Shoppen am Montag

Gesellschaft In der Kleiderkammer gibt es Schnäppchen zu machen. Und Geschichten zu hören

Raus Mädels, Kette bilden!" Aus den Zimmern strömen sie herbei. Die Kostümnäherinnen, die, mittvierzig, gelernt haben, aus Altkleidern Wäscherinnenkostüme, Bergarbeiteruniformen, Königs- und Grafenkleid zu nähen. Da kommen auch die Mädels, kaum 20, "schwer vermittelbar", die noch in der schmalen Küche etwas zu lange an der Morgenzigarette verweilten. Sie schleppen sich unlustig durch den Flur. Dann aber geht es flink zur Sache. Luke auf und frisch herein fallen blaue und graue Säcke. Vom LKW geht´s direkt in die Sortierstube. Von Hand zu Hand weitergereicht wird die Ware aus den Humana-Tonnen. Sind es Wundertüten? Noch während Stauballergie droht und die Raumtemperatur durch die offene Luke weiter absinkt, vermutet man einen Hauch Abenteuer. Ein winziges Momentchen jener Schatzsuchermentalität, die einen gelegentlich auf Trödelmärkten befällt. In der Sortierstube geht es so, die guten ins Töpfchen, die schlechten ...

Es ist einer der Herbsttage, noch sonnig aber kalt und auf dem Lehmboden stehen Pfützen vom Regen der letzten Nacht. "Nun sollen die mal die Ärmel hochkrempeln und den Mut haben, was zu tun! Ja, sollen sie!" Hier, in der Kleiderkammer im Berliner Vorortbereich krempelt erst mal Jutta K. die Ärmel hoch. Jutta K. ist die Leiterin dieses kleinen Universums aus einer Art Warenhaus, Sortierstube, Nähstube, Wäschekeller, Küche und Büro und hat seit sieben Uhr reichlich zu tun. Beide Hände voll. Die Kleiderkammer liegt in einem stillen Winkel, etwas abseits vom Zentrum des Ortes. Nicht jeder, der hierher zum Einkauf kommt, möchte gesehen werden.

Soziale Einrichtungen wie Kleider- und Möbelkammern als heimliche Orte eines zweiten Verteilungskreislaufes schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie gedeihen auf schwierigem Terrain. Allein in jener Randberliner Gemeinde besuchten über 5.000 Bürger innerhalb eines Jahres die Kleiderkammer, wurden 100 Schrankwände, 140 Stühle, 170 Liegen und Betten ausgegeben. Die Spaltungskräfte der Gesellschaft reichen bis hier hinein: Die guten Waschmaschinen für "unsere Leute" und den "Schrott für die Polen".

"Die Heizung ist hier noch nicht in Gang", sagt Jutta K., "nehmen Sie meine Jacke. Wir sind ja hier schon abgehärtet. Kaffee gibt´s gleich. Oder Tee?" So viel Fürsorge umfängt einen nicht jeden Montagmorgen. Der Tonfall ist hell und freundlich. Widerrede zwecklos. Keine fünf Minuten später steht frischer Pflaumenkuchen auf dem Tisch. "Von den Frauen. Wir versuchen hier noch Zusammenhalt zu haben, und es ein bisschen angenehm zu machen." Das scheint auch nötig, denn der Alltag frustriert noch mehr als die unwirtlichen Raumtemperaturen.

Nach zwei Stunden in der klammen Kälte, eingehüllt von Waschpulver- und Mottengeruch, überfallen einen Fluchtgefühle. Was Menschen - die der Philosoph Peter Sloterdijk zynisch unter den Gattungsbegriff "idealloser Endverbraucher" verzeichnet - so ausrangieren! Alle Dinge sind sorgfältig gestapelt, drapiert, aufbewahrt. Im Flur: unendliche Mengen Nippes und Haushaltsaccessoires, dann Geschirr, Gläser, Besteck, eine Kiste Schallplatten, auch Bücher. In den anderen Räumen Wäscheberge, Handtücher, viel rosa und gelb, lindgrüne Tücher mit Teddyaufdruck, meterweise Nylongardinen mit Röschen oder Punkten, gefaltet und gewölkt. Stangen mit Kleidern, Mänteln, Blusen, Regale voller Jeans, Anoraks, Turnschuhe, Pumps. Rund um den Verkaufstresen Kuscheltiere, Spielzeug, wunderliche Dinge. Der Friedhof der Kuscheltiere! Der Blick tastet nach der verlockenden Form, und die Stimme der Vernunft beschwichtigt, alles hat seinen Zweck, alles hilft weiter, kann benutzt werden, funktioniert, tröstet Seelen, ermöglicht Leben. Irgendwo Jenaer Teegeschirr, hier und da ein bisschen von jenem Steingut in gelbem Karo-Design, welches als Retro heute wieder gefeiert wird.

