Sharon, der Pharao - wir, die Ägypter

Nach der Ausschaltung Arafats Die Gesetze der Anarchie und der Rache werden das Leben bestimmen

Wird Yassir Arafat zum Moses der Palästinenser? Wird er in das kollektive Gedächtnis seines Volkes eingehen, wie einst Moses in die Erinnerung der Juden. Moses rebellierte gegen die Unterdrückung in Ägypten, führte sein Volk aus dem Reich der Knechtschaft hinaus und brachte es - nach 40 Jahren in der Wüste - bis an die Schwelle des Gelobten Landes. Das Land selbst betrat er nicht. Gott zeigte es ihm nur, von weit her. Genau das wird man auch über Arafat erzählen, nachdem er ein Märtyrer geworden ist.
Natürlich ist Moses eine mythologische Figur. Kein ernsthafter Wissenschaftler in der ganzen Welt glaubt, dass der Exodus aus Ägypten wirklich stattgefunden hat. Aber das ist nicht wirklich wichtig: Der Moses aus der Mythologie formte das Bewusstsein des jüdischen Volkes mehr als es irgend ein anderer leibhaftiger Führer jenes Nomadenstammes in der Wüste je getan haben könnte.
Die Haggada, das Buch, das in fast jeder jüdischen Familie auf der Welt während des Passahfestes gelesen wird, weckt in uns das Gefühl, als seien wir selbst aus Ägypten aufgebrochen. Der jüdische Ethos gründet sich auf dieses Versprechen. Und der Text der zehn Gebote erklärt, weshalb am Heiligen Sabbath auch die Diener und Sklaven sich ausruhen dürfen: "Seid Euch bewusst, dass man in Ägypten einen Sklaven verschwendet."
In dem neuen Mythos, der vor unseren Augen entsteht, ist Sharon der Pharao und wir sind die alten Ägypter. In der Geschichte über den Exodus lässt die Bibel Gott sagen: "Ich habe das Herz des Pharao hart werden lassen und auch das Herz seiner Sklaven." Nach jedem Zwischenfall brach der Pharao sein Versprechen, die Israeliten freizulassen. Warum? Was hatte Gott vor? Er wollte, dass die Israeliten durch die ihnen auferlegten Bürden stärker werden, bevor sie sich auf den langen Marsch machten. Genau das passiert den Palästinensern jetzt.
Was wird also passieren, wenn heute eine israelische Kugel Arafat tötet? Nach Moses gab es keinen zweiten Moses, sondern Joshua, den gnadenlosen Krieger, der Völkermord beging. (Dies ist natürlich auch ein Mythos, alle ernsthaften Wissenschaftler glauben, dass dieser heilige Völkermord nie stattfand. Aber auf die wahre Geschichte kommt es, wie gesagt, nicht an)
Nach Arafat wird es keinen Abu-dies oder Abu-das als Erben geben. Vielmehr wird kommen der Bruder Kalaschnikow - wie in dem Lied, das wir in unserer Jugend im Kampf gegen die britische Besatzungsmacht sangen: "Lasst den Genossen Parabellum sprechen oder den Genossen Tommy-gun." Parabellum war eine Pistole, und Tommy-gun der Vorläufer eines Maschinengewehrs. Es wird keinen palästinensischen Quisling geben - und wenn sich ein Kandidat finden sollte, wäre er am nächsten Tag tot, wie Sharons libanesischer Quisling Bashir Jumail.
Dutzende lokaler Guerilla-Führer werden die Macht übernehmen, und ihre Rache wird viele Jahre anhalten. Nicht nur in diesem Land, sondern auf der ganzen Welt. Das Leben eines jeden Israeli wird zur Hölle werden. Keine israelische Botschaft, kein Flugzeug und kein Tourist wird sicher sein. Der tote Arafat wird viel gefährlicher sein als der lebende. Der lebende Arafat war fähig und willens, Frieden zu schließen. Mit einem toten Arafat wird sich der Konflikt bis in alle Ewigkeit fortsetzen.
In unseren Tagen fragen sich die Historiker, weshalb das jüdische Volk vor 1930 Jahren in einem Akt des Wahnsinns eine hoffnungslose Rebellion gegen das römische Weltreich begann und damit die Zerstörung des jüdischen Gemeinwesens in Palästina heraufbeschwor. Hundert Jahre in die Zukunft gedacht, werden sich Historiker fragen, weshalb dieses Volk so verrückt war, Sharon zu wählen, eine skrupellose Person, die in ihrem Leben nichts anderes getan hat, als Blut zu vergießen und Siedlungen zu errichten. Weshalb, so wird man sich ebenfalls fragen, war dieses Volk so verrückt, sich für Siedlungen und neue Territorien einzusetzen statt für Frieden und Versöhnung. Und wie, so könnte man schon heute fragen, kann es sein, dass dieses Volk keine Reaktion zeigt, wenn die ganze arabische Welt in Gestalt der Abdullah-Initiative vielleicht zum letzten Mal - wirklichen Frieden und normale Beziehungen anbietet. Stattdessen hört die Öffentlichkeit gebannt auf die zynischen Stellungnahmen der Politiker und Kommentatoren, die das arabische Angebot lächerlich machen und Sharon applaudieren - just in dem Moment der blutigsten Angriffe, die es seit langem gegeben hat.
Die Geschichte wird sich an diejenigen erinnern, die das Volk vor dem Desaster gewarnt haben, das unweigerlich kommen wird, wenn es weiterhin auf die Fanatiker hört. Die Geschichte wird uns im Gedächtnis behalten, die wir vor Sharon und seiner Gang gewarnt haben. Wir können nur hoffen, dass unsere Stimmen doch noch gehört werden, so dass wir alle gemeinsam neu beginnen können. Wenn Arafat tot ist, dann wäre das der Punkt, von dem es keine Rückkehr mehr geben wird.

00:00 05.04.2002

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