Sie haben es satt

Landwirtschaft Zehntausende Menschen demonstrieren am Wochenende für eine Agrarwende. Schon jetzt zeigen sich kleine Lichtblicke beim Tierschutz
Jens-Eberhard Jahn | Ausgabe 03/2015

Der Name klingt nach Umweltschutz und Nachhaltigkeit: Internationale Grüne Woche. Die weltweit größte Landwirtschaftsmesse zeigt gern ein idyllisches Bild von Bauernhöfen mit freilaufenden Tieren. Doch die Realität sieht anders aus. Die Landwirtschaft ist längst industrialisiert, Massentierhaltung der Standard. Das schmeckt aber nicht allen. Am kommenden Wochenende – zum Start der Grünen Woche – wollen Zehntausende Menschen für eine Agrarwende auf die Straße gehen. Ihr Motto: „Wir haben es satt!

Zur Demonstration rufen zahlreiche große Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutzverbände auf, aber auch alternative Bauernverbände, Entwicklungsorganisationen und diverse politische Gruppen. Sie protestieren gegen Massentierhaltung, Gentechnik und das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Bereits zum fünften Mal in Folge findet die Großdemo statt, die Bewegung für eine andere Landwirtschaft hat sich mittlerweile formiert. Radikalere Kritiker der Agrarindustrie planen unter dem Label „Grüne Woche demaskieren“ eigene Aktionen. Aber tut sich überhaupt etwas in der deutschen und europäischen Landwirtschaftspolitik? Ändert sich etwas an der Massentierhaltung? Im vergangenen Jahr hat es immerhin einige Lichtblicke gegeben. Mehr aber leider nicht.

Denkzettel für Tierquäler

Im Dezember des vergangenen Jahres haben die Behörden in Sachsen-Anhalt dem „Schweinebaron“ Adriaan Straathof die Tierhaltung bundesweit verboten – nach mehreren Skandalen, die Tierschützer ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatten. Im Fernsehen war unter anderem zu sehen, wie Ferkel getötet wurden, indem man sie mit dem Kopf an die Wände der Stallboxen oder auf den Boden schleuderte.

Adriaan Straathof gehört zu den ganz Großen in der Branche. Allein im Jahr 2013 hat der Mäster 1,5 Millionen Schweine in Deutschland produziert, in Mecklenburg-Vorpommern zieht er gerade Europas größte Ferkelfabrik auf. Er tut dabei nichts anderes als das, was die Verbraucher wollen: Er produziert billiges Fleisch. Daher stehen die Sauen so dicht wie möglich, überzählige Tiere müssen sterben. Die Amtstierärzte beobachteten zahlreiche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, inzwischen hat sich sogar der Deutsche Bauernverband von Straathof distanziert.

Doch der scheinbare Schlag gegen den „Schweinebaron“ ist nur ein Pyrrhussieg: „Dem Mann wurde der Führerschein entzogen, nicht das Auto. Der bekommt jetzt einen Fahrer“, kommentiert ein kleinbäuerlicher Sauenhalter. Das Berufsverbot gilt nur für Straathof persönlich, nicht für seine Holding, und schon gar nicht für das System der Massentierhaltung. Doch die Verbraucher sind beruhigt, dass ein Tierquäler einen Denkzettel bekommen hat; und der Bauernverband kann mit dem Finger auf ein schwarzes Schaf zeigen.

Die Branche wird allerdings nervös, und sie reagiert: Zu Beginn dieses Jahres hat sie eine „Tierwohlinitiative“ gestartet, zunächst nur für die Schweinehaltung. Maßgeblicher Initiator ist der Deutsche Bauernverband. Die beteiligten Einzelhandelsunternehmen, der Fleischskandalberichte müde, zahlen vier Cent pro verkauftem Kilogramm Schweinefleisch in einen Fonds. Tierhalter können daraus Geld bekommen, wenn sie entweder Raufutter zusätzlich zum Kraftfutter bereitstellen oder den Tieren zehn Prozent mehr Platz zugestehen. Ein Extralabel dafür gibt es nicht. Somit wird nicht transparent, welches Fleisch aus der „Tierwohlproduktion“ kommt und welches nicht. So möchte sich die Branche insgesamt reinwaschen und verlorenes Vertrauen wiedergewinnen.

