Sex mit Werwolf

Musiktheater Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth inszenieren eine Groteske zwischen Wahn und Witz
Sex mit Werwolf
Die eine lacht, die andere trinkt

Foto: Volker Beushausen

Die Welt ist ein verkommener Ort, schauerlich und gottverloren. Wohin man bei der Ruhrtriennale-Inszenierung von Elfriede Jelineks Bählamms Fest schaut, lauert das Morbide. In der weiträumigen Jahrhunderthalle in Bochum blicken wir auf Niemandsland. Umgeben von mager bepflanzter Erde und Nebel befindet sich ein Holzhaus. Bewohnt wird es von der herrischen Alten Mrs. Carnis (Hilary Summers), ihrem Sohn, Farmer und Trunkenbold Philip (Dietrich Henschel) und dessen junger Frau Theodora (Katrien Baerts). Eigentlich könnte dieses Fleckchen ein Idyll sein, gäbe es nur nicht die ständigen Übergriffe auf letztere durch ihren Mann und all die Lämmer des Hofes, die unter mysteriösen Umständen gerissen werden.

Ob Fantasmagorie oder Wirklichkeit, zumindest in der Welt der verheirateten Protagonistin verbirgt sich hinter den Kadavern ein Werwolf, mit dem sie sich bald schon des Nachts im Kinderzimmer, ihrem einzigen Refugium, vereint. Dass diese Dyade keinen Halt versprechen wird, deutet von Anfang an schon die faszinierend-pessimistische Musik der Avantgarde-Komponistin Olga Neuwirth an. Am linken Bühnenrand erzeugt Dirigent Sylvain Cambreling mit seinem Ensemble Modern einen Klangraum voller Beklemmung: mal aufbrausend, mal subtil unterlegt die disharmonische Tonspur das Schauspiel, das natürlich ein ungutes Ende finden wird.

Warum? Weil diese Gefilde allein einer patriarchalen Logik unterstellt sind. Der Hausherr küsst seine Frau, wann er will. Selbst wenn sie sich von ihm wegbewegt, erscheint hinter ihr die Projektion von der erzwungenen Annäherung. Es gibt kein Entfliehen in dieser festgefügten Beziehungsarchitektur, die dem jahrezehntelangen Kampf der Nobelpreisträgerin Jelinek gegen chauvinistisches Machtgebaren erneut vollends Ausdruck verleiht. Selbst dort, wo sich ein vermeintlicher Ausweg auftut, offenbart sich letztlich doch nur männliche Zerstörungskraft. So etwa, wenn sich Theodora ganz dem Werwolf verspricht. Als Countertenor (Andrew Watts) widerspricht er zwar stimmlich dem maskulinen Klischee, schreckt aber nicht davor zurück, vor seiner Geliebten das unschuldige Lamm Mary zu töten, ihr dann den Dolch in die Hände zu legen und sie damit zur Schuldigen werden zu lassen.

Jagdhorn? Männlich codiert

Diesem Akt geht übrigens eine groteske Show voraus: das Fest der Lämmer, eine Umschreibung für das von den amoralischen Bewohnern dieses Landstrichs vergessene Weihnachtsfest. Dabei versammeln sich Träger:innen weißer Roben mit schwarzen Kapuzen als Sinnbilder der Schafe um den Bock, der, gespielt von einem kräftigen Marcel Beekman mit Hörnern, genauso gut an den Teufel selbst denken lässt. Nachdem das edelmütigste weibliche Mitglied aus der Gruppe bestimmt wurde, darf dieses das Alphamännchen sogleich oral befriedigen, um daraufhin geopfert zu werden. Wovon kündet diese Szene? Von einer neuen Zeit nach der Reinszenierung des Martyriums Christi? Vom Hereinbrechen des Sexuellen in die Religion? Von unbewussten Vorstellungen der Reinigung einer dekadenten Zivilisation?

In jedem Fall scheint diese umwerfende surreale Oper uns in einen Symbolraum zu entführen, in dem man keines der vielen Bilder banal entschlüsseln kann. Klangfragmente, die an Melodien des wiederum männlich codierten Jagdhorns erinnern, legen sich über kurze Barock-Episoden, während die Streicher darunter in schiefe Tiefebenen ausgleiten. Mit ähnlichen Überlagerungen arbeiten Darstellung und Bühnentechnik. Einmal erscheint ein Standvideo mit der vermeintlich glücklichen Familie aus Sohn, Mutter und Elisabeth, der Vorgängerin Theodoras. Zornig wirft letztere Steine auf das Bild. Es folgt ein Bildschirmflimmern mit der Aufschrift „Kinderzimmer reloaded“. Grauenvoller könnte das Ineinander von Tristesse und falschen Illusionen kaum dokumentiert werden. Diese Kollisionen von Traum und Wirklichkeit, Dies- und Jenseits stehen im Zeichen der Suche: nach dem Raum hinter den sichtbaren Dingen, in unsere eigenen Abgründe und Wünsche. Sowohl Jelinek als auch Neuwirth, die seit Jugendjahren eine Künstlerinnenfreundschaft verbindet, sind durch die Psychoanalyse geschult, die sich für den genauen Betrachter sogar in der Kulisse spiegelt – kommt doch den zahlreichen (echten) Erika-Pflänzchen um das Haus möglicherweise eine bedeutende Rolle zu. Denn sie könnten auf die Antiheldin Erika im prominentesten Roman der österreichischen Schriftstellerin, Die Klavierspielerin, hinweisen, an der Jelinek konsequent Freuds Theorien durchdekliniert. Delikat ist, dass sie den Nachnamen Kohut trägt, der gleichsam auf den Psychoanalytiker Heinz Kohut anspielt. Sieht man in derlei Assoziationen keinen Zufall, so erweist sich das Setting von Bählamms Fest als kongenial. Jede Metapher, jede Note ist perfekt gesetzt.

Was rauschhaft, gar wahnsinnig anmutet, entspringt einer stringenten Komposition, die alles im Fluss lässt und statische Grenzziehungen gekonnt überwindet. Das etwas rätselhafte Auftreten von zwei Jungen in Batman- und Spiderman-Kostümen ruft einen Crash von Klassik und Pop hervor. Überdies durchbricht insbesondere der Werwolf die künstliche Barriere zwischen Mensch und Tier. Und ob wir uns in diesem Arrangement aus Weltflucht, mythologischen Wesen und Grusel-Ästhetik tatsächlich noch im Kosmos der Lebenden befinden, ist mehr als fragwürdig, zumal sich Jelinek in all ihren Stücken des Motivs der Untoten zur Veranschaulichung der Leere in der spätmodernen Gesellschaft bedient. Gnade erfährt Theodora jedenfalls keine. Die Unterwelt bleibt ihr am Ende verschlossen. Ihr Schicksal wird das Altern sein, einsam, und zurückgeworfen auf eine endlose Landschaft ohne Horizont.

Info

Bählamms Fest, Elfriede Jelinek (Libretto, nach einem Text von Leonora Carrington), Olga Neuwirth (Musik), Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle Bochum, bis 22. August

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06:00 19.08.2021

Ausgabe 37/2021

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