Sex and Drugs and Risk

Im Gespräch Jacques Normand, Direktor der US-Drogenbehörde, über AIDS-Forschung, Poppers und den neuen, in den USA aufgetauchten Super-Virus

FREITAG: Im Februar berichtete die "New York Post" unisono mit anderen Medien in der ganzen Welt über ein neues AIDS-Super-Virus. Doch kurz darauf war im Wissenschaftsmagazin "Science" zu lesen, es müsse erst noch bewiesen werden, dass der Virusstamm hoch pathogen sei. War es nicht verfrüht, vor einem "tödlichen Super-Virus" zu warnen?
JACQUES NORMAND: Die Frage, ob es sich um ein Super-Virus handelt oder nicht, ist nach wie vor unbeantwortet. Was wir wissen ist, dass der eine Patient vergleichsweise sehr schnell AIDS-Symptome entwickelt hat. Und dass er einen Virusstamm in sich trägt, der sehr resistent ist gegen die meisten anti-retroviralen Medikamente.

Die Vermutung, es könnte sich um ein "Super-AIDS-Virus" handeln, wurde maßgeblich daraus abgeleitet, dass David Ho, der den Patienten untersuchte, einen deutlichen Abfall der Helferzellen auf unter 30 pro Mikroliter Blut beobachtet hatte. Doch einschlägige Studien stellen den Sinn des Zählens dieser so genannten CD4-Zellen im Zusammenhang mit der AIDS-Diagnostik in Frage, darunter die bedeutende Concorde-Studie. Die Aids-Forscher Mario Roederer von der Stanford University und Thomas Fleming kommen gar zum Ergebnis, dass die " CD4-Zählerei so uninformativ wie ein Münzwurf" sei.
Wer positiv getestet ist und weniger als 200 Helferzellen pro Mikroliter Blut aufweist, ist AIDS-Patient, so die Definition, die von der US-Seuchenbehörde akzeptiert und benutzt wird. Die Fragen, wie informativ dieses Kriterium ist und ob es stets ein geeignetes Kriterium darstellt, erscheinen diskutierbar. Doch dies ändert nichts an der Tatsache, dass es sich hier um einen Fall handelt, der auf die meisten anti-retroviralen Therapien nicht anspricht. Ob es ein verantwortliches Vorgehen war, Alarm zu schlagen, bevor man die Sache endgültig geklärt hat, ist ebenfalls diskutierbar. Doch ich denke, dass David Ho einer der prominentesten Immunologen ist, der sich mit AIDS sehr gut auskennt.

David Ho hat sich aber in Bezug auf AIDS schon mehrfach gravierend getäuscht. Sein vehement proklamierter Slogan "Hit HIV hard and early!" - also: Gib so früh wie möglich so viele Medikamente wie möglich - ist nicht mehr offizielle Therapie-Richtlinie, besonders bei symptomfreien AIDS-Patienten, weil sich das Präparat als toxisch erwiesen hat. Lange behauptete Ho auch, er habe das Rätsel um die AIDS-Langzeitüberlebenden gelöst - bis er schließlich 2004 völlig frustriert eingestehen musste, dass er falsch lag. Wäre da nicht mehr Vorsicht geboten, zumal selbst Experten wie Robert Gallo sagen, die Einführung des Begriffs ›Super-Virus‹ sei unvorsichtig und unangemessen gewesen?
Ho ist Direktor des Aaron Diamond AIDS Research Center in New York und war sehr stark in den aktuellen Fall involviert. Er wird sich den Patienten sehr sorgfältig angeschaut haben. Für spezifische immunologische Informationen über den Fall, etwa darüber, wie das Virus auf das Immunsystem des Kranken reagiert hat, ist Ho freilich der beste Ansprechpartner. Was Gallo betrifft, so bezog sich seine Aussage auf die Gesundheitsbehörde von New York City, deren Vorgehen er für übertrieben hielt. Nun, das ist Gallos Meinung. Ich persönlich denke, dass es richtig war, auf die möglichen Gefahren aufmerksam zu machen. Wenn man das Virus nicht untersucht, kann man auch nicht herauskriegen, ob es gefährlich ist oder nicht.

Es wurde auch berichtet, dass der 46-jährige schwule Patient auf einem drei Monate währenden Crystal-Meth-Trip war. In der "Chicago Tribune" ist zu lesen, dass der Mann schon mit 13 Jahren begann, Drogen zu nehmen. Erst Marihuana und Alkohol, später Kokain und Crystal Meth. Und als er zum Arzt ging, war er bereits ein körperliches Wrack. Wie steht es - jenseits eines Virus - um den Einfluss dieser Drogen, die auch laut Ihrer Behörde schwere körperliche Schäden anrichten?
Noch nicht ganz klar ist, welche Rolle die unter Schwulen stark verbreitete Sex-Droge Crystal Meth spielt, die der Patient konsumiert hat. Vieles weist darauf hin, dass Crystal Meth das Immunsystem auf verschiedene Weise beeinträchtigt und die Ausbildung von AIDS-Symptomen begünstigt. Tierversuche scheinen diese Ansichten zu bestätigen, doch die Ergebnisse sind noch vorläufig. Zugleich tragen gerade die Sex-Drogen wie Crystal Meth oder Poppers in der Gay-Szene dazu bei, mit vielen verschiedenen Partnern Sex zu haben. Und dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit einer viralen Ansteckung.

