bisherigen kulturellen Zweigeschlechtlichkeit spielen oder ihr widersprechen. Zu denken ist an Intersexuelle, die körperlich zwischen den beiden vorgegebenen Geschlechtern stehen und nach wie vor von der Medizin schandbar behandelt werden. Oder an Transgender, die geschlechtlich psychosozial abweichen, und an Transsexuelle, die das angeborene Bio-Geschlecht aus eigener Kraft oder mit Hilfe von Psychotherapeuten und Ärzten aufgeben. Ein atemberaubendes Ergebnis ist dann, dass Bio-Männer als operierte Neo-Frauen eine Bio-Frau heiraten, die jetzt ein operierter Neo-Mann ist.
Damit aber nicht genug. Zu den neuen Lebensformen gehören auch solche, in denen sich Gefühle und eine Drangliebe auf Tiere oder Gegenstände richten. Die neue Tierliebe, die Kultursodomie oder Neozoophilie genannt werden könnte, ist für Millionen Menschen inzwischen an die Stelle einer zwischenmenschlichen Beziehung getreten. Diese Kultursodomiten lieben ihr Tier wie einen Menschen, sprechen mit ihm, herzen und küssen es, gehen mit ihm zum Friseur und Psychotherapeuten und würden es heiraten, wenn das möglich wäre. Als ich einmal öffentlich von einer „sodomitischen Lebenspartnerschaft“ sprach, standen unsere Telefone nicht mehr still, weil die Tierliebenden wissen wollten, wann das Gesetz in Kraft tritt.

Ende eines Zeitalters


 

Die Drangliebe, die sich auf Gegenstände richtet – Objektophilie oder Objektsexualität – fällt viel weniger aus dem gesellschaftlichen Rahmen, als angenommen wird. Wer bedenkt, wie viele Menschen tote Gegenstände wie ihr Auto oder ihre Handtasche pflegen, bis hin zu Zeichen der altsexuellen Erregtheit – Glanzauge, Sex Flush und Tremor – der wird kaum noch bereit sein, Objektophile, die sich in ein Musikinstrument, ein Schiff oder eine Maschine verliebt haben, geisteskrank zu nennen.
Einer der stärksten Trends jedoch ist der zur Asexualität. Die Asexuellen haben sich von der Sexualität ganz abgewandt und leben so das Prinzip der Entregelung vielleicht am konsequentesten aus. Sie beweisen, dass es heute sogar möglich ist, offen und akzeptiert ohne sexuelle Lust und ohne sexuelle Beziehungen zu leben. Sie machen jungen Leuten Mut, denen der sexuelle Zirkus ohnehin unangenehm ist. Sie ermutigen aber auch ältere Menschen, die an einer Liebesbeziehung festhalten wollen, obgleich sich das Sexuelle längst verflüchtigt hat. Für einen Sexualforscher sind die im Netz organisierten Asexuellen insofern der Clou, als sie uns daran denken lassen, dass das sexuelle Zeitalter, das vor etwa 200 Jahren begann, auch wieder verschwinden kann.

Kommentare (31)

MaxKretzschmar 23.12.2010 | 13:31

Als erstes fiel mir auf: Volkmar Sigusch beschreibt "abweichende Sexualitäten" ohne sein gesetztes Normativ zu nennen - und verbleibt mit seiner Begrifflichkeit sehr weit hinter den beschriebenen Phänomenen zurück: Klingt wie die Sprache eines Sexualwissenschaftlers aus dem vorigen Jahrhundert. Und vieles von dem, was er beschreibt, ist schon sehr lange bekannt - und ohne das Diktum der "abweichenden Sexualitäten" von Sigusch. Bemerkenswert ist daneben, dass der Sexualwissenschaftler, bei dem ich eine gewisse Strukturiertheit vorausgesetzt hätte, wie in einem bunten Gemüsebeet Sexualität, Begehren, sexuelle Orientierungen und sexuelle Identitäten durcheinanderwurschtelt.

