Sicher ist nur der Ruf nach Unterhaltung

Kulturelles Basislager Ein Porträt des Rheinischen Landestheaters Neuss, das in seinen Finanznöten und seinem ewigen Bemühen um die Gunst der Zuschauer den Durchschnittsfall des real existierenden deutschen Theaters repräsentiert

In Geldern am Niederrhein tobt die Alterskrise. Zumindest auf der Bühne des Lise-Meitner-Gymnasiums. Dort gastiert das Rheinische Landestheater Neuss (RLT) mit Alte Freunde, einer knalligen Komödie der Niederländerin Maria Goes über vier Männer in der Midlife Crisis. Was sich zwischen dem medial frisierten Politiker Joep, dem tuntigen Kulturamtsverweser Pieter, dem hyperaktivistischen Depri Tom und dem mädchenfixierten Theaterregisseur Maarten abspielt, ist eine Art überpointierter männlicher Seelenstrip. Natürlich sind diese wechseljährigen Testosteronbolzen kaum mehr als arme Würstchen: der Schimmelpilz der emotionalen Leere sitzt überall. Und das bringen die vier männlichen Darsteller Tim Knapper, Raik Singer, Jochen Ganser, Hermann Große-Berg sowie Hergard Engert als osteuropäische Prostituierte mit fast boulevardesker Formalisierung zum Ausdruck, ohne jedoch der plumpen Mechanik der Typisierung anheim zu fallen.

Das Gastspiel des Rheinischen Landestheaters Neuss in Geldern hat Tradition. Seit Jahren gastiert die Bühne im dem kleinen Ort und sorgt so für theatralische Grundversorgung. Landestheater wie das RLT sind künstlerische Basislager der Republik. 24 davon gibt es in Deutschland. Jedes Theater hat dabei sein Stammland vorzuweisen, doch der Radius der Gastspiele variiert erheblich. Der Niederrhein liegt zwar für das RLT im Hinterhof, doch längst tourt man auch bis Gütersloh, Plettenberg, Luxemburg und selbst nach Bayern oder Österreich. Nicht minder variabel ist dabei die Anzahl der Gastspiele. Nimmt man alle Produktionen von Shakespeare bis zu Lesungen zusammen, kommt man in Neuss im Jahr auf etwa 100 Vorstellungen in der Region und 280 Vorstellungen, die am Stammhaus in der Oberstraße gespielt werden.

Das erscheint wenig, doch die Zeiten, so Intendantin Ulrike Schanko, werden schwieriger. Nach zwölf Jahren als Dramaturgin hat sie 2004 die Leitung des Hauses übernommen und kennt dessen Probleme aus dem Effeff. Nicht die Konkurrenz der Tourneetheater, des Eventtourismus, der Musicals oder des Fernsehens setzen dem RLT zu. Es sind die ungesicherten Haushalte der kleinen Gemeinden, die Vorstellungs-Buchungen immer weiter hinauszögern. In Neuss hat man daraus die Konsequenz gezogen und betreibt intensivste Kundenpflege. Neben den üblichen Verkaufsmessen, wo Kommunen und Anbieter von Theatergastspielen sich treffen, rückt die unmittelbare Ansprache von Kulturamtsleitern, Einladung zu Premieren nach Neuss, Angebote von Matineen, Einführungen und Publikumsgesprächen immer stärker in den Vordergrund.

Da die kulturelle Vorsorgung einer niederrheinischen Stadt wie Geldern im Interesse des Landes liegt, beteiligt sich das Bundesland NRW auch paritätisch an der Finanzierung des Theaters. Nach mehreren Kürzungen liegt der Gesamtetat des RLT 2006 bei etwa 5,32 Mio. Euro, wobei 2,26 Mio. auf das Land, 2,67 Mio. auf die Stadt Neuss, 630.000 Euro auf Eigenmittel des RLT und 60.000 Euro auf elf Trägerstädte entfallen. Der hohe Anteil der Kommune relativiert sich allerdings, da man dem Theater 1,4 Mio. Euro Miete pro Jahr für das Haus an der Oberstraße abverlangt. Einem Komplex, den die Stadt im Jahr 2000 für satte 90 Millionen Euro zu einem strahlend weißen Gebäudetanker mit Theater, Kreisamt, Kino und Landespassage hat umbauen lassen. Seitdem verfügt das RLT über ein Haus mit großer (443 Plätze) und kleiner Bühne (99 Plätze) sowie einem repräsentativen Foyer - was die Neusser Bürgerschaft prompt mit einem Zuschauerplus von gewaltigen 30 Prozent seit 2002 honorierte. Ein Ausweis gewachsenen Bürgerstolzes, der nun allerdings einen Dämpfer erhält.

