Shadi träumt von der Spree

Westjordanland Fragt man in Ramallah nach dem Verhältnis von Normalität und Besatzung, werden die Blicke leer und müde
Andrea Jeska | Ausgabe 39/2019 1
Shadi träumt von der Spree
Das unerfüllbare Begehren ist oft, was die Menschen am Leben hält

Foto: Geraldine Hope Gehlli/Bloomberg/Getty Images

Shadi Zaqtan, Besitzer des Cafés La Grotta in Ramallah, träumt von Berlin. Genauer gesagt, von einem Lokal an der Spree. Dass man da auf einen Wirt aus Palästina nicht eben wartet, weist er zurück: Wer sich in Ramallah behaupte, könne das überall auf der Welt.

Zaqtan ist 40 Jahre alt und sieht aus, wie man sich eine Mischung aus Hipster und Palästinenser vorstellt: schwermütige Augen und Bart, markantes Gesicht, dazu eine sarkastische Nonchalance, wie sie Leute haben, die sich nur noch um sehr wenig scheren. In Zaqtans Restaurant sitzen an einem normalen Wochentag oft nur vier oder fünf Gäste. Allein an Abenden, da Zaqtan selbst zur Gitarre greift und seine traurig-schönen Lieder singt, die von Besatzung, Verlorenheit und Stolz handeln, wird es voller.

Zaqtan ist eigentlich Musiker, doch weil sich damit in Ramallah kein Geld verdienen lässt, hat er 2012 sein Café eröffnet, sozusagen als Probelauf für ein künftiges Leben in Berlin. Was zu erwarten oder undenkbar ist – so genau weiß man das nie in Ramallah, einer Stadt, in der viele von Träumen leben, von denen jeder weiß, dass sie unerfüllbar sind. Weil einer, der aus der Westbank oder aus Gaza kommt und in seinem Pass stehen hat, dass er Palästinenser ist, im Westen nur selten ankommt. Und weil es manchmal besser ist, zu träumen, als wirklich in die Fremde zu gehen.

Nach Ramallah reist man nicht zum Vergnügen, weder zum Kneipen- noch zum Touristen- oder Shopping-Trip. Ohnehin hat die Stadt wenig zu bieten. Sehenswürdigkeiten wie das Museum für Jassir Arafat, das Haus des Dichters Mahmud Darwisch oder das Dar Zahran Heritage Building, angeblich Ramallahs ältestes Gebäude (heute eine Galerie), sind schnell besucht.

Warum dann? Nach Ramallah reist man Ramallahs wegen. Weil die Stadt, kaum hat man den israelischen Checkpoint Kalandia passiert, über einen herfällt mit Lichtern, Lärm und larmoyanter Lässigkeit. Sie zieht an mit ihrem unbedingten Willen, sich den Verhältnissen nicht zu beugen. Nichts hier taugt für Postkartenmotive, alles wirkt wie aus den Fugen geraten und in stetem Umbruch. Geld, das aus der Diaspora stammt, beschert seit Jahren einen Bauboom. An den Rändern imponieren neue Viertel mit Hochhäusern und Villen, Shopping-Malls und Großraumbüros, ganz so, als versuche die Stadt der Welt zuzurufen: Wir sind da, und wir weichen nicht.

Da die Hälfte der Bevölkerung nicht älter als 16 ist, bestimmt die Jugend das Tempo der Stadt. Junge Palästinenser versuchen, auf den Straßen Geld zu verdienen, verkaufen Brot und Kaffee, heißen Mais, Falafel, Eis, Kopftücher und Massenware chinesischer Herkunft. Wer keine Arbeit hat – und viele haben keine Arbeit –, der wandert umher und hofft, dass auf dem Jassir-Arafat-Platz wieder Unermüdliche gegen Amerika, die israelische Besatzung und für die Freiheit Palästinas demonstrieren, ihre Botschaften durch quietschende Megafone brüllen und Fahnen flattern lassen.

Büßer wider Willen

Ramallah ist eine tolerante Stadt. Kopftuch, kein Kopftuch, lange Röcke, hautenge Jeans, alles sieht man hier. Die Mode der jungen Männer in dieser Saison: Undercut auf dem Kopf und Timberlands, gefälscht, an den Füßen. Überhaupt gibt es viel Mode, die großen Marken sind alle präsent, und nichts davon ist echt, aber dem Chic der Jugend tut das wenig Abbruch. Auch wird man allerorten neugierig begrüßt; geht man durch die Straßen, halten einen die Jungen an und sagen fröhlich: „Welcome to Palastine, thank you for being here“, ganz so, als sei man ein seltener Gast aus einer weit entfernten Weltgegend.