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belle-hopes 23.12.2010 | 13:46

Heiliger Bimbam, was für eine Bescherung. Was mir zuerst auffällt: neosexuell, sind wir jetzt in der Wirtschaft? Oder braucht der Homo germanicus einfach solche Kategorien? Dann: paläosexuell, wieder ne Kategorie, ohne machts ja keinen Spass. Abgesehen davon, dass ich diese Zurschaustellung von Sexualität und die ständige Präsenz des Themas "irgendwie" überflüssig finde, ich meine den Leuten sollte es auch ohne diese Sexualisierung jedes Dinges möglich sein ihre Triebe auszuleben, was soll mir dieser Text nun sagen? Freud, den ich persönlich für einen Frauenhasser halte und der daher vielleicht nicht allzu geeignet halte als Vorbild. Und von dieser ganzen Sexualforschung halte ich auch nicht viel. So ehrlich muss ich jetzt sein. Vermutlich ist den Menschen am besten gedient, wenn man mal dieses höchst persönliche Thema nicht überall breit treten und zerreden würde, sondern man macht es oder auch nicht. Punkt. Aufklärung muss sein, auch in punkto AIDS. Ich sehe auch ein, dass "sex sells". Aber um Himmelswillen, eine Theorie und Wissenschaft aus einer Sache machen, die vom Individuell- Sein und seiner Mystik lebt, das ist Zuviel der Egozentrik.

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preussenmichel34 23.12.2010 | 14:54

"Während die symbolische Bedeutung der alten Sexualität, die Paläosexualität genannt werden sollte, extrem hoch war, unterliegen die Neosexualitäten oft nach einem medialen Strohfeuer einem Prozess der allgemeinen Banalisierung. Sie sind nicht mehr die große Metapher der Lust und des Glücks. Wurde die alte Sexualität als dramatisch erlebt, sind die neuen Sexualitäten zu einer angenehmen Freizeitbeschäftigung entdramatisiert worden. Wurde früher die sexualmoralische Sphäre politisiert, wird sie heute individualisiert"

Dazu fiel mir spontan ein Satz eines Kabarettisten ein :

Shoppen und Poppen !

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Ehemaliger Nutzer 23.12.2010 | 18:49

Sex mit Kindern gabs auch schon vor unserer Zeitrechnung (Rom-Liebesknaben). Sex mit Tieren ebenfalls, ergo kein Novum (s.o. Max Kretschmar).

Wie erzwungen diese Formen sieht, kann man sich wunderbar in den Dokumentationen der ÖRs über Russland und Osteuropa verbildlichen. Dort herrschen/wiedererstarken die orthodoxen und katholischen Kirchen. Auch ist das überleben vom pragmatischen Zusammenleben abhängig.

In Zusza Bank's "Der Schwimmer" wird der Vorgang beschrieben; es wird der Mann geheiratet, der mit der jungen Frau auf dem Dorfball tanzt oder von den Eltern vorgestellt wird. Eine reine Zweckehe, daran ist Nichts liebevolles oder sexuelles dabei. Die Frau erfüllt dann ein paar Mal die Vereinigungspflicht zum Zwecke der Nachwuchserzeugung. Getrennte Betten und maximal ein freundschaftliches Verhältnis untereinander sind die Folge.

In unseren relativ reichen Gesellschaften, ist ein Lebenswandel der mehr persönliche Freiheiten gestattet, möglich. Mit all seinen Folgen.

Allerdings halte ich es für wenig zielführend von Asexualität zu schreiben. Das der freie Zugang zu im Internet angebotenen Inhalten dazu führt, halte ich aus olfaktorischer Sicht für ausgemachten Schwachsinn. "Die Chemie muss stimmen"
oder "Frühlingsgefühle" steigern ja nicht nur den reinen Trieb sondern auch den Anderen zu fühlen, zu riechen und zu schmecken.

Sicher es gibt Menschen denen Sucht bescheinigt werden kann. Aber ebenso wie obig genannte Beispiele scheinen mir dies nur Auswüchse zu sein.

Martin Hielscher 24.12.2010 | 09:01

Da vergeht einem beim Lesen ja die Lust, wenn man sich diese behandschuhte Nähkästchen-Einordnerei tatsächlich zu Gemüte führen sollte. Ich empfinde hier völlig wissenschaftsfrei ein bisschen sehr die unambitiöse Nebenbei-Herumfingerei; ein uninspiriertes Dauerkratzen - Achtung Schorf - am blutleer erscheinenden wissenschaftlichen Kopf. Banalisierung des Sexuellen zu Neo-Wortmonstern durch begriffschnöselige Niedrigtemperaturgeschreibselei ? Schaut der Autor sich grad alte Briefmarken an und katalogisiert sie dann anhand der Zahl der vorhandenen Eckchen ? Gääääähn ! Verkopfte Holzbretter, ohweh - wirklich keine inspirierende, feurige Vorlage - zum 'Mehrdavon' ! :))

Leise rieselt der Sägespan...Asexuell, freudlos, rein menschelnd, Hausmannskost - schad !

