Sex Trouble

Nicht nur Symbolisch Sexualhormone im Trinkwasser

Der französische Dichter Apollinaire nannte eines seiner Theaterstücke Die Brüste des Tiresias. Zeus und Gattin Hera führten an Tiresias eine kontrollierte Studie durch. Sie verwandelten ihn in eine Frau, um zu vergleichen, ob der Mann oder die Frau größere Lust in der Liebe erführe. Der zurückverwandelte Tiresias gab der Frau die höhere Punktzahl. Weil er damit ein Geheimnis verraten hatte, strafte ihn die wütende Hera mit Blindheit. Werden die Mütter zukünftiger Generationen ihren Jungen den Rat auf den Weg geben, kein Leitungswasser zu trinken, weil ihnen damit wie den Mädchen Brüste wachsen würden?

Passionierte Segler haben vielleicht schon davon gehört: Schiffe müssen jährlich mit einem Anstrich versehen werden, der unter anderem auch Substanzen gegen Algenbewuchs enthält. Eine dieser Substanzen ist TBT (Tributylzinn), das noch in vielen Ländern Bestandteil von Schiffsfarben ist und so ähnlich wirkt wie Testosteron, das männliche Geschlechtshormon. In der Nachbarschaft von Häfen und Bootsanlagestellen wurden vermännlichte Meeresschneckenweibchen und Austern mit degenerierten Schalen und gestörten Larven gefunden. TBT ist zumindest in Deutschland seit einigen Jahren verboten.

Angler an Havel und Spree sollten in Zukunft ein Auge darauf haben, welches Geschlecht der Fisch hat, den sie an der Angel haben: Ende der neunziger Jahre wurden Forellen und Karpfen in Becken mit unterschiedlich hohem Anteil von kommunalem Abwasser aus einem Berliner Klärwerk aufgezogen. Bei einem Abwasseranteil von 40 Prozent entwickelten sich aus dem Laich dieser Fische nur noch Weibchen. Ein solch hoher Abwasseranteil kann in trockenen Sommermonaten wie im vergangenen Jahr durchaus in Berliner Seen und Flüssen auftreten.

Skandinavische und deutsche Wissenschaftler suchten Anfang der neunziger Jahre nach Pestiziden im Wasser und fanden Lipidsenker, später Spuren von anderen Medikamenten und Östrogenen. In welchen Größenordnungen bewegen sich die Medikamentenkonzentrationen? Als Tablette im Milligrammbereich (1 mg = 1/1000Gramm), im Wasser im Mikrogrammbereich pro Liter (1mg = 1 Millionstel Gramm ), im Flusswasser im Nanogrammbereich pro Liter (1ng =1 Milliardstel Gramm). Das Schockierende: Verweiblichungseffekte auf Wasserorganismen werden schon ab Konzentrationen von 1ng/1 beobachtet.

Männliche Brassen in Rhein und Elbe mit Eizellen in den Hoden, Forellenmännchen mit Gelbkörperchenbildung, Flundern mit zurückgebliebenen Keimdrüsen ... Die Aufzählung erinnert an die skurrilen Objekte barocker Wunderkammern oder anatomischer Sammlungen. Die meisten Medikamente werden nur zum Teil vom Körper aufgenommen und mehr oder weniger unverändert über die Niere mit dem Urin ausgeschieden und gelangen so mit dem Abwasser in die Kläranlagen. Allerdings finden sich nicht nur Antibaby- und Menopausepille im Abwasser, sondern auch eine ganze Reihe anderer synthetischer Stoffe, die eine östrogenartige Wirkung haben: Zum Beispiel die Abbauproduktion nichtionischer Tenside (Nylonphenol): Jede Putzmittel- und Waschmittelpackung schmückt sich damit, zu 98 Prozent abbaubare nichtionische Tenside zu haben. Wenn die Substanzen auch noch wasserlöslich sind, können sie ins Grundwasser und von dort ins Trinkwasser gelangen.

Die Bleilasur des römischen Tongeschirrs soll Unfruchtbarkeit hervorgerufen und damit zum Untergang des Römischen Imperiums beigetragen haben. Nun sind Menschen höchstens als Sternbild Fische. Es ist trotzdem nicht auszuschließen, dass auf lange Sicht Östrogenspuren im Trinkwasser die Samenfäden schädigen.

Die Östrogene sind nur ein Aspekt bei der Verseuchung der Umwelt mit Arzneimitteln. Dabei muss auch an die Massen von Antibiotika gedacht werden, die in der Viehzucht eingesetzt werden. Jahr für Jahr werden 50 bis 1000 Tonnen Cholesterinsenker in der Nordsee aufgelöst und vielleicht ähnliche Mengen der gängigen Schmerzmittel oder Blutdrucksenker.

In Deutschland wird mittlerweile in modernen Kläranlagen das Ozonierungsverfahren eingesetzt, mit dem Medikamentenspuren im Klärschlamm entfernt werden. Für den Hausgebrauch reicht ein Kohlenstofffilter am Wasserhahn aus. Man sollte nur nicht vergessen, den Filter regelmäßig zu wechseln. Wegen der Bakterien.


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00:00 17.09.2004

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