Sexualität und Freiheit

Rätsel der Sphinx In der modernisierten Moderne zerfällt die bürgerliche Institution der Ehe. Über ödipale Verstickungen, romantische Liebe, die Chancen der Wahl und die Aufgabe der Psychoanalyse

Schon 1953 hatte Georges Devereux gegen Freud eingewandt, dass er eine allzu eindimensionale Lesart des Ödipusmythos verfolge. Indem er ihn vor allem als Täter betrachte, klammere Freud aus, dass Ödipus zuvor Opfer grausamer Misshandlungen durch seine Eltern geworden war. Man sollte heute auf dem Weg von Devereuxs Kritik noch einen Schritt weiter gehen. Denn leider wurde die Frage, warum die klassische Ödipusgeschichte mit der Auflehnung der Eltern gegen das ihnen vorbestimmte Schicksal beginnt, nie ernsthaft vertieft - zumindest was das Feld der großen psychoanalytischen Interpretationen angeht. Ein erstaunliches Phänomen, zumal die meisten Heldenmythen - wie schon Otto Rank hervorhob - mit vergleichbaren Ausgangskonflikten beginnen.

Bekanntlich ließen Laios und Iokaste Ödipus mit durchbohrten Füßen am Berg Kithairon aussetzen, damit sich das vorhergesagte Los, vom eigenen Sohn getötet zu werden, nicht erfülle. Der klassische Heldenmythos beginnt also mit einem Akt der Selbstbefreiung - nicht des Helden sondern seiner Eltern, die sich durch ihre Tat als freie Individuen in Szene setzten.

Meine These läuft darauf hinaus, dass Ödipus seinen Vater tötete und seine Mutter zur Frau nahm, weil er als Kleinkind keine andere Möglichkeit sah, diese so sehr bedrohlich erlebte Freiheit seiner Eltern in Schranken zu weisen. Wenn diese Interpretation zutrifft, würde es sich beim späteren Vatermord genau wie bei dem dann folgenden Inzest um die Verwirklichung des unbewussten infantilen Impulses handeln, die Freiheit der Mutter dadurch zu zerstören, dass er den Vater tötet und ihr ungeteiltes libidinöses Begehren in seinen Besitz nimmt - eine Lesart, die durch neuere Ergebnisse der kognitiven Entwicklungspsychologie gestützt wird.

Erschreckende Freiheit

Bis zum Beginn des fünften Lebensjahres - also bis zum Beginn der ödipalen Phase - leben Kinder noch in einer teleologisch strukturierten Welt. Sie sind der Auffassung, dass es sich sowohl bei den eigenen wie bei den fremden Wünschen, Vorstellungen und Überzeugungen um geistige und emotionale Phänomene handelt, die in fester Weise mit bestimmten Umweltgegebenheiten, Interaktionssituationen oder Körperreizen verbunden sind.

Genau genommen handelt es sich hier um ein nicht ganz einfach zu bestimmendes Zwischenstadium. Ihre typischen Rollen- und Symbolspiele zeigen uns, dass Kinder dieser Altersstufe durchaus in der Lage sind, Gesten oder Gegenstände als Zeichen für anderes zu verwenden. Und doch scheinen sie zu glauben, dass die Bedeutungen, die sie diesen Zeichen geben, mit den gemeinten Gegenständen identisch sind. Mit Frege und Husserl könnte man auch sagen, sie verstehen zwar die Zeichenfunktion, setzen die Bedeutung der verwandten Ausdrücke oder Symbole aber noch mit den Objekten gleich, auf die sie sich beziehen. Deshalb gibt es in ihrer Welt keinen Platz für Gedanken oder Vorstellungen, die sich als falsch erwiesen haben. Sie werden sofort vergessen. Auch scheinen sie über kein Verständnis für das Phänomen der Täuschung zu verfügen. Sie leben also in einer Welt eindeutiger Tatsachen, in der Persönliches und Subjektives noch nicht als solches hervor tritt und sind deshalb auch noch nicht in der Lage, eigene Erfahrungen als solche zu erinnern. Es fällt ihnen schwer, Gefühle von Gedanken oder Vorstellungen wirklich zu unterscheiden. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die präödipalen Kinder von ihren Phantasieproduktionen noch so sehr in Beschlag genommen werden. Eine Welt, die uns Erwachsenen verloren gegangen zu sein scheint - deren Faszination und Gefahren wir aber erahnen können, wenn wir uns an unsere eigenen Zustände großer Verliebtheit erinnern, in denen Vorstellungen und Ideen wieder ihre alte imperative Macht zurückzubekommen scheinen, die wir normalerweise nur den Gefühlen beimessen.

