Sgt. Pepper’s Gloomy Hearts Club Band

Musik Der Autor und Kritikerpapst Greil Marcus nannte The Handsome Family einmal „die Beatles der Folk-Welt“. Mit "Wilderness" trifft das den Kern der Sache mehr denn je
Stephan Glietsch | Ausgabe 20/2013 1

Countrymusic ist außerhalb ihrer angestammten Hochburg, den ruralen USA, ja nie so richtig im Herzen der Popmusik angekommen. Ein Umstand, an dem auch Wilderness, das bereits neunte Album des seit gut 20 Jahren unter dem Moniker The Handsome Family um den Globus tingelnden Ehepaares Rennie und Brett Sparks vermutlich nicht rütteln wird – dabei hat es das Zeug dazu. Bereits die Namenswahl der „attraktiven (Klein-)Familie“ aus Albuquerque, New Mexico, die auf Fotos oft an das puritanische Paar – ein streng blickender alter Farmer mit seiner unverheirateten Tochter – auf Grant Woods ikonografischem Ölgemäde American Gothic gemahnt, zeugt vom schrulligen Humor und dem eigenwilligen Umgang der Sparks mit dem amerikanischen Folklore-Erbe. Wie Woods Kunstwerk werfen auch ihre seit jeher zwischen Bluegrass-Bänkelgesang und harmonieseligen Abenteuergeschichten, zwischen Graswurzel, Grazie und Groteske oszillierenden Songs, zwangsläufig die Frage auf, ob es nun Satire, Ironie oder Bewunderung ist, die sie ihren Stoffen entgegenbringen. Anders als Woods Malerei lassen vor allem Rennie Sparks fantasievolle Texte nur eine Antwort zu: Es handelt sich um eine überaus kunstvolle Mischung aus Parodie und Glorifizierung. Statt Karikaturen zu zeichnen, verweben die Sparks sie zu prächtigen, farbenfrohen Gobelins.

Auf denen tummelt sich zu trügerisch simplen Melodien, einer virtuosen Instrumentierung und Bretts Stimme, die mal nach Johnny Cashs sonorem Timbre, mal nach dem jaulenden Klagen eines Appalachian-Hillbilly klingt, das skurrile Personal eines archaischen Wanderzirkus: mystische Abstrusitäten, Geister – zu denen die Sparks immer schon einen ganz besonderen Draht hatten – sowie zoologische Geschöpfe von der Fliege bis zum Gnu, die auf Wilderness gar sämtliche Songs betiteln. Dazu Wissenschaftler, Forscher, Gestrandete und jene absonderlichen historischen Gestalten, die Michael Lesys Moritatensammlung Wisconsin Death-Trip entsprungen sein könnten, wie etwa der Songwriter, Blackface-Darsteller und Zirkusclown Stephen C. Foster und die kokainsüchtige Hausfrau Mary Sweeney, die über hundertmal im Gefängnis saß, weil sie unentwegt anderleuts Fenster einschlug.

Unabdingbarer Teil des Handsome’schen Panoptikums: Gevatter Tod. Das letzte Tabu der Moderne pflegt in ihren Songs einen gnadenlos unverbrämten Auftritt, und nicht zuletzt der sinistre Witz, mit dem sie es aus dem sozialen Abseits Amerikas in ihre arabesken Fabeln transportieren, weist die Sparks als echte Könner der im Pop zunehmend vernachlässigten Kunst des Storytellings aus.

Der Autor und Kritikerpapst Greil Marcus nannte The Handsome Family einmal „die Beatles der Folk-Welt“. Mit Wilderness trifft das den Kern der Sache mehr denn je: Es verbindet den deutlich dem Country der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entlehnten Sound der Band mit handzahmen Psychedelic-Rock-Elementen sowie an Gershwin und Porter geschulten Melodien zu einem üppigen Gesamtkunstwerk, das an die geistreichsten, witzigsten und ausgetüfteltsten Songs der Fab Four gemahnt: einer Art American-Gothic-Zerrbild von Sgt. Pepper. Nicht, dass diese lyrische und musikalische Wundertüte einen solchen Vergleich überhaupt nötig hätte.

Wilderness The Handsome Family Loose Music/Rough Trade

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