Egon-Erwin Wrobel 25.12.2010 | 02:24

Der Artikel ist sehr voraussetzungsvoll; man muss die Thesen Siguschs sowie sein Arbeitsfeld schon etwas näher kennengelernt haben, um mit diesem Potpourri an Fakten bzw. Setzungen etwas anfangen zu können. Daher der obige Einwand zutreffend, dass hier zunächst nur Kategorien platziert werden, die mitunter wahllos anmuten. Diese Wahllosigkeit ist aber nur ein technischer Umstand, der vielleicht unter dem Rubrum "still to come" noch geklärt werden kann: Begriffsgeschichten eben...

Interessanter wäre tatsächlich zu erfahren, was a) die Intention des Artikels sei und b) das angebotete Fazit Siguschs. Zu (a) fällt mir nur ein: Platzhalter in auflagenschwachen Zeiten? Der Artikel ist zusammenhangslos, quasi theoretisch "leer". Zu (b) würde ich die getroffenen Pauschalaussagen klar zurückweisen. Immerhin wird Sigusch als Soziologe vorgestellt und könnte etwas mehr Sensibilität für soziale Schichten, Milieus und Klassen zeigen, wenn er schon aussagt, dass "Millionen Menschen" eine Form sodomitischer Besetzung pflegen. [Der Artikel scheint deswegen antiquiert, weil das heute noch vorherrschende Vokabular immer noch tabuisiert ist; insofern belegt Sigusch einerseits seine These des anachronistischen Umgangs MIT Sexualität, andererseits widerlegt er seine Aussage, dass "weitgehend" ein eher liberaler Umgang mit den sog. Neosexualitäten gepflegt würde. Oder aber er meint die Differenz von eigener, privater Praxis ("schlecht") und gesellschaftlicher Darstellung ("rein").] Hier kann nur eine kritische Sozialstrukturanalyse und gesellschaftstheoretische Erweiterung der Einzelbefunde weiterhelfen, will man nicht in die Fall des Theorie-Effekts (der Soziodizee [Bourdieu]) tappen, wonach die vom Forscher in seinem Kopf konstruierten Objekte (für ihn!) reale Gestalt annehmen und plötzlich die Objektivität/Realität selbst darstellen. Das ist eine einfache Tautologie. Gerade angesichts regelmäßig berichteter homophober Volten sowie einer durch die Familiensoziologie empirisch registrierten Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse, scheint die Geschichte der Emanzipation von Lebensformen hier als Farce sich selber einzuholen: http://bit.ly/f61r8c

Dies kurz zusammenaddiert, gemahnt der Text wohl eher an die weiland anzustimmende "besinnliche" Weihnachstszeit: ein Plaisierstück für eine nur scheinbar aufgeklärte Leserschaft. Hier gehts weiter: http://bit.ly/hpOhaQ
Und hier theoretisch kontextualisiert: http://www.bpb.de/publikationen/PGK0O9,0,Homosexualit%E4t.html

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mabli 27.12.2010 | 13:43

@ Egon-Erwin Wrobel schrieb am 25.12.2010 um 01:24

Ich betrachte den Artikel eher als eine analytische Bestandsaufnahme und historische Erzählung über den Stellenwert von Sexualität in der Gesellschaft und die Wandlung dessen, was darunter begriffen wird.
Insofern ist es eine Begriffsgeschichte und eine analytische Begriffsbildung. Mich würde interessieren auf welches vorherrschende Vokabular sie sich mit „antiquiert“ beziehen?
Das Wesentliche des Artikels ist dann auch weniger eine Erklärung warum es zu den angeführten Veränderungen kam und auch nicht eine detaillierte Aufschlüsselung nach Schichten oder Milieus (welche Erklärungskraft hätten diese auch?). Das würde auch den Rahmen des Artikels eindeutig sprengen. So bleibt es ein kursorischer Parforceritt durch ein sehr weites Feld der Sexualwissenschaft.

Egon-Erwin Wrobel 27.12.2010 | 18:11

"Das würde auch den Rahmen des Artikels eindeutig sprengen. So bleibt es ein kursorischer Parforceritt durch ein sehr weites Feld der Sexualwissenschaft."

Ja wäre das dann nicht Anlass, solche Artikel gar nicht erst abzufassen, wenn sie keinerlei Aufklärungswert besitzen?

