Sich im Leben verlieren

Existenz Lukas Bärfuss mag es doppelbödig. „Hagard“, seine Stalking-Geschichte, hat er düster verrätselt

Philip ist ein Geschäftsmann in den mittleren Jahren, der kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Geschäftes steht. Im Zürcher Feierabendgedrängel fällt ihm eine Frau auf, der er zu folgen beginnt; durch die Innenstadt erst, dann, sich einer unheilvollen Eingebung anheimgebend, in die Vororte, wo sie offensichtlich wohnt und wo er vor ihrer Tür eine Nacht im Auto verbringen wird. Nach und nach verliert er seine Verpflichtungen aus den Augen – ein Geschäftstreffen, der Sohn, der bei der Tagesmutter untergebracht ist –, verliert seinen Wagen, seine Geldbörse und einen Schuh, bis er nach einem neuerlichen Tag auf ihren Spuren auf ihrem Balkon landet. Das Gesicht der Frau hat er den ganzen Roman über nicht sehen können.

Aus dieser kurzen Zusammenfassung könnte man schließen, das zentrale Thema von Lukas Bärfuss’ neuem Roman Hagard wäre Stalking; das allerdings wäre ein Irrtum. Um die Frau, der Philip folgt, geht es nur am Rande, sie interessiert ihn nicht. Es geht ihm gerade nicht darum, Kontrolle über sie zu erlangen, wahrscheinlich hat sie bis kurz vor dem Ende der Verfolgung Philips Existenz nicht einmal wahrgenommen. Noch bevor er sie zu fassen bekommt, hat er die junge Frau bereits in Einzelteile zerlegt.

Was er von ihr wahrnimmt, sind Gesten und einzelne Körperteile; eine makellose Wade, den Hals, ihre Art, sich über einen Trinkbrunnen zu beugen, ihren Körperduft. Sie ist ganz Baudelair’sches Objekt, Leinwand seiner Projektionen, die er sich zu erklären versucht, die er sich aber auch nicht eingestehen kann.

Projektionen, deren Opfer er am Ende selbst wird. Es ist ein Wahn, der ihn befällt, der sich vordergründig durch nichts erklären lässt. Lukas Bärfuss lässt seinen Erzähler gleich zu Beginn erklären, dass zwar alle Umstände geklärt seien, alle Details offenlägen, aber doch der Versuch vergeblich sei, einen Zusammenhang in den Bildern zu finden; die Einzelheiten blieben auch bei längerer Betrachtung rätselhaft.

Philip ist kein Sympath; niemand, der zu Identifikationen einlädt. Er entwickelt mehr Mitgefühl mit einem ramponierten Hausschuh als mit jedem ihm begegnenden Passanten. Er interessiert sich leidlich für den gerade stattgefundenen Absturz der Malaysia Airlines MH370, aber die Gesichter seiner Mitmenschen flößen ihm nichts als Ekel und Abscheu ein. Selbst jene, die er kennt – seine Mitarbeiterin Vera, die Tagesmutter des Sohnes –, taxiert er mit distanzierter Kälte und Herablassung. Philip ist, so erfolgreich er bisher auch gewesen sein mag, nicht eingebettet in ein soziales Leben, er führt keine Beziehungen, er unterhält sie bloß.

Seine Verbindung zur Welt ist am Ende sein „kluges Telefon“, wie der Erzähler etwas spitzfingrig Philips Smartphone nennt. „Jede Epoche besitzt ein Werkzeug, auf das sie fundamental angewiesen ist“, und das unsere ist das Smartphone. Philips Abstieg beginnt damit, dass er Anrufe und Nachrichten ignoriert, und wird unumkehrbar, als ihm der Akku ausgeht. Was zunächst als ein Akt des Widerstands beginnt, nämlich die Anforderungen und Zumutungen des Alltags, die ihn über das Display erreichen, zu ignorieren, wächst sich aus zu einer existenzbedrohenden Krise.

