Sex and the City

Im Kino Mit "Ten" begibt sich der iranische Regisseur Abbas Kiarostami mitten hinein in die Moderne der 11-Millionenstadt Teheran

In den iranischen Kassenknüllern der letzten Jahren findet die Reformjugend häufig ihre Themen widergespiegelt: Zir-e nur-e mah (Under the Moonlight) etwa handelte davon, dass auch ein angehender Mullah nur ein Mensch ist und sich verlieben kann, andere thematisieren indirekt das, was öffentlich streng verboten ist und insgeheim doch nur umso exzessiver betrieben wird: Feiern, Tanzen, Trinken.

Diejenigen Filme indes, die aus dem Iran zu uns gelangen, erzählen häufig in bunte, schöne Bilder verpackte humanistische Parabeln. Folkloristisch und weltfern erscheinen diese Filme möglicherweise angesichts der drängenden Probleme des Mullahstaates, dessen freiheitshungrige junge Bevölkerung zusehends energischer einen Kurswechsel in der Führungsetage fordert. Abbas Kiarostami, der international erfolgreichste und wohl berühmteste Vertreter des iranischen Bilderbuch-Kinos, erweist sich nun als ungewohnt eindeutiger Sympathisant dieser Bewegung.

Ten zeigt seine Protagonistin ausschließlich im Wageninneren, inmitten des Teheraner Strassenverkehrs. Über zehn - jeweils ungefähr zehnminütige - Episoden folgen wir Gesprächen zwischen unterschiedlichen Insassen und der Fahrerin, die selbst lange nicht zu sehen ist.

Die dreißigjährige Mittelstands-Iranerin kutschiert unter anderem ihre Schwester, mehrere Passanten und ihren eloquenten Sohn. Dies ist normale Praxis im Iran, wo man gerne spontane Fahrgemeinschaften gründet; es spart das Geld fürs Taxi, und außerdem hat man etwas Unterhaltung.

Das häufig mit mystischer Symbolik angereicherte iranische Arthouse-Kino traf bislang ein dreifacher Vorwurf: Statt den Zusammenprall von Tradition und Moderne im Konfliktherd Stadt einzufangen, flüchte es in exotische Dorfkulissen, dahin, wo eh die Tradition und das Kopftuch regieren. Mit Kindern als Protagonisten würde es sich um den Geschlechterkampf in der Islamischen Republik herumdrücken. Zudem seien seine Protagonisten vorwiegend männlich ...

Bereits in seinen letzten Filmen hatte Kiarostami solche Verdächtigungen der Stadtflucht und Frauenfurcht mit der ihm eigenen Ironie entkräftet: In Der Geschmack der Kirsche war der suizidale Protagonist im staubigen Ödland der Teheraner Vorstädte herumkutschiert. Der Wind wird uns tragen zeigte, dass die Städter, die da durch ein Dorf irren und einen Film drehen wollen, von den ruralen Zusammenhängen nichts verstehen und dass hier eigentlich die Frauen die Hosen anhaben.

Ten ist nun eine verstörende Absage an den bildstarken Exotismus seiner früheren Produktionen. Kiarostami begibt sich mitten hinein in die Moderne der 9-11 Millionen Metropole Teheran.

Amin ist der einzige männliche Mitfahrer, aber was für einer: völlig verschieden von den großäugigen gutmütigen Jungen aus Kiarostamis ersten Filmen, erscheint er in seiner mal frühreifen, mal neunmalklugen Suada als Sprachrohr seines Vaters.

Der aufbrausende Junge hat die Scheidung seiner Eltern nicht verwunden, sieht den Platz iranischer Frauen an der Seite ihres Mannes, und nennt seine Mutter eine Lügnerin, weil sie ihren Mann vor dem Scheidungsgericht als Drogensüchtigen bezeichnet. Diese verbreitete Notlüge ist für Iranerinnen häufig die einzige Möglichkeit, eine Scheidungsklage durchzusetzen. Dass der Film in Teheran selbst zum Zensurfall wurde, nur in einer entschärften, um circa 30 Minuten gekürzten Fassung in die Kinos gelangte, lag an einigen drastischen Tabubrüchen. Offenes Diskutieren über atheistische Anwandlungen, die Aufnahme einer unverschleierten Frau (allerdings mit Igelschnitt), und das nächtliche Gespräch mit einer Prostituierten - über Sex.

Allerdings erschöpft Ten sich nicht im Skandalösen, sondern zeichnet ein faszinierendes Frauenporträt, das sich bald zur komplexen Momentaufnahme der iranischen Gesellschaft weitet. Darüber hinaus aber legt Ten Zeugnis ab von Kiarostamis Meisterschaft.