Eine "analytische Bestandsaufnahme" kann es gar nicht sein, da scheinbar wahllos Kritieren zusammenaddiert werden, es handelt sich wenn überhaupt um reine Deskription. Eine "historische Erzählung"? Wohl handelt es sich um eine anachronistische Aufzählung.

Der Stellenwert der Sexualität wird eben nicht herausgearbeitet, wenn man sich auf ein moralisches Placet einigt, dass als theoretische Bestandsaufnahme vorgestellt wird, genau dies macht ja die Sozialstrukturanalyse erforderlich. Nur dann wäre es möglich, Rückschlüsse auf sozialmoralische Verhaltensweisen (z.B. "Sexualität von Arbeitern", Landbewohnern etc.) und deren ideelle Verarbeitung und Diskursivierung zu werfen. Ich stelle mir das ungefähr so vor, wie dies durch Rüdiger Lautmann und Pierre Bourdieu vorgenommen worden ist:

http://bit.ly/gbax4j
und
http://bit.ly/epuf9v

Aber du hast sicher recht: ein solcher Text würde eher in der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" erscheinen; mit anderen Worten: folkloristische Moralanzeigen fürs Volk, theoretische Durchdringung für einige Bildungspriviligierte; willkommen in der Klassengesellschaft.

Egon-Erwin Wrobel 27.12.2010 | 18:17

Antiquiert ist der in weiten Teilen der Gesellschaft gepflegte Umgang mit Sexualität, da mache ich Sigusch ausdrücklich keinen Vorwurf, er arbeitet ja offensichtlich eher für einen aufgeklärten Umgang. Ein vorangestellter Kommentar erwähnt aber das Vokabular und ergreift Partei für ein irgendwie geartetes "romantisiertes" Verständnis von Sexualität, was ja nur ein bloße Fiktion sein kann.

Meine Kritik richtet sich gegen Wissensfetzen, die Leuten zum Fraß vorgeworfen werden.

P.S.: Oben habe ich vergessen, auf die Werke der Gender und Queer Studies hinzuweisen, die wiederum maßgeblich auf Foucaults Vorarbeiten aufsatteln und die "Geschlechterverhältnisse" einer radikalen Infragestellung unterziehen (u.a. Nancy Fraser und Judith Butler).

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mabli 27.12.2010 | 19:45

@ Egon-Erwin Wrobel schrieb am 27.12.2010 um 17:17

Ich kann in dem Artikel keinen regelrecht moralisierenden Ton finden. Er ist in einem essayistischen, aber dennoch deskriptiven, wissenschaftlichen Stil geschrieben. Inwieweit die Verwendung von Begriffen wie Perversion oder abweichende Sexualität selbst normativ sind, kann man sicher diskutieren. Auch wenn er damit keine Verurteilung sondern eine Beschreibung von gegebenen gesellschaftlichen Normierungen trifft, bestätigt er sie auch gleichzeitig. Ist es das was Sie meinen?

Grundgütiger 27.12.2010 | 20:05

Lieber
Egon-Erwin Wrobel
wenn man nicht gerade in Sexualwissenschaften promovieren will, kann doch der Artikel von Sigusch hilfreich sein.
Ihre Replik hat mir eher Angst gemacht, lebe ich verkehrt?
Das es Unterschiede im Sexualleben von Bauschlossern und stellvertretenden Sparkassenfilialleitern gibt, ist für mich vorstellbar, aber nicht wichtig.
Eine gesellschaftliche Entwicklung kann sicherlich auch beschrieben werden.
Deswegen bitte ich Sie doch noch mal zu bedenken, was Sie hier zum "Fraß" hinwerfen.

Egon-Erwin Wrobel 27.12.2010 | 20:27

Hallo,

die Verwendung von Begriffen ist auf jeden Fall diskussionwürdig. "Perversion" oder "Abweichung" sind moralisch und psychopathologisch aufgeladen - diese Begriffe dienen ja um 1900 zur Bezeichnung eines krankhaften Sexualverhaltens.

Hm, ich weiß nicht genau, ob es an meiner Formulierung liegt. Im Anliegen unterstütze ich das Arbeiten von Sigusch auf jeden Fall. Wie ich eingangs schrieb, wundere ich mich aber, das ein solch voraussetzungsvolles Themengebiet mal eben en passant abgehandelt werden soll. Ich kann mir vorstellen, dass Sigusch selbst damit seine Probleme hatte.