Es ist die abgeschwächte, autodestruktive Variante eines acte gratuit. Während André Gide in den Verliesen des Vatikans seinen Lafcadio aus einer Laune heraus einen Mord begehen lässt, ist Philip zu verwurzelt in der bürgerlichen Gesellschaft, um tatsächlich ein Verbrechen zu begehen. Ihm bleibt die Revolte gegen seinen Terminkalender. Das ist seine eigentliche Tragödie: Einem Impuls folgend, löst Philip sich von seinen Pflichten. Er ist aber unfähig, seine neue Abhängigkeit zu gestalten. So treibt er durch die Stadt, hinweggezogen vom Sog der Frau und von einer vagen Vorstellung von Leidenschaft, bis er sich ganz herausgelöst hat aus all dem, was er 50 Jahre lang aufgebaut hat.

Was vordergründig wie eine elaborierte Technikkritik aussieht, die die Abhängigkeit von Telefon und Internet anprangert, erweist sich am Ende als Abgesang auf die Konformität eines geregelten, bürgerlichen Lebens. Das ist nicht nur ein Grundthema in Bärfuss’ Prosa, es ist auch ein Grundthema seiner großen Schweizer Vorgänger Frisch und Dürrenmatt, mit denen Bärfuss oft verglichen wird. Über die Zürcher heißt es: „Wenn man die Lebenskurve eines typischen Bewohners aufzeichnen müsste, dann wäre das Ergebnis ein flacher Strich, ohne Erhebungen und Täler, ein gemächliches, stetes Streben dem eigenen Ende zu, hier und da unterbrochen von einigen Unregelmäßigkeiten, Erzitterungen durch Krankheit und Scheidung.“ Es ist ein ruhiges, eintöniges Dasein, dessen Herausforderungen darin bestehen, trotz einer kleinen Lust keinen Kuchen zu bestellen, damit ein potenzieller Geschäftspartner nicht sieht, wie man kaut.

Alle Affekte kanalisiert

Der Erzähler rätselt, wie es dazu kommen konnte, dass Philip aus diesem vollfurnierten Leben herausfällt – sind es die Südwinde? Der Frühling? Überkommt ihn ein krankhaftes Fieber? –, auf die naheliegende Lösung kommt er nicht zu sprechen: Es ist der tiefe Überdruss an einer durchchoreografierten Existenz. Und kaum hat Philip einmal eine Stunde Zeit, in der er nichts mit sich anzufangen weiß, hebt ihn eine zufällige Begegnung in einen Strudel von Ereignissen, dem er nicht gewachsen ist.

Bärfuss schreibt das alles in einem eleganten, eindringlichen Stil, in dem nichts Versöhnliches liegt. Als Philip gezwungen ist, schwarzzufahren, muss er vor zwei ihn grotesk anmutenden Kontrolleuren fliehen und verliert dabei einen Schuh; diese und ähnliche slapstickhafte Szenen zeichnet Bärfuss in existenzieller Düsterkeit. Bärfuss verweigert sich der lösenden Wirkung einer Pointe, was der Erzählung eine tiefe Melancholie gibt, der keine Ironie beizukommen vermag. Philip fühlt sich von seinem Trieb nicht nur überfordert, er ist es: Das ist das Dramatische an seiner Geschichte. Der Erzähler notiert den Fall mit sorgenvollem Bedauern, in dem anklingt, dass die ganze Welt durch derlei beiläufige Anfälle von Unvernunft aus den Angeln zu heben ist; all das nur, weil irgendwo in der Menge eine Frau auftaucht.

Info

Hagard Lukas Bärfuss Wallstein 2017, 174 S., 19,90 €

Die Bilder des Spezials

Peter van Agtmael, geboren 1981 in Washington D.C., ist Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum und mit einigen wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Van Agtmaels soeben erschienener Fotoband Buzzing at the Sill (Kehrer-Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro), aus dem die Bilder unserer Beilage stammen, ist voller oft dunkler, poetischer Arbeiten, in denen die USA wie ein unwiderruflich zerrissener Ort erscheinen. Den mysteriösen Titel verdankt Buzzing at the Sill einem Gedicht von Theodore Roethke, In a Dark Time („My soul, like some heat-maddened summer fly, keeps buzzing at the sill“). In der Auseinandersetzung des Fotokünstlers mit seinem Land sind immer auch ganz persönliche Stimmungen zu spüren: Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit angesichts einer absolut ungewissen Zukunft. Und gleich daneben kocht die Wut

06:00 20.03.2017

Kommentare