Auch die Stadt Neuss, die als eine der wenigen NRW-Kommunen nicht unter ein Haushaltssicherungskonzept fällt, muss sparen. Es geht um insgesamt 17 Millionen Euro. Nach Aussage von Kulturdezernentin Christiane Zangs wurden deshalb neben anderen Einrichtungen auch alle Kulturinstitutionen aufgefordert, Sparmöglichkeiten zu benennen. Was sich nach Sparbusiness as usual anhört, klingt aus dem Mund der pragmatischen Intendantin Ulrike Schanko besorgt: Man sei aufgefordert worden, ein Sparmodell im sechsstelligen Bereich sowie die Auflösung des RLT durchzurechnen.

Einsparungen in sechsstelliger Größenordnung funktionieren jedoch nur über die Streichung von Produktionen und Personalabbau. Zugleich gilt: Je weniger Stücke ein Landestheater herausbringt, desto weniger Gastspiele sind im Angebot. Damit sinken die Eigeneinnahmen und die sind beim RLT mit 16 Prozent am Gesamtetat sowieso eher durchschnittlich. Andere Landesbühnen, die im ländlichen Raum und ohne eigenes Haus mit Abonnementpublikum operieren, kommen dabei auf Margen von bis zu 35 Prozent.

Solcher Druck hat Folgen fürs Programm. Nun sind Bühnen wie das RLT alles andere als Theater-Aldis. Wer allerdings seine Produkte auf dem Markt verkaufen will, hat sich nicht zuletzt nach den Wünschen der Kunden zu richten. Da dürfen Klassiker nicht fehlen. So hatte das RLT zuletzt Shakespeare, Ibsen Horvàth, Büchner oder eine wunderbare Kabale und Liebe im Programm. In dieser Saison spielt man Hamlet, Beaumarchais´ Figaro und Hofmannsthals Jedermann. Der Klassiker als Erfolgsformel? Intendantin Ulrike Schanko winkt ab. "Es wird zunehmend schwieriger einzuschätzen, was geht und was nicht." Sicher sei nur der Ruf nach Unterhaltung. Selbst Kulturamtsleiter stöhnten, weil für viele Besucher - PISA lässt grüßen - der Klassiker inzwischen genauso unbekannt sei wie das zeitgenössische Stück. Mit Autoren wie Pollesch, Jelinek oder Röggla könne das Publikum allerdings erst recht nichts anfangen.

Bei neun Eigenproduktionen des RLT macht es vor allem die Mischung. Der Klassiker neben Tom Lanoyes Antikenadaption Mamma Medea, Kinder- und Jugendtheaterproduktionen neben der obligatorischen musikalischen Produktion. Gerade hier versucht das RLT inzwischen, die Unterhaltungsreizschwelle ins Anspruchsvollere zu verschieben - allerdings mit mäßigem Erfolg in dieser Spielzeit. Die gute Idee, den Autor und Dramaturgen des Hamburger Thalia Theaters John von Düffel zu seinem ersten Musical Call the police zu überreden, ging prompt schief. Dem renommierten Dramatiker fiel nur eine ziemlich abgeschmackte Story um den missratenden Geburtstag eines russischen Mafiapaten ein: der Plot einfallslos, das Witzniveau billig, die Figuren eindimensional und die eingesetzte Swingmusik beliebig. Dass die Inszenierung zudem eher die Schwächen des Stücks betont, macht die Sache nicht besser; konnte aber nicht verhindern, dass die Produktion sich immer größerer Beliebtheit erfreut.

Trotz solcher Schwächen überrascht das RLT in Call the police, Alte Freunde oder Mamma Medea mit einem erstaunlich jungen Ensemble. Das war schon unter Ulrike Schankos Vorgänger Burkhard Mauer so und hat weniger mit dem Jugendwahn der Intendanz als mit einem Gagenrahmen zwischen 1.550 und 3.000 Euro zu tun. Von den 15 Schauspielern des RLT eignen sich so gerade einmal vier für gesetztere Rollen. Allerdings scheint Hartz IV zunehmend auch gestandene Schauspieler vom Freelancertum in mager honorierte Engagements zu zwingen. Für das RLT hat das einen positiven Nebeneffekt. Intendantin Ulrike Schanko: "Im 40er Bereich für unsere Gagen Leute zu bekommen, wäre uns vor vier, fünf Jahren überhaupt nicht gelungen."

Gleich ob für ältere oder junge Schauspieler - das Landestheater als Galeerenfron, das ist passé. Selbst das in Neuss praktizierte "integrierte Modell", nach dem jeder Darsteller Kinder- und Jugendtheater sowie Erwachsenentheater spielen muss, schreckt nicht mehr ab. Ob man das als Verschärfung oder Normalisierung der Engagementpolitik interpretiert, Tatsache ist, dass das Neusser Ensemble auf hohem Niveau spielt. Schauspieler wie Hergard Engert oder Raik Singer, der stimmgewaltige Mark Weigel in Call the police oder die junge Carmen Betker, die der Kreusa in Mamma Medea passgenaue Kontur gibt - für sie alle bietet das RLT einen Ort, der Sammelstelle der Erfahrung, Refugium mit starker Ensemblebindung und letztlich auch Sprungbrett für eine Karriere an größeren Häusern ist.


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00:00 12.01.2007

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