Shreddern mit C.U.B.A.

Hartz IV als Parabel Herr W. trifft einen alten Bekannten, findet das kleinste Arbeitsamt der Welt und bekommt Post aus dem Paradies (Teil III)

Der Herbst beginnt für Herrn W. mit einer Einladung von Herrn Teufel und Frau Satan. Den angebotenen 1,5-Euro-Job lehnt er dankend ab und erfährt später, was er noch wert ist - im Leben und danach (siehe Freitag Nr. 43 vom 15.10. und Nr. 49 vom 26.11.). Nun kommt plötzlich Herr M. und dann eine unerwartete Gasrechnung ins Haus. Was soll er tun? Vor allem: Wie findet er seinen ALG II-Sachbearbeiter, der weder Adresse noch Durchwahl hat?

JobCenter - niemals würde Herr W. dieses Wort in den Mund nehmen. "Job" erinnert ihn an Tagelöhnerei, und "Center" an öde Einkaufszentren. Amt hat einen ganz anderen Klang. Wer, wenn nicht ein Amt, sollte sich ernsthaft um Arbeit und Beruf kümmern? Sein Amt allerdings hat scheinbar gar nichts mit ihm vor. Tage kommen und gehen ins Land. Nichts geschieht. Und dann ist auch noch der Volkshochschulkurs ausgebucht. Lernen, wie man sich selbst helfen kann - Herr W. staunt über den Zulauf und trägt sich in die Warteliste ein.

Eines Abends klingelt und klopft es zugleich - ein schlechtes Vorzeichen. Vor seiner Tür steht einer, den er lange nicht gesehen hat. "Hallo. Wir kennen uns, weißt du noch, damals."

Herr W. erinnert sich. Damals - das waren die Jahrzehnte seiner Lohnarbeit. Und der da vor ihm steht, war ein Kollege, Herr M. aus der Personalabteilung. Das war der, der immer Bouletten aus der Kantine holte - zum Frühstück. Manchmal trafen sie sich auf dem Gang, er grüßte, und jedes Mal drehte sich sein Magen um. Bouletten zum Frühstück! Das war alles, was er von M. wusste.

"Es ist mir peinlich", sagt M., "aber ich wohne seit fünf Jahren um die Ecke, und Du stehst im Telefonbuch."

Herr W. wird nervös. Was kommt da auf ihn zu? "Um was geht es denn?"

"Ich mach´s kurz", sagt M, "eben will ich Geld abheben, da schluckt der Automat meine Karte und gibt sie nicht mehr her. Und heute ist Freitag. Ich weiß nicht, was ich machen soll."

"Du hast doch erwachsene Kinder, oder nicht?"

"Ja, aber der Jüngere ist nach Westdeutschland abgehauen, und die Ältere bekommt nur Arbeitslosenhilfe - eine kleine, genau so wie ich."

"Ich auch", erwidert Herr W.

"Wieso du auch?"

Vermutlich erinnert sich jetzt M. an damals. Denn in jener fernen Zeit war M. nur ein Zuarbeiter, und Herr W. Hauptsachbearbeiter, ein Spezialist, vier Gehaltsgruppen über ihm, ausgestattet mit Unterschriftsvollmacht.

"Du, ich klär´ das mit der Karte am Montag", sagt M., "wahrscheinlich war sie nur verschmutzt."

Geht er jetzt? Hat er verstanden? Nein, Bouletten-M. setzt nach: "Kannst Du mir bis dahin 20 Euro leihen?"

Noch nie in seinem langen Leben hatte Herr W. einem Bekannten oder Kollegen Geld geliehen. Das war immer ein Tabu. Darüber redet man nicht. Wer Geld braucht und keines hat, überzieht sein Konto oder nimmt einen Kredit auf. Wer arm ist, geht lieber zum Pfandleiher als zum Nachbarn.

Nun kommt M. und spricht es einfach aus. Herr W. ist hilflos. Ich darf jetzt nicht weich werden, sagt er sich. Sonst wird es schrecklich enden. Und doch geht er zu seiner Notreserve und tut das, was er noch nie getan hat.