Worauf ich jenseits des Artikels hinaus will, das ist eine soziologische Aufschlüsselung des Sexualverhaltens, um es an andere Faktoren zu koppeln. Es gibt in der Familiensoziologe den m.E. befremdlichen Befund, dass die Geschlechterverhältnisse (immer noch: Mann und Frau als zentrales Muster, als "hetero"norm) einer sog. Retraditionalisierung unterliegen. D.h. trotz des politischen Protests bestimmter feministischer Bewegungen scheint das gesellschaftliche Klima konservativ zu werden. Wenn diese Befunde allheitlich zutreffen (mein oben gelinkten Literaturlinks stützen sich leider nur auf einer kleine Datenbasis), dann wird Siguschs These konterkariert.

Dass man durch die Verwendung bestimmter "heißer" (rhetorisch aufgeladener) Begriffe, die vorgefundene (schlechte) Ordnung mit stützt, das sollte zutreffen. Umso wichtiger wäre ein reflexiver Umgang mit diesen Begriffen (ich denke da an Adornos und Horkheimers Passage aus der DdA: "Es gehört zum heillosen Zustand, dass selbst der ehrlichste Reformer...").

Mein Link zur Beilage APuZ zum Thema "Homosexualität" sollte eher den Diskussionsraum etwas ausweiten, weil Sigusch dort ausführlicher argumentieren kann.

Wahrscheinlich liegen wir also mehr auf einer Wellenlänge, als es denn Anschein hat.

@Grundgütiger

Mag sein, dass ich als SoWi-Student meinen Fokus "zu sehr" auf Wissenschaftlichkeit lege, für mich stellt sich das aber anders dar: durch das Studium habe ich Zugang zu bestimmten Quellen, die einer Mehrheit im Alltag eher verwehrt bleibt. Das ärgert mich, weswegen ich bestimmte Text nur als "Wissensfetzen" bezeichnen würde: sie bleiben zusammenhangslos und zeigen der Öffentlichkeit kein Handlungspotential auf.

Promovieren will ich darüber auch nicht; interessiere mich aber neben meinem eher faden Bachelor-Studium auch für den theoretischen Background so gut es geht.

DIe Unterschiede in den sozialen Milieus als solche sind nur ein deskriptives FAktum. Es ist dann die Frage der normativen Grundausrichtung einer GEsellschaft, welche Meinungen zum Sexualverhalten sie tolerieren oder fördern will udn ewlche nicht: wie können also Forschungsergebnisse in politische Praxis umgewandelt werden um - ganz konkret - Homophobie zu bekämpfen?

Eine solche Strukturanalyse wird z.B. bei Michael Vester und Kollegen gefahren: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandeln, 2001, Suhrkamp.
Dort wird sehr schön aufgezeigt, wie Milieus eigene politische Mentalitäten ausbilden, die sich u.a. auch im Konsum- und Freizeitverhalten äußern. Widerlegt wird darin bspw. die Auffassung, dass diametrale soziale Klassen verschwunden seien; stattdessen erfährt die politische Repräsentation (Parteiensysteme, ideologische Bindung gesellschaftlicher Milieus) eine Sinnkrise.

P.S.: Die Wortwahl erscheint bei schriftlichen Äußerungen immer "härter" als sie tatsächlich ist. Wenn also in einem Blog in der Community über "linke Netchatiquette" philosophiert wird, so scheint mir das eher ein Missverständnis oder eine Fehlwahrnehmung zu sein, keinesfalls ein politisches Zerwürfnis.

indyjane 27.12.2010 | 21:06

ein hinweis auf eva illouz fehlt mir:
Der Konsum der Romantik:
" So, wie die Konsumsphäre in wachsendem Maße auf die Erzeugung romantischer Gefühlszustände abzielt, so geraten die Intimbeziehungen immer stärker in Abhängigkeit von der Inszenierung und dem Erlebnis des Konsums ... "
in einem freitag-interview mit v.sigusch von 2005
www.freitag.de/2005/27/05282201.php
fragt Ulrike Baureithel:
Der Kapitalismus richtet die Menschen und ihre Sexualität bis zur Unkenntlichkeit zu; andererseits stellt er wie keine andere Gesellschaftsform Freiräume für neue sexuelle Lebensweisen bereit. Sie nennen das paradox. In paradoxalen Systemen kann man es sich intellektuell gemütlich machen, weil sie nicht auflösbar sind. Aber wie soll man in ihnen leben?

