Sexpositives Ausgehen in Berlin

Fast-Gewinner Der Roman „Allegro Pastell“ von Leif Randt ist eine hyperintelligente Beziehungsstudie – nichts für Freunde der Onkelliteratur
Neukölln meets Badminton – oder so ähnlich. Eine Liebesgeschichte wird das im Leben nicht
Neukölln meets Badminton – oder so ähnlich. Eine Liebesgeschichte wird das im Leben nicht

Foto: imago images/Westend61

Schön war die Zeit, irgendwann Mitte der sogenannten Zehner Jahre, Interview-Anlass „Planet Magnon“: Leif Randt kam eine halbe Stunde zu spät ins Café, hatte dafür aber auch schon 10.000 Schritte auf dem Self-Tracker seiner Armbanduhr („das gibt dann immer so’ne Celebration“) und wir einigten uns darauf, einfach nur ein bisschen rumzuquatschen, uns über die Autobio- und Science-Anteile in der Gegenwartsliteratur lustig zu machen und den Rest per Mail zu erledigen.

„Wie retro ist fiction?“ war das anschließende Textangebot überschrieben, das meinen Rauswurf als Literaturredakteur bei dem Fashionmagazin mehr oder weniger einleitete (Vorwurf: Insidertrading, Metaebene, „wer ist Leif Randt?“).
Es folgten Jahre der Obskurität: Leif Randt verschwand in seinem Online-Projekt Tegel-Media oder schrieb hyperrealistische Ferienaufsätze wie den über den australischen Bondi-Beach für den Reiseteil. Jetzt endlich das Comeback: ein neuer Roman! Große Freude bereits über den Titel, der wie mit einem Bullshit-Bingo-Generator ermittelt klingt: „Allegro Pastell“.

Jerome? Tanja?

Noch besser nur der mutmaßlich vom Autor selbst verfasste Klappentext über den Plot von „Germany’s next Lovestory“:
„Jogging durchs Naturschutzgebiet und Meditation im südhessischen Maintal, driftende Dauerkommunikation und sexpositives Ausgehen in Berlin – Jerome und Tanja sind füreinander da, jedoch nicht aneinander verloren. Eltern, Freund*innen und depressive Geschwister spiegeln ihnen ein Leid, gegen das Tanja und Jerome weitgehend immun bleiben.“

Jerome? Tanja? Gemeint sind „Jerome Daimler“ (35, Webdesigner aus Maintal-Ost) und „Tanja Arnheim“ (29, Autorin des Virtual-Reality-Kultbuchs „PanoptikumNeu“ aus Berlin-Neukölln) und bereits hier ahnt, ja weiß man es, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt: Das wird natürlich im Leben keine richtige Liebesgeschichte zwischen zwei richtigen Menschen mehr. Sondern eine hyperintelligente Beziehungsstudie über das harmoniesüchtige Verhältnis der beiden Persönlichkeits- und Interessenanteile des Leif Randt zueinander: Virtual und Reality gehen zusammen sexpositiv in Berlin aus. Und unterlaufen somit alle verdammten Romanerwartungen an so etwas Altbackenes wie „Plot“ oder „Figurenentwicklung“.

Die programmatische Anti-Poetik dazu gibt’s bereits auf Seite 14: „Dass so wenige Menschen sich trauten, ihre echten Erinnerungen zu erzählen, da diese naturgemäß arm an Pointen waren – darin erkannte sie ein strukturelles Problem, das eng mit der globalen Ökonomie verbunden war.“

Höchstens Insta

Peng, bzw. Plopp. Das ist so intelligent, dass es noch nicht mal ein richtiger Gedanke ist (eher eine Abkürzung oder Andeutung zum Selberausmalen: Literatur!) und zielt natürlich direkt ins aufgeregte Emoji-Herz des Hipsters: Du bist nicht neu. Du bist nicht Generation. Du bist höchstens Insta:

„Mittlerweile hatte Jerome das Gefühl, einer sehr kleinen Generation anzugehören, die fast nur aus ihm selbst bestand, und für diese Generation waren Facebook-Profile, Dating-Apps und Spekulationen auf Kryptowährungen gleichbedeutend mit einer emotionalen Nähe zur CDU.“

Randts Figuren meinen das noch nicht mal kritisch. Sie sind zu intelligent für Meinungen, Wokeness oder Achtsamkeit. Das macht die Lektüre stellenweise ein bisschen egal. Und hinzu kommt: Randt kann und will ums Verrecken keine Konflikte oder Dialoge. Für wörtliche Rede wird doppelt gemoppelt extra Anführungszeichen plus Kursivschreibung verwendet, wodurch man das Gefühl hat, Avatare sprächen ausschließlich im Motto-Modus, oder ironischen Ratgeber-Stil weniger mit-, als aneinander vorbei.

„Nimm das jetzt nicht als Wahrheit. Ich spekuliere nur …“ „Schon okay. Schieß los.“ „Du hast dich in den vergangenen Monaten sehr stark mit Jerome identifiziert. Er spiegelt dich. Und du magst es gespiegelt zu werden. Das hat dich getragen. Aber ich glaube, du wirst zunehmend hart ihm gegenüber, weil du dir selbst gegenüber schon längere Zeit zu hart bist.“

Das ist natürlich haarscharfes Bad Writing (das ein bisschen an Knausgård erinnert, der seine Dialoge ja auch bewusst schlecht schreibt, um zu zeigen, dass er sich nicht mehr richtig erinnert). Bei Randt ist es sogar fast schon kunstvolle Dialog-Verweigerung, um nicht im „gutgeschriebenen“ Drehbuch zu enden. Das Zitat entstammt einer zentralen Passage, in der sich Tanja nach der Trennung von Jerome von ihrer Mutter Ulla, einer Therapeutin aus Kiel, Hilfe erhofft.

Badminton

Mit Christian Kracht und Rainald Goetz hat das wenig zu tun, wie Ijoma Mangold in einer sympathisch auf den Putz hauenden ZEIT-Hymne gerade selbst relativierte. Dafür fehlen Randt das reaktionär Rebellische und die Sprachwut auf die Verhältnisse. Er ist aber natürlich auch keine affirmative Snowflake. Seine Alter Egos spielen den Nischen-Sport Badminton (weltweit ca. 2.000 TV-Zuschauer im nichtasiatischen Raum) und gehen zu Decathlon, dem ALDI unter den Sportläden. Sie halten also auch was aus und man muss oft lachen – in einer Welt voller Hass, Leid und Gewalt (oder Meinung, Jammern und Aggression), die vielleicht ein bisschen zu dumm für diese Art von Prosa ist.

Ein kluger ZEIT-Leser merkte in seinem Kommentar zu Mangolds Hymne an, wie es sein könne, dass der Kritiker gleichzeitig Lutz Seilers Retro-Ostschinken abgefeiert hat. Denn aus dem Zustand Allegro Pastell führt eigentlich kein Weg zurück in die gemütliche Onkelliteratur auf Stern 111. Das hat die Jury des Leipziger Buchpreises wohl auch erkannt und ist dann lieber auf halber Strecke umgedreht. Lost in space sind wir jetzt sowieso alle.

Allegro Pastell: Roman Leif Randt, KiWi 288 S., 22 €

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