"Vielen, vielen Dank! Wenn ich dich nicht hätte. Bis bald." Schnell ist M. wieder verschwunden. Wird er seine Schuld begleichen?

Da sitzt er nun, der Herr W. in seiner Küche, und begreift allmählich, was Angst bedeutet. Was wird noch alles kommen?

Tage später holt er eine Gasrechnung aus dem Briefkasten. Herr W. heizte sparsam und hatte nie Nachzahlungen zu befürchten. So riss er übermütig den Umschlag auf - und traute seinen Augen nicht: "Zu zahlender Betrag: 103,90 Euro". Und Erhöhung der monatlichen Vorauszahlungen um 11,92 Euro.

Gerade eben hatte das Amt seine alten Heizkosten voll übernommen; es konnte nicht wissen, dass er ab sofort jeden Monat 11,92 Euro mehr bezahlen soll. Natürlich muss das Amt diese Änderung sofort erfahren. Er muss zu diesem Herrn D., der auf seinem ALG II-Bescheid stand. Aber Herr D. ist nicht erreichbar, keine Durchwahl, kein Fax, keine e-Mail - nichts. Sein Dienstgebäude ist das Postfach Nr. 580255 in 10412 Berlin. Immerhin ist das Postfach - so steht es jedenfalls auf dem ALG II-Bescheid - zu den gewohnten Zeiten geöffnet. Und die Post müsste doch wissen, an welcher Straße das Postfachdienstgebäude liegt.

Herr W. wählt die "Hotline für Privatkunden" - eine 0180-Nummer. Ist das nicht die Vorwahl, die Verbrecher nutzen, um Leute wie ihn mit horrenden Gebührensätzen zu betrügen? Doch da spricht schon eine freundliche Computerstimme: "Sechs Cent pro Anruf - bitte warten." Schließlich bedauert eine Frau, dass sie die Straßenadresse der Postfachanlage leider nicht herausfinden könne.

Aus Erfahrung weiß Herr W., dass jede der vielen freundlichen Stimmen in den CallCentern immer nur einen Teil der Wahrheit kennt. Und so versucht er es erneut. Die zweite nette Stimme hat denn auch eine gute Idee: "Rufen Sie die Postfachverwaltungszentrale an; die wissen die Adressen aller deutschen Postfachschränke."

Die Postfachverwaltungsvorwahlnummer lautet 01805. Also Vorsicht. Zwölf Cent pro Minute. Herr W. wählt acht Mal und hört ebenso oft: "Unsere Abfrageplätze sind alle belegt. Bitte versuchen Sie es später."

Immer, wenn sich Herr W. ungerecht behandelt fühlt, wird er mutig und macht Dinge, die er sonst nicht tut. Also fordert er von der Sechs-Cent-Service-Stimme für Privatkunden Rechenschaft: "Muss ich jetzt acht Mal zwölf Cent bezahlen?"

"Wenn Sie in der Warteschleife waren, ja."

Herr W., der zwar manchmal glaubt, er lebe in der Warteschleife des Lebens, weiß genau, dass er nicht in der Warteschleife der Postfachverwaltungszentrale war. So erwidert er entschlossen: "Die Postfachverwaltungs-Stimme sagte doch, ich soll nicht warten."

Darauf die zweite Stimme: "Augenblick, ich frage nach." Und dann: "Sie müssen bezahlen, weil Sie in der Warteschleife waren."

Grob, wie es gar nicht seine Art ist, unterbricht Herr W.: "Nein!"

"Doch! Den Hinweis, dass Sie nicht warten sollen, haben Sie in der Warteschleife erhalten!"

Herr W. ist nah dran überzukochen, da wird die zweite Stimme plötzlich wieder freundlicher: "Nennen Sie mir einfach Ihr Problem."

"Ich muss unbedingt zu meinem Arbeitsamt, aber das Amt hat nur ein Postfach, Nr. 580255 in 10412 Berlin."

Stille, und dann: "Die Postfach-Anlage liegt im Prenzlauer Berg, Schönhauser Allee 79."