Die bekanntesten und größten Studien zum Thema Sex und AIDS zeigen aber auch, dass AIDS gar nicht sexuell übertragen wird. Etwa die "Lancet"-Studien um die Gruppe von Ronald Gray und Anatoli Kamali und die australische Studie um Eleni Papadopulos. Und auch das Team um Nancy Padian konnte während eines Zeitraums von zehn Jahren nicht einen einzigen Fall sexueller HIV-Ansteckung beobachten.
Dass AIDS ansteckend ist, ist gemeinhin bekannt. Und die Aneignung des Virus wird durch das sexuelle Verhalten begünstigt. Freilich, ein Schlüsselfaktor, der den Übergang von der Infektion zum Ausbruch der Krankheit bestimmt, ist die Reaktion des Immunsystems eines jeden einzelnen Menschen. Und es gibt Menschen, die ein stärkeres Immunsystem besitzen als andere. Daran schließt sich die Frage an, welche Prozesse dafür verantwortlich sind, die diesen einen Patienten so krank gemacht haben. Und physiologische Prozesse sind ein möglicher Aspekt.

Gibt es denn einen eindeutigen Beweis dafür, dass in diesem Super-Virus-Fall nicht Drogen der primäre Faktor sind?
Es gibt keinen definitiven Beweis dafür, dass Drogen der entscheidende Faktor sind; und es existiert auch kein endgültiger Beleg dafür, dass Drogen nicht der Hauptgrund sind. Es ist eine offene Frage.

Hätte man dem aber nicht längst nachgehen müssen? Seit jeher stellen in reichen Ländern wie den USA oder Deutschland Homosexuelle rund 50 Prozent der AIDS-Patienten - und viele konsumieren hochtoxische Drogen wie Crystal Meth oder Poppers und/oder nehmen immunsuppressiv wirkende anti-retrovirale Medikamente. Bereits 1994 räumte Gallo auf einem-Experten-Meeting Ihrer Behörde ein, dass HIV nicht die primäre Ursache vom AIDS-Kaposi-Sarkom - eine Krebsart und "die" AIDS-definierende Krankheit - sein könne. Statt dessen seien Poppers die Hauptursache.
Wir haben einige Studien auf den Weg gebracht, die sich zurzeit in der Durchführungsphase befinden. Was das Ausmaß des Drogenkonsums betrifft, so gibt es keine landesweite Übersicht. Es gibt Statistiken für New York, San Francisco, Los Angeles, wo die Stoffe exzessiv konsumiert werden. Und der Crystal-Meth-Missbrauch ist besorgniserregend im Steigen begriffen.

Noch mal zu Poppers: Auf dem erwähnten Meeting sprach man sich gemeinsam für Studien aus, um die Langzeitfolgen dieser verbotenen und dennoch seit Mitte der siebziger Jahre in der Schwulenszene weit verbreiteten Droge auf das Immunsystem zu untersuchen - Studien, die es zum Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs längst gibt. Bis dato wurden aber alle Anträge zur Finanzierung solcher Untersuchungen abgeschmettert. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Dazu kann ich nichts sagen, da ich die Anträge im Einzelnen nicht kenne. Allerdings hat unsere US-Drogenbehörde eine Menge grundlegender kürzerer Arbeiten finanziert, um den Zusammenhang von Poppers - in der Fachsprache "Nitrite Inhalants" - zu untersuchen. Und die Konsumenten der chemisch hoch-konzentrierten Inhalations-Droge Poppers - die übrigens so heißen, weil beim Aufbrechen der Fläschchen ein Popp-Geräusch entsteht - haben mit einer Reihe verheerender gesundheitlicher Konsequenzen zu rechnen. Darunter Herzfehler, aber auch Herz- oder Erstickungstod, was als "Sudden Sniffing Death" ("plötzlicher Schnüffeltod") bezeichnet wird. Dieser Sudden Sniffing Death kann sich innerhalb einer Sitzung, sprich in Minuten, ereignen. Dies alles steht übrigens auch ausführlich auf unserer Website.

Nimmt man an, dass rund 50 Prozent der AIDS-Patienten in den Industriestaaten schwul sind und ein Drittel intravenös drogenabhängig - und etwa sieben Prozent beides sind, kann man davon ausgehen, dass fast alle AIDS-Patienten Konsumenten von hoch immun-suppressiven Drogen und/oder anti-retroviralen Medikamenten sind. Wie viele der rund drei Dutzend Krankheiten, die AIDS definieren, könnten durch diese Verhaltensweisen zumindest mit verursacht werden?
Um dies genau beantworten zu können, müsste man sich die Einzelfälle im Detail anschauen. Denn wie die Drogen und auch die Medikamente auf das Immunsystem wirken, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zu fragen wäre etwa, welche Art von Drogen und welche Medikamenttypen konsumiert werden oder in welcher Weise die jeweilige Droge mit der jeweiligen Therapie interagiert. All dies variiert von Droge zu Droge und Präparat zu Präparat.

Was muss als nächstes geschehen?
Man wird mit Nachdruck versuchen, die Details besser zu verstehen. Warum und wie hat sich dieses Virus beispielsweise herausgebildet oder warum ist es so resistent? Anschließend wird man sehen, ob das Virus eine Gefahr darstellt und in der Lage ist, sich in der breiten Bevölkerung auszubreiten.

Es scheint belegt, dass der Konsum illegaler Drogen ein Risikofaktor für die Veränderung der normalen Immunfunktionen darstellt. Was empfehlen Sie AIDS-Patienten?
Sie sollten ihre risikobehafteten Aktivitäten in Bezug auf Sex und Drogen reduzieren.

Das Gespräch führte Torsten Engelbrecht


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00:00 08.04.2005

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