Sichtbar Verborgenes

Im Kino "Die Frau des Leuchtturmwärters" von Philippe Lioret hält sich beeindruckend feinfühlig an die Regeln des Melodrams

Der Film hat eine Aura des Unzeitgemäßen, Anachronistischen. Sie ist ihm nicht unbequem, er trägt sie gar mit einem gewissen Stolz. Die Frau des Leuchtturmwärters scheint vor allem deshalb aus der Zeit zu fallen, weil er das Genre des Melodrams nicht revidiert oder unter ironische Vorzeichen stellt. Seine neurotischen Abgründe, die in den fünfziger Jahren Meister wie Douglas Sirk, Vincente Minnelli oder Nicholas Ray fesselten, meidet er. Er schreibt das Genre fort; seine Konventionen haben sich für den Regisseur Philippe Lioret längst noch nicht erledigt.

Man könnte anfangs argwöhnisch schwanken, ob er sich dem Melodram nun naiv oder ausbeuterisch nähert. Dabei respektiert er die Verwerfungen, die es in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat. Die Heftigkeit der geschilderten Gefühle weiß er in der Vergangenheit allemal besser aufgehoben. Mit Clint Eastwoods Die Brücken am Fluss hat Liorets Film die Rückblendenstruktur gemeinsam, in deren Verlauf sich eine verborgene, erst im Nachlass einer Verstorbenen entdeckte Liebesgeschichte entfaltet. Um ihr Elternhaus nach dem Tod ihrer Mutter zu verkaufen, kehrt die Städterin Camille auf ihre Heimatinsel Ouessant in der Bretagne zurück. In der ungeöffneten Post findet sie einen Roman, der ihre eigene Herkunft plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Ihre Mutter Mabé (Sandrine Bonnaire) hatte vor vierzig Jahren eine Affäre mit dem Algerienveteranen Antoine (Grégori Derangère), der als neuer Kollege ihres Mannes Yvon (Philippe Torreton) den Dienst als Leuchtturmwärter antrat. Der Neuankömmling ist ein Ausgestoßener, er wird von seinen Kollegen abgelehnt, weil er keiner von ihnen ist und den Beruf des Leuchtturmwärters nicht aus Familientradition gelernt hat. Widerstrebend gibt Yvon jedoch dem gelernten Uhrmacher eine Chance, sich in dem rauen, gefährlichen Metier zu bewähren. Ihren Argwohn gegenüber dem Fremden legen die regionalstolzen Bretonen nie ganz ab. Die Ahnung einer ungekannten Feinfühligkeit und zugleich einer gebändigten Unrast lassen den Fremden in dieser abgeschlossenen Welt doppelt verführerisch erscheinen. Er würde gewiss allerorten deplatziert wirken, denn er trägt ein dunkles Geheimnis in sich. Seine Höflichkeit und Demut erinnern an die Geächteten im Western, die vorsorglich auf ihrer Autarkie beharren, weil die Gemeinschaft ihnen erfahrungsgemäß den Zutritt verweigert. An diesem Weltenende, der westlichsten Spitze Europas, versucht er, Erlösung zu finden von der klaffenden Wunde und ungesühnten Schuld, die ihn fernhalten von den Menschen.

Die Frau des Leuchtturmwärters folgt zwei widerstrebenden Impulsen, die sich durch das gesamte Genre ziehen. Einerseits schlägt er sich auf die Seite der aussichtslosen Liebe zwischen Mabé und Antoine. Sie gehorchen ihr wie einem inneren Zwang, der ihnen eine ungekannte Freiheit eröffnet. Ihre verstohlenen Blicke trachten danach, in der Gemeinschaft nicht aufzufallen und sind gleicherweise eine unausweichliche Forderung an den Anderen; ein melancholisches Aufbegehren gegen die Verhältnisse, die ihre Erfüllung vereiteln. Die geschliffen mehrdeutigen Dialoge lassen den Zuschauer zum Eingeweihten werden, dem Dritten im Bunde, dem sich die versteckten Liebesbotschaften erschließen. Zugleich wohnt dem Melodram ein konservativer Zug inne, einer des Bewahrens, des Vergewisserns der Wurzeln. Camille sieht ihre Erinnerungen unerwartet in Frage gestellt, ein Zweifel nistet in der wohlgefügten Ordnung der Vergangenheit.

Diesen Widerspruch löst Liorets ebenso filigrane wie opulente Inszenierung geschmeidig auf. Seine Lust am sinnlichen Erzählen wirkt beherrscht, wie ein kluges Haushalten mit den Schauwerten. Lioret schätzt sie um ihrer Doppelwertigkeit willen. Der Konkretion, der prachtvollen Anschaulichkeit von Naturkulisse und aufgewühlten Elementen ist, wie in den großen Epochen des Melodrams, etwa dem skandinavischen Stummfilm oder dem französischen Vorkriegskino, stets noch ein zweiter Boden des Symbolischen eingezogen: als ein Widerstreit zwischen Bodenständigkeit und Leidenschaft, als ein Aufbrechen der Verschlossenheit. Mit gleichsam ungeschlachter Subtilität befördert Lioret die Gefühle seiner Figuren an die Oberfläche. Jede verborgene Regung wird auf Sichtweite gebracht, jeder Zwischenton soll deutlich hörbar sein. Ein redlicher Glaube an die Gültigkeit der Genretradition spricht daraus, der ebenso ungebrochen wie aufgeklärt ist.


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00:00 17.06.2005

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