In den Siebzigern hatte der Regisseur mit Filmen für Kinder und über Kinder angefangen und auch gegenüber Erwachsenen bleibt er ein pädagogischer, im Kern antiautoritärer Filmemacher: Getreu seinem Motto, jeder Kinozuschauer solle sich seinen eigenen Film zusammensetzen können, arbeitet er wie zuvor mit Ellipsen, Aussparungen, Andeutungen und Mehrdeutigkeiten, die sich jeder Zuschauer weiter ausmalen kann.

Wenn die Fahrerin lange nicht im Bild erscheint, lässt das Raum für Phantasien über eine geschiedene iranische Mutter; dass er die Prostituierte im Gespräch mit der dann überraschend attraktiven Frau gar nicht zeigt, verstärkt nur die Intensität des Gesprochenen. Die käufliche Dame, die wir nie zu Gesicht bekommen, spricht im iranischen Kino bislang Unerhörtes: von Selbstbestimmung und Individualismus, vom Fremdgehen der Männer und dem Warencharakter jeder Beziehung. Die Protagonistin steht diesem Lebensweg ebenso neugierig wie skeptisch gegenüber; in den folgenden Gesprächen jedoch wird sie sich viele dieser Argumente zu eigen machen.

Kleidung und Sprache, die Fahrten durch das wohlhabende Nordteheran weisen die junge Frau als moderne, emanzipierte Mittelstandsiranerin aus, und doch zeigt sie sich gerührt über die Frömmigkeit einer alten Frau, die ihr auf der Fahrt zu einem schiitischen Heiligtum ihre Lebensgeschichte erzählt. So ist Ten kein plakatives Statement für Säkularisierung und gegen religiöses Eifern, sondern zeigt iranischen Lebensalltag mit all seinen Widersprüchen und Brüchen. Die zunächst scheinbar zusammenhangslosen einzelnen Episoden - nur durch Gongschläge unterbrochen und mit Zahlen durchnummeriert - ergänzen und kommentieren sich inhaltlich. Die Autofahrt wird zur filmischen Seelenreise.

Dass Kiarostami seinen Film mit einer aufs Armaturenbrett montierten DV-Kamera in nur drei Einstellungen gedreht hat, macht es dem europäischen Zuschauer nicht leicht. Doch über diesen Minimalismus, die existenzielle Enge der Wagenkabine, das Asphaltrauschen der Großstadt vermittelt sich ein eindringliches Stimmungsbild, das nicht nur den Iran betrifft.

Diese Lebensnähe wird durch eine fast dokumentarischen Erzähltechnik vermittelt: Der Hang zum Dokumentarischen ist fast schon ein Markenzeichen des erfolgreichen iranischen Kunstkinos. Close Up, Der Apfel und Kandahar etwa suchten mit Laiendarstellern, aus der Realität übernommenen Charakteren und dem Nachinszenieren von Zeitungsmeldungen die Grenzen zwischen Fact und Fiction zu verwischen, das Gleichnishafte im Vergänglichen einzufangen.

In Ten nun lassen eine einzigartige Regie- und Schauspielarbeit vergessen, dass hier nicht etwa heimlich gefilmte Teheraner agieren, nörgeln, streiten, weinen, lachen und in der Nase bohren, sondern eben Darsteller.

Nie gab es so viel Alltag und so wenig Metaphysik und symbolischen Überbau: Wo Kiarostami "le magicien" (Cahiers du cinema) bislang den Blick gerne zur Totalen hin öffnete und seine philosophischen Parabeln in blühende Bergkulissen einbettete, dominieren nun das Asphaltrauschen der Großstadt und die existenzielle Enge der Wagenkabine.

Und wo ihm das Auto früher zum Vehikel für spirituelle Reisen durch Seelenlandschaften geriet, sind diese veräußerlichten Sinnhorizonte jetzt gänzlich abhanden gekommen.

Niemals war Kiarostami so dicht dran am Privaten, auch am Körper seiner Protagonisten und ließ zugleich all seinen Charakteren soviel Raum, Freiheit und Würde. Dies mag die einzige Perspektive sein, die man angesichts des mit ideologischen Tabus und Dogmen aufgeladenen öffentlichen Raumes einnehmen kann. Dass dieser Film überhaupt gedreht - und auch gezeigt - werden durfte, kann auch von einem bevorstehenden gesellschaftlichen Umbruch im Gottesstaat zeugen. Am 9. Juli, zum Jahrestag der niedergeschlagenen Studentenrevolte demonstrierten viele Iraner für mehr Freiheit und gegen die Diktatur der vergreisten Revolutionsführer. Ten wie gesagt, greift diese Stimmung auf und vermittelt, formal wie inhaltlich radikal, ungewöhnlich moderne Binnenperspektiven aus dem Schurkenstaat Iran. Ein "Roadmovie" der besonderen Art aus einem Land, bei dem man nicht so recht weiß, wohin die Fahrt geht.

00:00 18.07.2003

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