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mabli 29.12.2010 | 20:30

@ erwin wrobel

Danke Dir für die Links und Hinweise. Ich finde das Thema auch sehr interessant. Kann es nur leider aus mangelnder zeitlicher Kapazität nicht vertiefen. Vielleicht hole ich das ja irgendwann mal nach.

Was die Retraditionalsierung der Familienverhältnisse in der Familiensoziologie selbst angeht kann ich vielleicht noch etwas beitragen. Ein Soziologe, den ich sehr schätze wegen seiner sonstigen Arbeiten, hat in dem Zusammenhang auch immer darauf rumgehackt, dass man die Familie abschaffen wolle. Er meinte unter Bezug auf ein mehr oder wenig klassisches,aber sozialpsychologisch gewendtetes, Schema der ödipalen Triade zeigen zu können, dass Familie in diesem Sinne strukturell konstitutiv für die Bildung eines reifen erwachsenen Subjekts sei.
Mich würde interessieren von welcher Warte man eine Kritik dieser Porsition formulieren könnte. Ob man die Psychoanalyse über Bord werfen muss oder auch innerhalb der Psychoanalyse Möglichkeiten zur Kritik an der ödipalen Triade vorhanden sind.

Egon-Erwin Wrobel 03.01.2011 | 23:45

Hallo mabli,

grundsätzlich würde ich fragen, ob mit der Freudschen Psychoanalyse überhaupt eine Betrachtung der Familie als Sozialisationsinstanz gefahren werden soll. Mir wäre sie "heute" (also nach einer politisierten Lektüre in den 60ern) fast schon zu formverwandelt. Im Gegensatz dazu bieten Sozialstrukturanalysen, die auf jegliches psychologische Vokabular verzichten, den gewaltigen theoretischen Vorteil, gesellschaftliche Makrostrukturen besser über Großbegriffe wie "Sexualität" oder "Familie" als Werte bzw. Instituten untersuchen und damit im historischen Wandel untersuchen zu können (ich denke da u.a. an Elias und Giddens, vor allem aber an Bourdieu; bei Bedarf kann ich dazu noch mehr Ausführungen machen oder du liest und kommentierst auf dem Blog korrekturen.blogsport.de mit.

WEnn man aber theorienimmanent kritisieren will und muss, dann sollte man die Prämissen der Freudschen Kulturphilosophie (als würde ich die PA bezeichnen) genau bezeichnen und ihre Entstehung rekonstruieren (z.B. Vorläufer wie Le Bon oder auch Charcot; Kulturpessismus an der Jahrhundertschranke, Wiener Bourgeoisie). Ich würde danach fragen, ob BEgriffe wie Unbewusstes als solche überhaupt stichhaltig sind, notwendigenfalls sollten die Prämissen korrigiert und mit Mitteln der Sozialwissenschaft angereichert werden. Für eine solche Verwendung der PA unter dezidiert feministischer Perspektive tritt z.B. Judith Butler ein (z.B. in dem Buch "Psyche der Macht"): de.wikipedia.org/wiki/Judith_Butler#Schwerpunkte

Ich selbst bin von der Erklärungsreichweiter der PA kaum überzeugt, interesse mich aber wie gesagt mehr für gesamtgesellschaftliche Verhältnisse, die immer auf die Bildung von Einzelnen/Subjeten ausschlagen müssen. Du erinnerst dich vielleicht an Marx' Satz aus der Einleitung der KdpÖ: "Die Menschen machen ihre Geschichte unter vorgefundenen Bedingungen". DAs ist ja mitnichten eine fade Basis-Überbau-Dichotomie, sondern verweist auf den scheinbar (!) trivialen Umstand, dass die Produktion und Reproduktion sozialer Strukturen (wie z.B. Familie als Institution oder Ehe als soziale Beziehung) von den historischen Kontexten und der ARt und Weise der menschlichen Selbstverständigung und Bewältigung ihres Alltags abhängen. So zeigt sich m.E. erst die Abhängigkeit von Familie und Erziehung von politischen Entscheidungen (wie Elterngeld), die Bildung frühkindlicher Idenität kann als Lebenszyklus nicht verabsolutiert werden, sondern muss nach Klassen (Marx) oder eben Ständen (Weber) differenziert werden.