Für unsere Überlegungen ist nun entscheidend, dass in diesen präödipalen Lebenswelten für das Phänomen der persönlichen Freiheit noch kein Platz ist - eine Konsequenz, die im entwicklungspsychologischen Kontext erstaunlicherweise bisher nicht weiter beachtet wurde.

So verbinden sich die nächst folgenden ödipalen Entwicklungsschritte mit einem bösen Erwachen: Sie fallen mit der Entdeckung der eigenen - und was viel bedrohlicher ist - mit der Entdeckung der Freiheit des Anderen zusammen. Plötzlich wird den Vier- bis Sechsjährigen klar, dass es sich bei der Zuwendung ihrer Eltern keineswegs um eine notwendige Reaktion auf bestimmte Reize handelt, sondern um das Resultat einer prinzipiell freien und jederzeit widerrufbaren Entscheidung. Erschreckt stellen sie fest, dass die von Hänsel und Gretel oder von Ödipus so grausam durchlebten Gefahren auch ihnen drohen. Die von den meisten Kindern in diesem Alter aufgeworfenen Fragen, ob man nicht doch von einem anderen Vater stamme, bei der Geburt vielleicht verwechselt wurde oder gar nur ein adoptiertes Waisenkind sei; all diese traurigen Grübeleien zeigen, wie sie versuchen, die ihnen dämmernden neuen Erkenntnisse in ihr bisheriges Weltbild zu integrieren und welch existenzielle Verunsicherung von der Einsicht ausgeht, dass es sich auch bei Vater und Mutter um freie Subjekte handelt, von denen man letztendlich nie weiß, ob sie einen nicht doch irgendwann im dunklen Wald oder im benachbarten Gebirge aussetzen.

So ist es denn auch nur konsequent, wenn Kinder in diesem Alter den Wunsch entwickeln, Vater oder Mutter zu heiraten. Offenbar versuchen sie sich vor der neu entdeckten Bedrohung dadurch zu schützen, dass sie sich zum alleinigen Besitzer über das Begehren des Anderen aufschwingen. Immer geht es um den Ausschluss des Dritten, nicht weil der Fünfjährige plötzlich von dem imperativen Wunsch erfüllt ist, mit der Mutter genital zu verkehren, sondern weil er sich gezwungen sieht, die so bedrohliche Wahlfreiheit der Mutter zu zerstören.

Durch diese aus der Not geborene Hybris sieht sich das Kind aber zugleich in das Feld einer erwachsenen Sexualität gestellt, durch die es sich völlig überfordert fühlen muss und an die es sich auch später - zum Beispiel in der Analyse - nur mit Schrecken erinnert, weil ihm das erwachsene Begehren mit all seinen Verwicklungen von Bewunderung und Abscheu, von Idealisierung und Verachtung, von Ekel und Schönheit und vor allem von Zärtlichkeit und Kampf, wie eine endlos verführerische Bedrohung, Überwältigung und Vernichtung erscheint. So bleibt am Ende doch nichts anderes als der Verzicht - sowohl auf die Heiratspläne wie auf den Versuch, die alte präödipale Welt doch noch zu retten. Die libidinösen Gefühle werden verdrängt.

Was in der ödipalen Situation neu hinzu kommt ist nicht das Sexuelle - das gab es schon von Anfang an. Bisher glaubten die Kinder fest darauf rechnen zu können, dass Tränen mit Trost und Lächeln mit Freude beantwortet werden - auch weil sie es verstanden, das libidinöse Begehren ihrer Eltern in den Dienst ihres Wohlbefindes zu stellen - trotz all seiner Unbewusstheit und Rätselhaftigkeit. Erst der Zwang, in diesem Spiel den anderen Elternteil ganz und gar zu ersetzen, treibt die ödipalen Jungen oder Mädchen in jene Überforderungssituation, auch auf dem Feld der erwachsenen Sexualität den Sieg davon tragen zu müssen.