Hierher reist man auch, um aus der sicheren Position eines Touristen mit westlichem Pass die Schwere zu spüren, die von einer Einreise ins Westjordanland ausgeht. Diese Melancholie, die einen befällt, wenn sich nach den hellen Häusern und Straßen Jerusalems alles plötzlich auf ein Nadelöhr verengt, man eine triste graue Mauer entlangfährt, an schwer bewaffneten Israelis vorbei, unter den Wachtürmen des Checkpoints Kalandia hindurch, die über einem thronen wie eine Drohung – und so auch gemeint sind. Man muss den Bus verlassen, sich aufstellen mit den anderen, den Palästinensern, die das ertragen, gleichmütig oder mit aufbegehrendem Blick oder mit müder Routine. Sofort lähmt einen das Ausspielen von Macht, und man denkt: Niemals könnte ich jeden Tag diese Stadt verlassen und wieder betreten wie ein Büßer wider Willen. Gesenkten Hauptes, klopfenden Herzens.

„Wenn wir frei sein wollen, müssen wir uns von der Idee befreien, nicht frei zu sein“, sagt Shadi Zaqtan, als ich ihn frage, wie das geht, dieses Heimkommen ins eigene Land, in die eigene Stadt durch einen von der Besatzung verengten Flaschenhals. „Wir werden nur überleben, wenn wir die Kategorien unterwandern. Nicht Täter, nicht Opfer sind, nicht Feind Israels, nicht Feind der Welt, nicht Terrorist, nicht unterdrückt und bedauernswert. Wenn wir darauf beharren, erst Mensch, dann Palästinenser zu sein“, so Zaqtan.

Das La Grotta ist auch Kunstgalerie, Literaturhaus, Zuflucht aller seelisch, manchmal auch körperlich Verwundeten. Da gibt es den einäugigen Gast und den einbeinigen. Beide, erzählt Zaqtan, hätten Schüsse aus israelischen Waffen getroffen. Was immer sie trinken, gehe auf Rechnung des Hauses. Auch werden Zutaten für die La-Grotta-Küche von Bäuerinnen gekauft, deren Söhne in israelischen Gefängnissen sitzen. Ziemlich viel politischer Überbau für eine Kneipe, aber Shadi Zaqtan ist nicht irgendein Wirt, sondern Sohn des Schriftstellers Ghassan Zaqtan. Der wiederum – Exilant, Rückkehrer, PLO-Mitglied – ist seinerseits Sohn eines Widerständlers, und das, meint Zaqtan, mache schon drei Generationen Widerstand aus. Was das heiße? „Viel Ärger. Und dass wir jetzt noch etwas trinken sollten.“ Shadi Zaqtan hat für diesen Abend Livemusik versprochen, doch dann bleiben die anderen Musiker aus. Vielleicht wissen sie um die geringe Zahl an Gästen, und so klimpert der Hausherr nur ein paar Songs auf der Gitarre. Man kann einfach an der Bar sitzen und auf Small Talk aus sein, nur wäre das eine vertane Chance, dem zu begegnen, was man das Ramallah-Syndrom nennt und was die Frage provoziert, wie viel Normalität eine Stadt haben darf, die seit 52 Jahren besetzt ist. Darf Ramallah heiter, oberflächlich, konsumorientiert sein? Soll die Jugend einfach nur leben wollen? Oder muss alles tragisch sein, weil hinten und vorn und ringsherum Mauern und Zäune den Weg in die Freiheit versperren? Weil ein Palästinenser immer Täter oder Opfer ist, verdammt zu ewigem und ewig erfolglosem Widerstand? Wer dies anspricht, erlebt schnell, wie die Wogen hochgehen können. Das Leben in Palästina sei fortwährende Verdammnis, findet Zaqtan, doch würde nur noch seine Generation das so sehen. „Das Schlimmste ist, dass die Jugend denkt, es ist normal, weil sie nichts anderes kennt.“

Bevor die Debatte zu heftig wird, bringt die Kellnerin Popcorn und Oliven, bestellen die Gäste noch eine Runde, beruhigen sich die Gemüter. Was denn nun mit Berlin sei, will einer der Gäste wissen. „Shadi, du wolltest doch längst dort sein.“ „Alles zu seiner Zeit“, antwortet der.

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06:00 03.10.2019

Ausgabe 48/2020

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