Sex, Tod und Slawentum

Film Mit einer Dramaturgie, die oft an amerikanische Blockbuster erinnert, arbeiten sich jungen Filmemacher aus Belgrad und anderswo in die Tabubereiche ihrer Gesellschaft vor

 Mit Vladimir Perišićs Ordinary People tourt derzeit ein Film über die internationalen Festivals, der die Serben an die im Namen ihrer Nation begangenen Kriegsverbrechen erinnert, und ein Dokumentarfilm geht auf die ideologische Schnittmenge zwischen nationalistischen und gewalttätigen rechtsextremen Kreisen ein. Derweil erarbeitet sich eine neue Generation serbischer Regisseure das politische Kino als Untergenre des Horror-Films und läßt dabei die Grenzen des guten Geschmacks mit Absicht weit hinter sich.

In Mladen Djordjevićs drastischem Endzeitmanifest Leben und Tod der Porno-Gang / Život i smrt Porno Bande verpflichtet sich ein erfolgloser Nachwuchsregisseur zur Produktion von 'Snuff-Movies'; Sexfilmen, in denen die Hauptdarsteller real ermordet werden. Als Schauspieler werden kriegsmüde Selbstmordkandidaten gefunden – Menschen, die an den Gewissenskonflikten über von ihnen begangene Kriegsverbrechen und anderen Traumata zerbrechen.

So beschreibt ein Ex-Soldat detailliert die Kriegsgreuel seiner Einheit, bevor er sich vor laufender Kamera töten lässt. Das Honorar kommt den ansonsten mittellos Hinterbliebenen zu Gute – Djordjević beschreibt die gesellschaftliche Verzweiflung als Horrortrip einer hippiesken Artistentruppe, überschreitet mehrmals das Erträgliche und führt sein metaphorisches Sittenbild auf die kollektive Perspektivlosigkeit im Post-Milošević und Post-Djindjić-Serbien zurück. Sein filmischer Ansatz setzt auf Schockwirkung, kann aber den Verdacht nicht ganz enthärten, dass es hier auch um den Tabubruch als Teil der Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache geht. Srdjan Spasojevićs Ein serbischer Film / Srpski Film, der derzeit gedreht wird, dürfte das serbische Polit-Horror-Genre demnächst um einen weiteren Vertreter reicher werden.

Geistige Brandstifter

Djordjević und Spasojević sind Teil einer Gruppe von jungen Filmemachern, die von der serbischen Filmkritik bereits unter dem Etikett „Neue Welle des serbischen Films“ gelistet wird. Mit einer Dramaturgie, die sich eher an amerikanischen Blockbustern als am europäischen Autorenkino orientiert, arbeiten sich die jungen Filmemacher in die Tabubereiche ihrer Gesellschaft vor. Zu den Regisseuren gehört auch Stefan Filipović, der 2006 mit seinem Science Fiction Sheitan's Warrior / Šejtanov ratnik einen nationalen Box-Office-Hit landen konnte.

Momentan arbeitet der 1981 geborene Filmemacher an seinem neuen Film Skinning / Sišanje, der die Verwandlung eines Gymnasiasten vom unauffälligen Hochschüler zum skrupellosen Anführer einer Neonazi-Gang beschreibt. Er sei „inzwischen von der Realität überholt“ worden, sagt Filipović, der seit 1996 an seinem Projekt arbeitet, und erwähnt, wie Aktivitäten von Hooligans, rechtsextremen Organisationen, konservativen Kreise der serbisch-orthodoxen Kirche und geistigen Brandstifter im publizistischen Establishment zusammenspielen. So relativierte Djordje Vukadinović, Kolumnist der alteingesessenen Tageszeitung Politika, die Ermordung eines französischen Fussballfans vor einigen Wochen mit einem Hinweis auf die NATO-Bombardierung Belgrads im Jahre 1999 mit der Suggestivfrage „haben uns nicht auch die Franzosen bombardiert?“