Romantische Liebe - der zweite Versuch

Für uns sind all diese Überlegungen vor allem deshalb wichtig, weil dieser Ausgang des ödipalen Dramas zugleich die strukturierende Matrix für seine adoleszente Wiederkehr bildet. Vieles spricht dafür, dass es vor allem das Gefühl der romantischen Verliebtheit ist, in das all diese ödipalen Motive wieder einfließen. Es scheint, als sei es diese Hoffnung, jene so schmerzlichen ödipalen Niederlagen in einem zweiten Versuch doch noch ungeschehen zu machen, die der Liebe ihre so mitreißend-realitätsferne Macht gibt. Es scheint, als bekämen wir eine zweite Chance, als könne es doch noch gelingen, wieder in die alte, längst verloren geglaubte Welt abzutauchen, wo Gefühl und Ratio, Gedanke und Emotion sich noch in ›unschuldiger Eintracht‹ befanden. Zugleich gibt uns die Angst und Scham, die uns regelmäßig beschleicht, sobald es darum geht, unsere Liebe zu offenbaren, eine erste Ahnung von der Bedrohung, die für uns von der Freiheit des Anderen ausgeht. Vor allem aber ist es der Rausch der Liebe selbst, der uns verdeutlicht, unter welch drückender Last wir bisher lebten - seitdem wir gezwungen wurden, uns mit der Freiheit des Anderen abzufinden.

Einerseits ist klar, dass es bei der Liebe nicht nur um diese oder jene Zuwendung, sondern um den Besitz und zwar den totalen Besitz des Begehrens des Anderen geht. Jede Liebesgeschichte, jeder Hollywoodschinken, aber auch jedes klassische Beziehungsdrama würde all seinen Reiz und all seine Spannung verlieren, begännen die Beteiligten plötzlich, sich auf eine "gerechte Teilung" der umkämpften Partnerinnen oder Partner zu einigen. Und doch gilt leider auch das Umgekehrte. Sobald jeder bekommt, was er sich ersehnt, bricht die Handlung ebenfalls in sich zusammen. Stellen wir uns vor Romeo und Julia, Scarlett O´Hara und Rhett Butler oder Werther und Charlotte hätten ohne größere Probleme zueinander gefunden - da bliebe nicht viel.

Erneut stoßen wir auf die paradoxe Verwicklung von Sexualität und Freiheit - und das kann ja auch gar nicht anders sein. Wenn es bei der romantischen Liebe in der Tat um die Hoffnung geht, die ödipale Niederlage in einem nochmaligen zweiten, dritten, oder vierten Durchgang ungeschehen zu machen, dann kommt alles darauf an, die Freiheit des Anderen zu zerstören, indem es gelingt, sein Begehren ganz und gar, unter allen Umständen und für alle Zeiten in Besitz zu nehmen.

Zugleich droht dieser Sieg in sein Gegenteil umzuschlagen. Oft erweist er sich als Anfang vom Ende all jener so rauschhaft erlebten Erhebung und Größe. Regelmäßig tauchen mit der institutionellen Befestigung der neuen Partnerschaft auch die alten ödipalen Dämonen wieder auf, die beschriebenen Ängste vor der erdrückenden, überwältigenden oder verschlingenden Inbesitznahme durch den anderen. Wahrscheinlich ist es diese, schon von Hegel beschriebene Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, die uns zwingt, unser Begehren - genau wie damals - schließlich doch wieder zu verdrängen. Ein unbewusster Prozess, bei dem wir lediglich irgendwann erstaunt feststellen, dass die Liebe verschwunden ist. Hinzu kommt, dass der Andere durch seine vollständige Hingabe aufhört, ein würdiger Nachfolger jener Mutter oder jenes Vaters zu sein, die uns einst tiefe Kränkungen zufügten. So ist es häufig nur die durch einen Dritten neu geweckte Gefahr, den schon sicher geglaubten Partner doch noch zu verlieren, die uns von den alten ödipalen Ängsten wieder befreit und dem Anderen seine Satisfaktionsfähigkeit zurück gibt. Da verstehen wir auch besser, warum es gerade die Eifersucht ist, die sich immer wieder wie eine Art Jungbrunnen erweist für alte, längst verloren geglaubte Liebesgefühle.

Unsere klinische Erfahrung spricht dafür, dass es vor allem die ödipal sehr gebundenen Patienten sind, die auf diese so widersprüchliche Konstellation besonders empfindlich reagieren. Häufig beklagen sie sich, keine dauerhaft tragfähigen Beziehungen zustande zu bringen und stattdessen ständig zwischen zwei Extremen hin und her zu pendeln: Entweder der Partner weigert sich, sich dauerhaft zu binden, dann verzehre man sich in unerfüllter Liebe und quälender Eifersucht. Oder er zeigt den deutlichen Wunsch nach fester Bindung, dann verschwindet die eigene Liebe rasch. Regelmäßig finden sich dann auch die schon vielfach beschriebenen genital sexuellen Hemmungen. Frauen klagen, befriedigende Sexualität nur mit relativ fremden oder gerade erst kennen gelernten Männern erleben zu können, während Männer vor allem in libidinös hoch besetzten Beziehungen unter Potenzstörungen leiden. Und natürlich kennen wir sie alle, die vielen Fälle in denen die Partnerschaften trotz dieser Schwierigkeiten aufrechterhalten werden - um den Preis der Trennung von zärtlicher und erotischer Liebe.

