Enno Stahl
Ausgabe 2017 | 19.05.2017 | 06:00 1

Showdown bei der VG Wort

Medien Ob die Verwertungsgesellschaft den Streit ums Geld übersteht? Am Samstag geht es um die Zukunft der Institution – und um die vieler Verlage

Showdown bei der VG Wort

It's all about the Kopierentgelte

Foto: Westend61/Imago

Wenn sich die Mitglieder der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) an diesem Samstag in München treffen, geht es nicht nur um die Zukunft dieser Institution, sondern auch um die Zukunft vieler Klein- und Kleinstverlage. Ziel der Versammlung am 20. Mai ist es, einen verbindlichen neuen Verteilungsplan zu verabschieden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Einnahmen zwischen Autoren auf der einen und Verlagen auf der anderen Seite aufgeteilt werden sollen.

Der Etat, den die VG Wort alljährlich zu verteilen hat, geht auf Verträge mit der Geräteindustrie zurück, er basiert im Wesentlichen auf pauschalierten Kopierentgelten. Damit Autoren und Verlage bei der Vervielfältigung ihrer Texte nicht leer ausgehen, müssen die Gerätehersteller einen Obulus entrichten, der unter Autoren und Verlegern aufgeteilt wird – je nach Sparte bislang nach unterschiedlichen Schlüsseln. Freie Journalisten und Wissenschaftsautoren hatten die bisher für sie geltende Quote von 50:50 angefochten. Ein BGH-Urteil aus dem Mai 2016 hatte es dann für unrechtmäßig erklärt, dass Verlage überhaupt an den Tantiemen beteiligt werden. Da dieses Urteil auch rückwirkend für die Jahre 2012 bis 2015 gilt, würden für die Verlage beträchtliche Rückzahlungen anstehen. Die VG Wort hatte ihre Auszahlungen an die Verlage daraufhin eingefroren und ringt seither um eine Neuregelung, die alle Beteiligten zufriedenstellt. Ein erster Vorschlag wurde 2016 abgeschmettert – durch eine Sperrminorität von freien Journalisten in einer der sechs Berufsgruppen in der VG Wort.

Nach langem Ringen, so Gerlinde Schermer-Rauwolf, Sprecherin der Berufsgruppe 1 (Autoren und Übersetzer belletristischer Literatur), liege ein neuer Vorschlag zur Abstimmung vor: Für Journalisten und Autoren von Wissenschaftszeitschriften soll die Regelung dem belletristischen Bereich angepasst werden, 70 Prozent für die Urheber und 30 Prozent für die Verlage. Jeder Autor kann demnach auch 100 Prozent der Tantiemen in Anspruch nehmen – wenn er nicht mit einer ausdrücklichen Erklärung zugunsten der Verlage auf die höhere Ausschüttung verzichtet.

Genau dafür haben Anfang des Jahres einige Buch-Autoren, vor allem aus dem Maro- und dem Verbrecher-Verlag geworben. Mit einem offenen Brief im Börsenblatt appellierten sie an ihre Kollegen, die Verzichtserklärung zu leisten, um die einzigartige deutsche Verlagslandschaft mit ihren kleinen, unabhängigen Editionen zu erhalten. Denn die vom Gericht angemahnten hohen Rückzahlungen brächten viele dieser Verlage in existenzielle Bedrängnis.

Ob der neue 70-30-Vorschlag des Verwaltungsrats jetzt angenommen wird, hängt auch davon ab, wie viele Autoren nach München reisen können, um dort mit abzustimmen. Schermer-Rauwolf sieht einige Mitglieder, speziell im Umfeld des journalistischen Verbands Freischreiber, in „Fundamentalopposition“, angestachelt durch eine „Grundwut“ gegen die Zeitungsverleger – von denen viele ihren freien Autoren mittlerweile ein Honorardumping aufzwingen.

Die Konsequenzen einer Ablehnung könnten freilich verheerend sein: Kommt es zu keiner Einigung, erfolgt dieses Jahr gar keine Ausschüttung. Und es besteht die Gefahr, dass sich die Verleger ganz aus der VG Wort zurückziehen. Die Geräteindustrie könnte das als Einladung verstehen, die alten Verträge grundsätzlich anzufechten. Was dann für die Autoren am Ende übrig bliebe – ob überhaupt noch etwas –, das steht in den Sternen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/17.

Kommentare (1)

Richard Zietz 19.05.2017 | 09:54

Woher die Erbitterung bei Teilen der frei Schreibenden herkommt, führt der Beitrag – trotz eindeutig auszumachender Schlagseite gegen Autoren und für Verlage – in dankenswerter Klarheit auf: »(…) Schermer-Rauwolf sieht einige Mitglieder, speziell im Umfeld des journalistischen Verbands Freischreiber, in ›Fundamentalopposition‹, angestachelt durch eine ›Grundwut‹ gegen die Zeitungsverleger – von denen viele ihren freien Autoren mittlerweile ein Honorardumping aufzwingen.«

Dass die Opposition gegen die Umsetzung des BGH-Urteils vor allem aus dem autorellen Umfeld einiger Kleinverlage kommt, wundert dabei nicht. (Oder auch schon: Speziell der Verbrecher-Verlag dumpte nach meinen persönlichen Informationen zumindest in der Vergangenheit Neuautoren gnadenlos in den Keller. Zu Anfang des Jahrtausends gingen sogar Gerüchte um über zu leistende »Beteiligungen« an Print-, Werbekosten und so weiter.)

Aber gut: Einige Autoren und Autorinnen scheinen sich im Lager der alternativen Kleinausbeuter halbwegs kommod eingerichtet zu haben. Die konstatierte Klammheit der Kleinverlage dürfte auf die Großen der Branche allerdings kaum zutreffen. Hier hat man kaputtgespart, outgesourct, Journalisten und Autoren als Bildlieferanten / Fotografen / Webdesigner mit eingespannt, das redaktionelle Angebot runtergefahren, allerlei Verquickungen zwischen redaktionellen Angeboten und Werbung auf den Weg gebracht und ansonsten Leute entlassen, als ob es kein Morgen gäbe. Der Gedanke, speziell diesen Leuten Geld zu schenken, ist geradezu aberwitzig.

Fazit: Die VG Wort – als einzig verbliebene originäre Interessenvertretung von Autoren und Journalisten – tut gut daran, in der beschriebenen Frage konsequent zu bleiben und zuförderst die Interessen der von ihr Vertretenen im Blick zu behalten. Entschieden als »Fake News« zurückzuweisen wäre schließlich die arbeitgeberfreundliche Zielrichtung von Beitrags-Überschrift und Artikelintro. Die VG Wort steht ganz sicher nicht auf dem Spiel. Auch wenn in Zeiten der Krise eine Reihe Kolleginnen und Kollegen bereit sind, dem Druck der Verlegerseite nachzugeben.