Sex ist Teil der Identität San Franciscos

Tal der Träumer 400.000 Menschen in Leder und Latex feiern zwischen den Büros von Twitter und Dropbox. Was das mit der Aids-Epidemie der 1980er zu tun hat
Sex ist Teil der Identität San Franciscos
Das größte Event ist die Pride Parade
Foto: Elijah Nouvelage/Getty Images

Franz von Assisi war gemeinhin nicht für hedonistische Exzesse und zügellose Ausschweifungen bekannt. Doch das Schicksal ist geduldig — und hat einen hervorragenden Sinn für Ironie: 800 Jahre nach dem Tod des Gründers des Franziskanerordens ist die nach ihm benannte Stadt die Antithese puritaner Sittlichkeit. Die Anfänge dieser moralischen Pionierarbeit sind noch heute sichtbar. Direkt vor meine Haustür etwa verläuft die Minna Street, benannt nach einer Prostituierten aus der Zeit des Goldrauschs. Ein paar Blöcke weiter nördlich liegt Condor, der erste US-Nachtclub, in dem oben ohne getanzt wurde. Ein paar Jahre später der Summer of Love, der gerade 50-jähriges Jubiläum feiert. Wenn der Rest Geschichte ist, dann nur, weil San Francisco dem Rest des Anstands immer einen Schritt voraus war.

Und klar, die Zeiten ändern sich auch hier. Was vor ein paar Jahren noch tabu war, ist heute gang und gäbe. Als Teenager hat mich meine Mutter noch davor gewarnt, ins Auto von Fremden zu steigen oder Leute aus dem Internet zu treffen. Heute benutzen wir das Internet, um mit einem Klick fremde Leute herbeizuordern, damit wir in deren Autos steigen können. Aber das liberale Sex-Verständnis der Nebelstadt ist nicht nur Ausdruck des Anders-sein-Wollens, kein Akt der Rebellion gegen den frigiden konservativen Kern des Landes, kein kurioses Epiphänomen des Fortschritts. Sex ist Teil der Identität der Stadt und ihrer Bürger.

Das ist von außen manchmal schwierig zu verstehen. Nehmen wir San Franciscos zweitgrößtes jährliches Event: die Folsom Street Fair (das größte Event ist die Pride Parade, aber die gibt’s ja inzwischen überall). Knapp 400.000 BDSM-Enthusiasten zwängen sich in ihre Leder- und Latex-Outfits und feiern die Kultur von Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism entlang der Folsom Street, die zwischen den Büros von Twitter und Dropbox verläuft. Vor meinem Lieblingscafé steht ein Baum, an den eine junge Frau gekettet und ausgepeitscht wird. Ein bemerkenswert haariger Mann führt seinen Partner an einer Leine Gassi. Händler verkaufen Jesus-förmige Dildos. Folsom ist das Event, das selbst den liberalsten Geistern schon ein bisschen zu weit geht.

Was viele aber nicht wissen: Der Boom der BDSM-Szene in San Francisco war eine Reaktion auf die Aids-Epidemie der 1980er. Fast jeder schwule Mann, der vor 30 Jahren in San Francisco gelebt hat, hat Freunde an das HI-Virus verloren. In eben jener Zeit voller Angst suchten viele nach einer sicheren Art, intime Begegnungen zu haben. Das prägt. Daher ist Sex hier nichts, was außerhalb des Schlafzimmers oder vielleicht des Küchentisches nichts zu suchen hat, sondern Teil der individuellen und kulturellen Identität. Und wenn es irgendeinen Ort auf der Welt gibt, an dem niemand seine Identität in der Öffentlichkeit verstecken muss, dann ist das San Francisco. Es sei denn, man ist Republikaner.

Und wo wir bei Identität sind: Bevor die Amerikaner um 1846 Kalifornien eroberten, hieß San Francisco noch Yerba Buena, Spanisch für „gutes Kraut“. Im Nachhinein hätte die Stadt den Namen einfach behalten sollen.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

06:00 16.08.2017

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