Die Frauen wussten bereits vom Schicksal Deutschlands berühmtester Sortiererin, da waren sie selbst noch Kinder und zitterten mit um die schmale Chance auf Glück, abhängig vom passenden Schuh. Die Arme, Ausgestoßene - Aschenputtel als moralische Siegerin und schließliche Märchenprinzessin. Die Frauen selbst träumten, da waren sie freilich dem Kindesalter schon entwachsen, einen ordentlichen Beruf zu haben. "Na, was man sich so vorstellt, eine schöne Arbeit, Familie, vielleicht ein Haus." "Wir haben ja auch alle unseren Beruf gehabt." Sie arbeiteten in der Buchhaltung, als Dispatcherinnen, Köchinnen, in der Lehrlingsausbildung. Anna L. war Maschinistin und Schweißerin. "Ach so?" - "Mein zweiter Schweißerpass ist schon aus Westzeiten." Und jetzt werden Kleidersäcke sortiert. Die Segnungen der Massenproduktion aufbereitet für Bedürftige. Da kommen fein gebündelt, mit grünen Schleifen gehalten Tischdecken und Handtücher zum Vorschein. Ganze Packen guter alter Haushaltstradition landen vielversprechend auf dem Tisch. Ja, die einstigen Hausfrauen, die noch Tischdecken gestärkt in Schränke zu legen verstanden! Was für Zeiten, als weiblicher Lebenssinn sich noch an Wäschebändchen erbaute! Die heutige Designerelite weiß auf die guten alten voremanzipatorischen Zeiten zurückzugreifen und wird für den Sommer 2003 Lifestyle daraus kreieren. Ein bisschen Rückbesinnung und Überlebensspiel in Krisenzeiten.

Ein zweiter Sack Gemischtes. Beim nächsten schon breitet sich beißender Uringeruch aus. "Was wir schon alles dabei hatten", sagt Jutta K., "manche Menschen sind Schweine." Das darf sie sagen. Hilfreicher ist es, sich rasch Folienhandschuhe überzuziehen. "Man weiß ja nie!"

Inzwischen herrscht Andrang. "Kundschaft da, kümmert euch mal", klingt es über den Flur. Jutta K. geht aber lieber selbst schauen. Eine kleine alte Dame mit ihrer Tochter verlangt nach einer Silberjacke. Warum sind sie so früh, schon kurz nach sieben Uhr, hierher gekommen? "Besser ist es, früh zu kommen. Um sieben machen sie ja schon auf. Wir kommen immer hierher und haben etwas zurücklegen lassen, und wenn man verspricht es abzuholen, muss man das auch halten." Mutter und Tochter verabreden sich wöchentlich zum kleinen Einkauf. Die silbrige Wattejacke liegt hier seit sieben Tagen in Warteschleife, weil Tochter Kerstin erst auf die Auszahlung ihrer 720 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente warten musste. "So machen wir das öfter." Heute hat sich Tochter Kerstin in ein Paar roter Schuhe verliebt. Ach, Lady in red. Schönsein, träumen und lieben. Kerstin lässt wieder anschreiben. Mutter Maria kauft Kuscheltiere. Einen Luftkuss gibt es für Jutta K., die ihre Kunden und deren Leidenschaften gut kennt. Für Maria reserviert sie Monchichi-Äffchen und für Bettina T. Igel. Bettina T. mit Blondsträhnchen ist hier bestens bekannt. "Seit das Baby da ist." Eine Freundin hatte zu ihr gesagt, geh´ in die Kleiderkammer, dort findest du alles billiger. Sie kommen hierher, um Schnäppchen zu machen.

Die Preise sind besser als im Humana-Laden. Die Atmosphäre ist intimer als auf dem Markt. Es ist hier alles sauber, und die Leute sind sehr nett und hilfsbereit, so die einhellige Meinung der drei Frauen. Bei einem Sonnentag wie heute ist einkaufen ein schönes Spiel. Wer hierher kommt, promeniert hernach nicht mit Prada- und Escadatüten, nicht mit Gucci oder Boss, nicht einmal mit dem modischen Schnäppchen von H

Sabine K. ist seit sechs Jahren Kundin und hat sich von der "Schrankwand bis zu den Schallplatten die ganze Wohnung eingerichtet." Und heute? "Ich schau mich schuhmäßig ein bisschen um."