Mit seinem Dokumentarfilm Aufgeheiztes Blut / Vrela krv nähert sich Marko Mamuzić dem Netzwerk der nationalistischen Rechten. So wurde die Nähe einzelner Kirchenvertreter zum gewalttätigen Rechtsextremismus während der brutalen Übergriffe auf díe „Gay Parade“ in Belgrad 2001 deutlich, etwa, wenn der Priester Žarko Gavrilović davon spricht, dass er damals Mitglieder der klerikalfaschistischen Organisation „Obraz“ mit gewalttätigen Hooligans des Fussballclubs „Roter Stern Belgrad“ in Kontakt gebracht und auf die Schwulendemonstration „aufmerksam gemacht“ hätte. „Obraz“-Aktivisten haben auch in diesem Jahr dafür gesorgt, dass die Diskussionen um die Homosexuellen-Demo zum politischen Ekklat gerietem. Zeitweise sah sich sogar die serbische Regierung derart unter Druck gesetzt, dass sie den Veranstaltern empfahl, in einen weit ausserhalb des Stadtzentrums gelegenen Park auszuweichen. Einen Platz, an den bereits Milošević die Protestaktionen seiner Gegner verbannt hatte.

Mamuzić bringt die rassistischen Morde an Roma und die Brandschatzung der Bajrakhi-Moschee im Zentrum Belgrads als Rache auf die antiserbischen März-Pogrome in Kosovo im Jahre 2001 in Zusammenhang mit nationalistischen Statements politischer und kultureller Gallionsfiguren wie Vojislav Koštunica und Emir Kusturica. Beide gehörten zu den Rednern auf einer Demonstration im Jahre 2008, die sich gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen des Kosovo wandte und nach der die Botschaften der USA, Sloweniens und Kroatiens angegriffen und teilweise in Brand gesteckt wurden.

Auch die Protagonisten in Skinning geraten in den Taumel dieser Auseinandersetzungen, zu deren ideologischen Grundfesten ein antiglobalistisch definierter Nationalismus gehört. Eine Ideologie, die nicht nur in sozial benachteiligten Schichten gut ankommt und damit dem Allgemeinplatz widerspricht, dass sich mit guter Bildung die Akzeptanz totalitärer Weltbilder eindämmen liesse. Auch Filipovićs Hauptprotagonist kommt aus guten Verhältnissen: der Sohn eines Architekten gilt als begnadeter Mathematiker. In dem zwischen Europa-Befürwortern und Nationalisten gespaltenen Serbien geraten Menschenrechtler vermehrt unter Druck, und so wundert es auch nicht, dass Filipović bereits einige Todesdrohungen erhalten hat, nachdem er den Trailer von Skinning ins Netz stellte.

Aufgeheizte Stimmung

Unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Spannungen steht nicht nur das junge, sondern das gesamte serbische Kino, abgesehen von wenigen eskapistischen Versuchen wie Miroslav Momčilovićs banaler Beziehungsschmonzette Warte auf mich, denn ich komme bestimmt nicht / Čekaj me, ha segurno neču doći, unter erheblichem Politisierungsdruck. Vladimir Paskaljević etwa beschreibt in seinem Episodenfilm Devil's Town / Diavolija varoš, wiederum unter Benutzung expliziter Gewaltmetaphern, parabelhaft den Ausverkauf des Landes an zwielichtige Geschäftsleute. Und Altmeister Želimir Žilnik, exponierter Vertreter der „Schwarzen Welle“ der sechziger Jahre und bis heute enfant terrible des serbischen Films, erklärt uns mit einer Mischung aus augenzwinkernder Ironie und marxistischem Ernst in Die alte Schule des Kapitalismus / Stara škola kapitalizma die Rückkehr feudalistischer Praktiken in einem Land, dessen Wirtschaft von Fabrikschließungen, Massenentlassungen und Nepotismus heimgesucht wird.

Die Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen der neunziger Jahre droht derweil in personalpolitischen Diskussionen unter die Räder zu geraten. Perišićs Ordinary People, das rationale Protokoll eines Kriegsverbrechens, an dessen Ende die beteiligten Soldaten ihre Verantwortung mit der Kernaussage „Ich habe nur so viele getötet wie die anderen auch“ beiseite wischen, wurde von einer ehemaligen Kulturministerin der Regierung Milošević koproduziert. Grund genug für viele Beobachter aus dem ehemaligen Jugoslawien, die selbstkritische Haltung des Regisseurs in Zweifel zu ziehen, nachdem der Film den Hauptpreis auf dem diesjährigen Sarajevo Film Festival gewann. In der aufgeheizten politischen Atmosphäre werden offenbar auch die gesellschaftlichen Selbstheilungskräfte nach den Maßstäben der 'political correctness' bewertet.

20:00 01.11.2009

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