Mit Gorbatschow begannen die Träume

Leipziger Buchpreis Katerina Poladjan steht mit ihrem Roman auf der Shortlist. „Zukunftsmusik“ erzählt von einem Tag, an dem sich für vier Menschen in der Sowjetunion alles verändert
Selbst die Klischees über die Sowjetunion, unendlich trist und sehr, sehr grau, sind verblasst
Selbst die Klischees über die Sowjetunion, unendlich trist und sehr, sehr grau, sind verblasst

Foto: Olga Maltseva/AFP/Getty Images

Die UdSSR gibt es seit über dreißig Jahren nicht mehr. Selbst die Klischees über die Sowjetunion, unendlich trist und sehr, sehr grau, sind verblasst. Dass Katerina Poladjan für ihren neuen Roman ausgerechnet den Mikrokosmos einer Kommunalka ausleuchtet, „tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau“, ist auch deshalb interessant. Und anders als Olga Grjasnowa oder Sasha Marianna Salzmann, die in den 1990ern mit ihren Familien auswanderten und vom Dasein zwischen zwei Welten schreiben, lebt Poladjan schon seit 1979 in Deutschland. Ihr Roman klingt, als wollte sie den Klischees etwas entgegensetzen, als wollte sie im Nachhinein einen Film in Farbe drehen, er ist voll von bezaubernder Lakonie und unterlegt mit tschechowschem Witz. Jüngst wurde Zukunftsmusik für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Die Kommunalka, das war eine Gemeinschaftswohnung, die einem zugeteilt wurde und in der mehrere Familien je ein Zimmer hatten. Für die feine Situationskomik sorgen im Roman die Verwicklungen, die sich auf engem Raum ergeben, wo es keine Intimsphäre gibt und der übliche Schlagabtausch, wenn zum Beispiel die Hauptfigur Janka mal wieder nach der Nachtschicht in einer Glühlampenfabrik das Bad blockiert, schon eine liebe Routine geworden ist.

Die Handlung umfasst nur einen Tag, wobei die Gestalten nicht ahnen, dass der 11. März 1985 eine Zäsur markiert. Im Radio erklingt Trauermusik. Der Tod von Konstantin Tschernenko, Staatsoberhaupt nicht mal ein Jahr, unterbricht die Routine nicht. Nur Matwej Alexandrowitsch, Parteimitglied, findet es unpassend, dass Janka am Abend ein Küchenkonzert geben will, und holt doch deren Tochter Kroschka vom Kindergarten ab.

Erinnert an Tschechow

Das Buch beginnt und endet mit Janka. Wie sie mit Kind, Mutter und Großmutter in einem durch Vorhänge geteilten Zimmer haust, wie sie in der Badewanne von einem anderem Leben träumt, sich an einen verliebten Sommertag erinnert.

Wie uns die Autorin, ohne zu werten, in diese Zeit versetzt, indem sie den Charakteren in ihrem Umfeld ein Eigenleben gibt, auch das lässt an Tschechow denken. Eine Kommunalka als Gleichnis für das Leben in der Sowjetunion: Wie Poladjan dessen Widersprüchlichkeit von innen heraus, an einem Ort und einem Tag vor Augen führt, ist ein Kunststück. Alltagsszenen, traurig und leuchtend zugleich – erst mit Abstand zur Lektüre fügen sie sich zu einem Mosaik. Alle haben sich irgendwie mit dem Bestehenden arrangiert. „Ein Scheißleben haben wir“, sagt Maria Nikolajewna oft, aber an diesem Morgen scheint es nicht so richtig zu passen, weshalb sie in der Küche mit Matwej Alexandrowitsch hinzufügt, dass ja die Birken schon anfangen zu blühen und immerhin – eben hat Alexandrowitsch sie an den Schultern gepackt und lauthals gesungen. Außerdem, niemand muss Hunger leiden, es gibt ein Miteinander. Die todessehnsüchtige Großmutter Warwara verliebt sich sogar noch einmal.

Der Handlung stellt Katerina Poladjan ein Wort in kyrillischer Schrift voran: „играем“ – lasst uns spielen. Weil Gorbatschow mit seinem Amtsantritt am 11. März 1985 dem Land einen radikalen Umbau verordnete, durfte – nach dem Willen der Autorin – in der Kommunalka nichts bleiben wie vorher. Abrupt lässt sie die Handlung ins Surreale kippen. „Was ist das für ein Geräusch“, fragt Janka ihren Freund Pawel. „Das Haus wird abgerissen.“ Pawel öffnet ein Fenster und fliegt hinaus. Und sie findet im allgemeinen Durcheinander eine Tür, die sie noch nie bemerkt hatte. „Glücklich wie eine Genesende“ tritt sie in eine weite Landschaft. Und dann ...? Mit diesem Panorama endet der tolle Roman.

Info

Zukunftsmusik Katerina Poladjan S. Fischer Verlag, 192 S., 22 €

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