"Nein, nein, nein, das kann nicht sein", schreit jetzt Herr W., "Ihre Kollegen sagten, man könne es nicht feststellen."

"Das kann ich nicht nachvollziehen - alle haben denselben Datenzugriff."

Herr W. glaubt zu hören, dass die freundliche Stimme einen hämischen Unterton bekommen hat. Denkt sie, er sei verrückt? Ist er es vielleicht tatsächlich? Nein, er ist es nicht, also auf zur Schönhauser Allee 79.

An einem Donnerstag gegen Abend, mitten in der offiziellen Öffnungszeit des Postfaches, findet er die gesuchte Anlage im dunkelsten Abseits eines ansonsten glitzernden ArcadenCenters. Niemand ist da, schummriges Licht, und der Eingang zum Postfachraum bleibt ihm ohne Code-Karte verschlossen. Irgendein mitleidiger Postfachinhaber lässt ihn schließlich rein: "Sie wollen zu einem Postfach und haben keinen Schlüssel zum Leeren. Das verstehe ich nicht."

Herr W. traut sich nicht zu sagen, dass er gerade sein Arbeitsamt gefunden hat. Es würde auch kaum helfen. Denn der Andere hält ihn wohl schon längst für einen Obdachlosen, auf der Suche nach einem warmen und sauberen Schlafplatz. Soll er denken, was er will. Herr W. hat sein Ziel erreicht, allein das zählt. Hier ist es, das Postfach 580255 in 10412 Berlin, 30 Zentimeter breit und 20 hoch. Das kleinste Arbeitsamt der Welt.

Wo könnte nun Herr D. stecken, der ihm zugeordnete unterste Verwalter des Sozialgesetzbuches II? Im Postfach kann er ja nicht sein. Herr W. hat auch keinen Schlüssel, um sich Gewissheit zu verschaffen. Vielleicht wird gleich eine Hand durch den Schlitz greifen und ihm seine Gasheizungskostenerhöhung abnehmen. Herr W. staunt über seine eigenen Gedanken. Das Postfach nicht, es bleibt stumm und regungslos.

Sieben Tage später liegt ein amtliches Schreiben in seinem Briefkasten. Absender: "Arbeitsamt Berlin" und "Bundesanstalt für Arbeit", deutlich geschrieben, keine Halluzination. Der Brief ist neuesten Datums.

Herr W. hält den Atem an. War alles doch nur Spuk? Kehrt das alte Amt zurück? Das Schreiben ist tatsächlich ein Wunder, ein Stellenangebot, und nicht irgendeines. Sein Herz klopft. Er liest: Teilzeit - sofort - C.U.B.A. - Paradiesstrasse. Aber warum schreibt das Amt C.U.B.A. mit Pünktchen? Herr W. ist so aufgeregt, dass er immer wieder liest: C.U.B.A und Paradiesstrasse.

Ist das der glückliche Ausgang? Musste Herr W. erst von Herrn Teufel und Frau Satan zum Gang durch die Hölle der Arbeitsgelegenheiten gerufen werden, um danach auf die Straße zum Paradies, nach CUBA, zu gelangen?

Herr W. hebt seinen Blick und nun begreift er, dass Berlin-Treptow sein Paradies werden soll. Befristet bis zum 31.07.05 darf er "Aufschrauben, Entlöten, Sägen, Trennschleifen, Meißeln, Shreddern, Sammeln, fraktionieren." Also harte Arbeit groß schreiben und fraktionieren klein. Und dann der Lohn, den er schon von Teufel und Satan kennt: 1,50. Ob sich das Amt ganz bewusst weigert, die Zumutung "Euro pro Stunde" dahinter zu setzen? Sein Blick streift das Adressenfeld: Die Post hat den falschen Briefkasten erwischt. Das Angebot ist für Frau Sch. von nebenan.

(Fortsetzung folgt: Herr W. erfährt, dass er bald kostengünstig lernen kann, sich selbst zu helfen)


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00:00 24.12.2004

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