Jutta K. kann nicht mehr loslassen. Die Familie weiß inzwischen, ohne Kleiderkammer kann sie nicht mehr sein, selbst der Urlaub musste schon dran glauben. "Ja, aber die ziehen mit." Wenn sie durch den Ort geht, wird Jutta K. von vielen gegrüßt. Sie ist bekannt wie nie zuvor. Ist das manchmal peinlich? "Nein! Nur einmal war es unangenehm beim Einkauf, da hatte ich Rotwein im Wagen und wurde laut gefragt, was, du trinkst auch?"

Etliche Kunden sind Russlanddeutsche, die vom Sozialamt ihre Scheine bekommen. Auch Wladimir, 25 Jahre alt, seit zwei Jahren in Deutschland. Er besucht die Kleiderkammer gemeinsam mit Mutter und Vater. Auch sie schauen vor allem nach Kindersachen. Heute hat er einen kurzen Mantel für den Herbst gefunden. "Eine Überraschung für meine Frau." Das Arbeitsamt kann Wladimir nichts anbieten. "Wer hierher kommt, hat keine überflüssige Scham mehr", sagt Jutta K., "auch die Männer nicht." Sie weiß, es gibt, abgesehen von einem winzigen Taschengeld, kein Bargeld für die Aussiedler. Dafür einen Trick. Und der besteht darin, sich quittieren zu lassen, dass es in der Kleiderkammer entsprechende Ware nicht gibt. Allein dann darf neu gekauft werden. Jutta K. hat aber einen strengen und hausgemachten Maßstab: "Ich denke immer, wie es bei mir früher war. Ich hatte auch nicht gleich einen Teppich und konnte alles nur nach und nach anschaffen. Natürlich haben sie es schwer, wenn sie das Land verlassen haben, aber muss es gleich eine komplette Einrichtung sein?" Der Status der Ausländer ist denkbar schlecht. "Man hat sie ja nicht gekannt, als sie Arbeit hatten, und weiß nicht, wie sie früher gelebt haben. Das ist bei den eigenen Leuten eben anders." Wladimir war als Gaskontrolleur tätig und sein Vater Schweißer im Gaswerk. Was ist anders? Jutta K. ist sich der Vorurteile bewusst. Sie sucht Ausgleich und Gespräch, gelegentlich spricht sie Hausverbot aus. Selbst bei Diebstahl gilt das Prinzip: direkter Kontakt statt Strafanzeige. Ein ganzes Repertoire pädagogischer Maßnamen wird von ihr im Alltag aufgeboten bis hin zu jener Grenze, die da heißt: "Manchmal gucke ich auch weg."

Die Heizung läuft noch immer nicht. Die Sehnsucht nach einer heißen Badewanne macht sich im Körper breit. Auch der Gedanke, bloß nicht bedürftig werden! Im Sonntagsabendquartett wird prominent philosophiert: Nationalökonomie sei eine "tragische Wissenschaft, weil man von vornherein weiß, dass man das Problem der Armut nicht lösen kann". Es gäbe so etwas wie eine "Supercodierung", die manche zum Glück einschließt und andere - Tendenz zunehmend, so wird bemerkt - eben nicht. Der schmallippige Herr Henkel wippt zufrieden mit dem Fuß. Peter Sloterdijk ergeht sich in philosophischen Arabesken und der smarte Medienwissenschaftler Norbert Bolz sagt, Konsumtion sei Religion. Daran freilich mangelt es. Drum sind alle besorgt. Deutschland muss wieder nach vorn kommen. Herr Henkel meint, mit Menschen wie von Nietzsche erdacht: selbstbestimmt und fähig zum Erfolg. Gut ist: sie sitzen im Glashaus. Unter der schillernden Glocke von blauem Licht.

Im kleinen kaltwarmen Reich der Kleiderkammer kommt der Gedanke ans einstige Budespielen, dem ersten zugigen Haus unter Decken. Alles ist da, man kann sich einrichten: Seine neue kleine Welt mit Gardinen, Geschirr, Gläsern und Besteck. Familie spielen: "Kinder, kommt zum Essen!" Zum Budespielen haben einem die Eltern auch immer jene Dinge gegeben, die ihnen nicht mehr so wertvoll erschienen. Man tauchte spielerisch in eine Halbwelt. Nur: Spätestens am Abend war die große Welt wieder da und an Ort und Stelle. Sie schien schön und unbefleckt.

00:00 06.12.2002

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