Eigentlich und um es zusammenzufassen, ist Sigmund Freund eine (weitere) Wegmarke innerhalb gesellschaftlicher Modernisierung und DIfferenzierung. Die Wissenschaftstheorie integriert die PA daher in den Kontext des postmodernen Wandelns von Bewusstseinsstrukturen (andere wie z.B. Nietzsche, Kierkegaard, Hegel, Darwin, Marx, Dostojewski oder Bergson) haben bereits ähnliche Gedanken in unterschiedlicher Dichte niedergeschrieben. Verfolgt man dies unter dieser Prämisse dann ist die PA lediglich Teil einer wissenschaftlichen Differenzierung, die durch neuere Überlegungen eingeholt wird.

Ehrlich gesagt bin ich aber auch kein Experte auf diesem Gebiet, sondern habe die PA - die ja durch verschiedenste Theorieströmungen aufgesogen wurde (ich denke da bspw. an den Versuch der Ethnologie, mittels PA die grundbegriffliche Ausrichtung anderer Kulturkreise besser verorten zu können oder auch sehr praxisbezogen Traumata nach Kriegserfahrungen als Insignien einer kollektiven Schuld oder Verarbeitung zu theoretisieren (mir fällt dazu aber nur ein Buch ein). VIelleicht hilft hier auch der Psychosozial-Verlag weiter. Ich selbst interessiere mich dann doch eher für sozialpsychologische Effekte und schließe mich Foucaults trüber Einschätzung an, dass die PA für die Bourgeoisie, die Psychiatrie für den Arbeiter konstruiert und erfunden ist (im frühen 19. Jh., vgl. "Die Macht der Psychiatrie"). Bourdieu zieht folgendes Fazit:

Als ra­tio­na­li­sie­ren­de Mys­tik im wis­sen­schaft­li­chen Zeit­al­ter lie­fert die frei in­ter­pre­tier­te Psy­cho­ana­ly­se Le­gi­ti­ma­tio­nen, die den so will­kür­li­chen wie not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen eines Ethos den An­schein einer ra­tio­na­len Be­grün­dung gibt. Der Über­gang von Ethik zu The­ra­peu­tik schafft das Be­dürf­nis nach dem The­ra­peu­ten, von dem es sel­ber her­stammt: zwei­fel­los gerät die Suche nach psy­chi­scher Ge­sund­heit mit ihrem Rück­griff auf die Pro­fis der ra­tio­na­len See­len­pfle­ge (Psy­cho­ana­ly­ti­ker, Psy­cho­the­ra­peut, Ehe­be­ra­ter usw.) in eine dia­lek­ti­sche Be­zie­hung zur Ent­wick­lung einer Kör­per­schaft, die fähig ist, das Be­dürf­nis nach ihrem ei­ge­nen Pro­dukt zu pro­du­zie­ren, d.h. einen Markt für die Güter und Diens­te, die an­zu­bie­ten sie vor­be­rei­tet ist.
Gewiß hat man sich davor zu hüten, die­sem ein­zi­gen Fak­tor den ge­sam­ten Wan­del in der pri­va­ten Ethik zu­zu­schrei­ben, der tat­säch­lich nur aus einem Bün­del kau­sa­ler, aber (re­la­tiv) von­ein­an­der un­ab­hän­gi­ger Se­ri­en her­rührt: dem Auf­tau­chen neuer psy­cho­lo­gi­scher Theo­ri­en (Psy­cho­ana­ly­se, ge­ne­ti­sche Psy­cho­lo­gie usw.), dem An­drang von Töch­tern aus bür­ger­li­chem Hause zum Stu­di­um und ihrem da­durch ver­än­der­ten Le­bens­stil, dem Wan­del des Re­pro­duk­ti­ons­mo­dus, der dazu führt, daß schu­li­sche Fehl­leis­tun­gen all­mäh­lich mehr zäh­len als mo­ra­li­sche Feh­ler (wobei die Schul­angst, die in ers­ter Linie Jun­gen be­fällt, an die Stel­le der ethi­schen Angst tritt, die haupt­säch­lich bei Mäd­chen an­zu­tref­fen war), der Zu­nah­me des Frau­en­an­teils auf dem Ar­beits­markt und auch dem Wan­del der öko­no­mi­schen Pro­duk­ti­on selbst, die immer stär­ker ge­zwun­gen ist, den Be­darf an ihrem ei­ge­nen Pro­dukt über­haupt erst zu pro­du­zie­ren und Sel­ten­heit künst­lich zu schaf­fen, und damit über alle Mit­tel und Wege dazu bei­trägt, eine Kon­su­men­ten­mo­ral zu för­dern. Zwei­fels­oh­ne hängt der Auf­schwung der the­ra­peu­ti­schen Moral zu­sam­men mit dem Ent­ste­hen einer Kör­per­schaft von Spe­zia­lis­ten (Psy­cho­ana­ly­ti­ker, Sexo­lo­gen, Ehe­be­ra­tern, Psy­cho­lo­gen, Fach­jour­na­lis­ten usw.), die das De­fi­ni­ti­ons­mo­no­pol für le­gi­ti­me päd­ago­gi­sche oder se­xu­el­le Kom­pe­tenz be­an­spru­chen, wie sich auch die Bil­dung eines Pro­duk­ti­ons­fel­des für Güter und Diens­te – ent­stan­den aus der Dif­fe­renz zwi­schen der nun­mehr ge­for­der­ten und der wirk­lich vor­han­de­nen Kom­pe­tenz in die­sen Be­rei­chen – nur im Zu­sam­men­hang mit den ge­sam­ten Kon­ver­tie­rungs­stra­te­gi­en ver­ste­hen läßt, mit deren Hilfe von Fa­mi­lie und Schu­le auf die Rolle einer ethi­schen Avant­gar­de vor­be­rei­te­te Ak­teu­re in den Ni­schen des Lehr­kör­pers und Ärz­te­schaft den Er­satz für pres­ti­ge­rei­chen Po­si­tio­nen fin­den konn­ten, die der Ar­beits­markt ihnen ver­wehr­te.