In der traditionell bürgerlichen Liebeskultur scheint dieses Problem durch eine Art Kompromiss gelöst worden zu sein. Indem sie dem Einzelnen das Recht auf freie Partnerwahl einräumt, wird der romantischen Liebe einerseits durchaus Raum gegeben. Andererseits trägt sie der Erfahrung, dass diese Liebe dazu tendiert, irgendwann an den eigenen Widersprüchen zugrunde zu gehen, dadurch Rechnung, dass sie einen hohen institutionellen Druck aufbaut, trotzdem zusammen zu bleiben. So kann sich die Institution der bürgerlichen Ehe durchaus auf die Liebe berufen, ohne aber mit ihrem Verschwinden selbst auch aufgegeben werden zu müssen. Obwohl diese Konstellation gegenüber dem feudalen Lebensmodell, bei dem Ehe und Liebe schon von vornherein getrennte Wege zu gehen pflegten, durchaus Vorteile aufweist, scheint es sich hier doch um ein nur wenig stabiles Zwitterwesen zu handeln. Inzwischen wissen wir, dass es in allen Gesellschaften, in denen sich das bürgerliche Modell durchsetzte, über kurz oder lang zu einer schrittweisen Erosion der traditionell bürgerlichen Eheinstitutionen kam. Offenbar fällt es schwer, dem ödipalen Traum - nachdem er schon verwirklicht zu sein schien - dann doch noch zu entsagen. So gibt es in fast allen modernen Gesellschaften eine starke Tendenz, den adoleszenten Liebesrausch auch im späteren Erwachsenenleben immer neu beleben zu wollen.

Verdrängung oder Verneinung

Bisher haben wir vor allem die psychischen Parallelen zwischen der ödipalen Situation und der erwachsenen Partnerwahl betont. Jetzt wo es darum geht, den Weg zu suchen, der uns aus dem Labyrinth dieser ödipalen Verstrickungen wieder hinaus führt, scheint es mir ratsam, die realen Unterschiede mehr in den Blick zu nehmen. Während die vier- bis sechsjährigen Jungen oder Mädchen noch ganz und gar auf ihre Eltern angewiesen sind, ist das bei den jugendlichen Liebespaaren offenbar nicht der Fall. Wenn der eine nicht will oder sich doch als unpassend erweist, besteht die Freiheit, jemand anderes zu wählen, was bei den eigenen Eltern bekanntlich nicht möglich ist. Ich bin überzeugt, dass es genau diese Wahlfreiheit ist, die uns in die Lage versetzt, die infantilen Verdrängungen, zum Beispiel in der Pubertät, wieder aufzuheben und dass mit dem Verlust dieser Freiheit, zum Beispiel in der Ehe, auch die alten Verdrängungen wieder Raum greifen.

Besser wäre, auf das Wiederauftauchen der ödipalen Ängste statt mit Verdrängung mit bewusster Verneinung zu reagieren, was offenbar leichter fällt, wenn wir uns unserer Wahlfreiheit bewusst bleiben, wenn es also gelingt, die Abhängigkeit vom Sieg über die Freiheit des Anderen auch wieder zu relativieren. Entscheidend ist, dass am eigenen Begehren auch dann festgehalten werden kann, wenn es in den Ambivalenzen der wirklichen Beziehungen unterzugehen droht - ein psychisch höchst anstrengender Prozess, der sich regelmäßig mit existenziellen Ängsten verbindet. Ich denke, dass der Freudsche Begriff der Kastrationsangst hier durchaus angemessen ist, weil der Andere sich in der Tat zum Herren über das eigene Begehren zu erheben droht - wobei es ganz zweitrangig ist, ob dieses Begehren als Phallus, als Klitoris oder sonst wie symbolisiert wird. Immer droht ein ganz essentieller Teil des eigenen körperlichen Selbst in den Besitz der Anderen überzugehen.

