Sex and the City

New Yorker Abende Kolumne

New York ist eigentlich ein Apfel. Bite the Big Apple, dont mind the maggots! rieten die Rolling Stones einmal in einer Liebeserklärung an die Innereien einer ungenießbaren Köstlichkeit. Für uns war die Stadt ein verlockend süßer Kuchen. Es war der Sommer der Begegnung. Im amerikanischen Cafe in Kreuzberg aßen wir New York Cheese Cake und tranken Mocca Latte. In den Kaffee war ein Schuss French Vanilla gemischt, in den Sommer ein Schuss Herbst. Der Abschied dauerte eine hektische Zigarette.

Ein halbes Jahr später sieht New York doch mehr nach den Maden aus. Es ist Winter. Wir stehen im Osten Manhattans, vor einem verlausten kleinen Künstlerhotel. Du hast immer noch deine orange gestreifte Einkaufstasche, in der du nie etwas gefunden hast. Und du rauchst wieder, genauso hektisch wie damals. Wir umarmen uns, laufen schwatzend nach Westen, als ob alles zwei Tage her sei.

Ist New York eine erotische Stadt? Schwer zu sagen. Man küsst sich hier nicht so ausgiebig auf offener Straße. Und erotische Flaneure sind die New Yorker auch nicht gerade. Der gewöhnliche Stadtneurotiker frisst sich seinen täglichen Weg durch den Big Apple strictly straight on. Sein Liebling ist sein Handy. Eine Karawane von Monaden, im Geschirr der Headsets, stürmt die Avenues im Laufschritt, konzentriert auf seine elektronischen Flirts. Auch die erigierten Bürotürme, die unseren Weg säumen, sind nicht wirklich sexy. Die überlebensgroßen, nabelfreien H an ihren Fassaden könnten natürlich kollektive Fantasien wecken. Wahrscheinlich hat man dem Empire-State-Building deshalb ein blau-weiß-rotes Lichtkondom übergestreift. Selbst in dieser Stadt ist alle öffentliche Erregung zuerst national.

An der 8th Avenue beflügelt ein ungewöhnlich warmer Dezember die Kräfte des Abends. Und der italienische Kellner im Rosellas, der uns mit einem anzüglichen Lächeln die Kürbiscremesuppe empfiehlt, sieht auch schon so aus, als ob er lieber gleich mit uns ins Big Cup gehen würde, so oft kommt er an den Tisch zurück und fragt, wie es uns schmeckt. In dem Treffpunkt der gay community von Chelsea eine Straßenecke weiter sitzt alles auf Sofas und legt sich die Trampelpfade durch´s Nachtleben zurecht.

"Und, wie geht´s Dir?" will ich zwischen Suppe und Ravioli wissen. Du nickst beiläufig. "Also, mit David läuft es sehr gut." Bei solch gezielten Geständnissen bleibt man am besten souverän. "Sonst ist es nicht so gut gelaufen. Manchmal hab ich echt schlaflose Nächte deswegen. Zugenommen habe ich auch." Bei solch eruptiven Geständnissen hilft nur Mitgefühl. Aber was hattest du hier erwartet? Don´t mind the maggots! Wir reden übers Theater, wir reden über Politik. Irgendwie reden wir um uns herum. Der Rotwein steigt uns zu Kopf. "Na ja", sagst du plötzlich, "Eigentlich war es schon gut mit Dir." Fand ich auch. Aber von mir aus können wir jetzt wieder übers Theater reden. "Moment noch" sagst du, gehst vor die Tür und rauchst schnell noch eine Zigarette.

Am nächsten Morgen schlendern wir am Hudson entlang. Die New Yorker Piers, Stützpunkt der freien Liebe in den siebziger Jahren, sind fast verschwunden. Von den legendären Holzbaracken stehen nur noch Holzstümpfe. Davor sprießt jetzt eine ganz friedliche Grünanlage. New York is clean. Giuliani sei Dank. Du deutest auf die andere Seite des Flusses, auf die zersiedelte suburbia von Hoboken in New Jersey: "Heute musste der Gouverneur da drüben zurücktreten, wegen einer unstatthaften Beziehung mit seinem Heimatschutzminister." Wir lachen; an der 23. Straße trennen sich dann auch unsere Wege. "Take Care", sagst du routiniert. "Smoking may be dangerous to your teint" rufe ich dir nach. Doch du bist schon mit deiner orangenen Einkaufstasche in der U-Bahn verschwunden. Bald ist New York wieder der süße Cheesecake der Erinnerung.

Vorher muss ich aber noch mit Paul was Herzhaftes essen. Wir sitzen im tiefsten Downtown auf den wackligen Stühlen einer klitzekleinen Sushi-Bar und löffeln Miso-Suppe. Draußen strömt das bunte East Village vorbei. Meine Nervosität wegen der Revolution von 54 Millionen homophober moral values-voter belustigt den farbigen Autor, den es nervt, als Hiphop-Poet apostrophiert zu werden, obwohl er eindeutig so aussieht. "Glaubst du wirklich, die Republikaner fangen jetzt an wie die Bibelfarmer aus Middlewest zu leben? Come on! Rupert Murdoch macht zwar reaktionäre Stimmung mit Fox-TV. Aber er verdient an Pornokanälen." "Immerhin sind in elf US-Bundesstaaten Volksbegehren gegen die Homo-Ehe durchgekommen", wende ich zaghaft ein. "Und - sollen sie die Schwulen jetzt etwa auf den Mond schießen?" fragt der coole Hetero gelassen. Manhattan ist gut. Und Kansas ist weit. Für einen Moment fühle ich mich sicher in der kleinen Bar in der Südspitze des größten Verstecks der Welt.


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00:00 10.12.2004

Ausgabe 39/2020

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