[Bour­dieu, Pier­re (1987/1982): Die fei­nen Un­ter­schie­de. Kri­tik der ge­sell­schaft­li­chen Ur­teils­kraft, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, 580f.]

Gruß,
W.

Egon-Erwin Wrobel 04.01.2011 | 00:01

Noch eine Ergänzung: an der Diskussion für und wider Familie als Institution reiben sich ja nicht nur die Theorien, sondern auch politische Ideologien. Im Kommunistischen Manifest schreiben Marx und Engels sehr klar über die Funktion der Familie als Anschein, Legitimation und Reproduktionszelle IN der kapitalistischen Produktionsweise/Gesellschaft.

Kritiker der Marxschen Kritik der Familie im Kapitalismus ziehen daher gern biologische oder eben - was in dieser Argumentation aufs Gleiche zielt -, auf die biologische Notwendikgeit der Familie, ganz unabhängig von gesellschaftlicher Form. Insofern erhalten diese Kritiken eine interessierte und v.a. naturalisierende Lesart, welche die Produktionsverhältnisse für irrelevant oder auch "nachrangig" erklärt. Dieses Substanzdenken ist Relikt der Aristotelischen Tradition der BEgriffsbildung im europäischen philosophischen Denken (seit gut tausend Jahren). Von daher halte ich immanente (also mit denselben Prämissen arbeitende) Kritik für verfehlt, weil sie den GEgenstand nicht anders packen kann und lediglich auf formale Kritikpunkte abstellen muss (z.B. fehlende oder ungenügende Empirie oder dgl.).

Kritisiert wird diese Auffassung z.B. in der Handlungstheorie von G.H. Mead, der von onto- und psychogenetischer Konstitution des Sozialen spricht und für eine klare Trennung beider Kategorien plädiert. Ähnlich verfährt Elias, dessen Zivilisationstheorie allerdings stark auf Freud aufbaut (Stichwort: Repression). Eine Kritik erfolgt dann erst durch Foucault. Habermas - aufgrund des Einflusses der Kritischen THeorie - entfernte sich irgendwann von der PA und restituierte diese für seine eigene Konsensustheorie der Wahrheit (Kommunikationstheorie).

Wenn überhaupt biologisch argumentiert werden muss, dann nur für die Zwecke kulturgeschichtlicher Skizzen: mit der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, dem Ausbilden der symbolischen KOmmunikation, der Sesshaftigkeit und der ersten Produktion von Überschüssen lassen sich wohl auch Umschlagpunkte im menschlichen Denken ausmachen, das ab einem gewissen Zeitpunkt über seine eigenen Organisationsformen Rechenschaft (z.B. durch Religionstiftung) ablegt und politische Herrschaftsverbände konstituiert. Die Familie als "Keimzelle" ist ja erst ein sehr modernes Gebäude, das in Zuge staatlicher Bevölkerungspolitik zum schützenswerten Gut erkärt wird. Sie ist wie die Sexualität und die Pädagogik ein Studienobjekt der aufkommenden Humanwissenschaften.