Was dann - nach Aufgabe der Verdrängung - folgt, bezeichnete Freud als Trauerarbeit, die sich vor allem durch eine schrittweise Ablösung der libidinösen Objektbindung auszeichne. So ist es vor allem die Möglichkeit, die Libido von einem zum anderen Objekt zu verschieben, die uns veranlassen könnte, den sehr viel anstrengenderen Weg der bewussten Verneinung zu gehen. Und in der Tat haben verschiedene kulturvergleichende Studien gezeigt, dass überall dort, wo Wahlentscheidungen nicht in Betracht kommen, die Menschen vor allem zum Selbststeuerungsinstrument der Verdrängung greifen, während der Weg der Verneinung offenbar nur dort gewählt wird, wo verschiedene Handlungsoptionen bewusste Wahlentscheidungen notwendig machen - was in enttraditionalisierten Gesellschaften viel häufiger vorkommt als in traditional normierten Lebensmilieus.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir nun besser, warum das Scheitern der Liebe beim Verlassenen regelmäßig heftigen Liebesschmerz auslöst, während das gleiche Scheitern, sofern es sich im Rahmen einer fortbestehenden Ehe abspielt, häufig gar nicht bemerkt wird. Für den Verlassenen verlieren die ödipalen Dämonen ihre Macht, weil er sich einem starken Druck ausgesetzt sieht, seine libidinösen Gefühle aus ihrer Bindung an das verlorene Objekt herauszulösen. Für den trotz all der verschwundenen oder verdrängten Liebesgefühle in der Ehe Verbleibenden besteht diese Perspektive nicht - was sich nicht selten erst dann ändert, wenn der in der Ehe Enttäuschte doch zur Wahl gezwungen wird, weil er sich allzu berückenden Verführungen durch Dritte ausgesetzt sieht. Dabei ist nicht entscheidend, ob es wirklich zum Ehebruch kommt oder nicht. Offenbar ist es die Tatsache der Wahl selbst, die die emotionale Lähmung beendet.

Den Zwiespalt bejahen

Ich vermute, dass es sich bei dieser Form spiegelverkehrter Triangulierung um eine moderne Schlüsselerfahrung handelt. Vieles deutet darauf hin, dass der Weg der traditionellen Ehe, die anfängliche Liebe irgendwann zu verdrängen, immer schwieriger wird, weil der Dritte eigentlich immer schon mit am Tisch sitzt. Moralische Enttraditionalisierungsprozesse und die Allgegenwart elektronischer Kommunikationsmedien machen die ständige Wahlmöglichkeit zu einem immer unübersehbareren Begleiter jeder längeren Partnerschaft. So könnte man sich vorstellen, dass sich Beziehungen gerade dadurch als besonders intensiv und dauerhaft erweisen, dass sie für die Beteiligten in der Tat jederzeit auch zur Disposition stehen, so dass die zunächst so verführerisch-bequeme Verdrängungsfalle keine ernsthafte Option mehr ist.

Vor allem aber zeichnet sich hier ein Beziehungsideal ab, bei dem der Widerspruch zwischen dem Wunsch, die Freiheit des Anderen zu überwinden und der Notwendigkeit, den anderen als freies Subjekt nicht zu zerstören, toleriert und gelebt werden kann, weil jeder der Beteiligten ihn als Teil der eigenen Ambivalenz akzeptiert. Im Grunde geht es um die Möglichkeit, die alte infantile, die präödipale Welt immer neu aufleben zu lassen, ohne sich dabei die Rückkehr in die Welt der Freiheit abzuscheiden. Vielleicht ist das ja auch der eigentliche Sinn des Rätsels der Sphinx, das wir immer beides sind, das auf allen vieren krabbelnde Kind, der auf zwei Beinen stehende Erwachsene sowie der altersweise Dreibeiner, der gelernt hat, zwischen beiden Welten hin und herzugehen - eine Haltung, die bei Sophokles durch den blinden Seher Teiresias verkörpert wird, der offenbar von Anfang an wusste, dass es auch im Leben des Ödipus schon immer beides gab, die Sehnsucht nach der präodipalen Welt und den Impuls, über sie hinauszugehen. Der Psychoanalyse käme dann die Aufgabe zu, Sorge zu tragen, dass wir beide Seiten leben können, ohne blind zu sein, ohne uns selbst blenden, ohne verdrängen zu müssen.

Der Text ist die gekürzte Version eines Vortrages aus der Vorlesungsreihe des Colloquiums Psychoanalyse Sexualität im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit an der Humboldt Universität Berlin. Weitere Vorträge in der Reihe am 20.6. (Gerburg Treusch-Dieter); 27.6. (Hartmut Böhme) und 4.7. (Sophinette Becker); Programm unter Dr.Borkenhagen@web.de


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00:00 10.06.2005

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