Das ist nicht der erste Versuch. Es gibt bereits ein Tierschutzlabel, entstanden als Gemeinschaftswerk von Handel, Wissenschaft und Verbänden. Träger des Labels ist der Tierschutzbund. Im Beirat sitzen allerdings auch Agrarkonzerne wie VION und Wiesenhof. Daher ist es kein Wunder, dass dieses Label innerhalb des Tierschutzbundes sehr umstritten war. Andere Tierschützer haben mittlerweile auch heimlich in Ställen von Firmen gefilmt, die sich an dem Label beteiligen – die Zustände waren miserabel. Das Siegel müsste eigentlich in fast allen großen Handelsketten präsent sein – theoretisch. In der Praxis ist der Kauf von Labelfleisch kaum wahrscheinlicher als sechs Richtige in der Lotterie, denn nur ein paar Dutzend Erzeugerbetriebe beteiligen sich.

Small is beautiful?

Aber was wollen die Verbraucher eigentlich, was ist ihnen am wichtigsten? Mehr Tierschutz, ökologische Landwirtschaft oder einfach nur kleine Bauernhöfe? Die Agrarwendebewegung hat auf diese Frage keine einheitliche Antwort. Hier kommen Gruppen mit unterschiedlichen Zielen zusammen. Und selbst in den Gruppen gibt es manchmal Streit.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft beispielsweise vertritt die Interessen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Manche betreiben Ökolandwirtschaft, andere setzen auf konventionelle Methoden. Und während die Organisation unter anderem für Milchpreise eintritt, die den Bauern die Existenz sichern, werben radikale Tierrechtsaktivisten für ein Leben ganz ohne Milch.

Aber auch innerhalb der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft gibt es jetzt einen Streit – zu der Frage, wie die europäischen Agrarsubventionen verteilt werden sollen. Der bayrische Landesverband will, dass die Europäische Union die Gelder nach Arbeitsbedarf, nicht nach Fläche vergibt. Der Bundesverband setzt stattdessen auf mehr Geld für die „ersten Hektar“. So sollen Mittel von großen zu kleineren Betrieben umgeschichtet werden. Der Gedanke dahinter: Wenn Großbetriebe ohnehin effizienter wirtschaften als kleine, dann brauchen sie weniger Unterstützung durch öffentliche Gelder. Die offizielle Politik sieht freilich noch mal ganz anders aus: Nach der ab 2015 geltenden EU-Agrarpolitik können die Staaten bis zu 30 Prozent der Gelder so umschichten. In Deutschland werden aber nur sieben Prozent der Mittel umverteilt, auch aus Rücksicht auf die großen Betriebe in Ostdeutschland.

Allerdings wirtschaften Kleinbetriebe auch nicht automatisch sozialer, tierfreundlicher und ökologischer als Großbetriebe. Wichtiger ist die wirtschaftliche Bedeutung des Betriebs im Dorf, ist die lokale Futtererzeugung und die Gülleverwertung. Wichtiger ist auch die Frage nach Hochleistungszüchtungen bei Tieren. Und: Ist eine Biogeflügelhaltung mit 40.000 Tieren gut, weil bio – oder schlecht, weil groß?

Das Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ will, dass bei 1.500 Schweinemastplätzen Schluss ist, ebenso bei 30.000 Masthühnern und 15.000 Legehennen. Die Linksfraktion im Bundestag fordert auch Bestandsobergrenzen pro Stall, nennt aber keine konkreten Zahlen. Das Problem dürfte auch die Definition eines Stalls sein. Firmen versuchen womöglich, die Regelung zu umgehen, indem sie ein Gebäude in mehrere „Ställe“ aufteilen. Bestandsobergrenzen könnten auf jeden Fall im Kampf gegen Tierseuchen helfen. Je kleiner der Bestand, desto weniger Tiere müssen mit Antibiotika mitbehandelt werden, wenn eines erkrankt. Dies würde das Risiko antibiotikaresistenter Keime verringern und somit das Krankheitsrisiko, auch für Menschen. Bisher werden vielen Tieren vorsorglich Medikamente in die Nahrung gekippt, weil das weniger Geld kostet als eine Einzelbehandlung.

Seit Dezember hat Europas größter Fleischverarbeiter jedoch eine kleine Revolution eingeleitet. Danish Crown verzichtet in fünf Schweinemastbetrieben auf diese Praxis, stattdessen sollen nur kranke Tiere die Antibiotika bekommen. Das ist zwar teurer, kommt allerdings den „Verbraucherwünschen“ entgegen, die der Konzern als Grund für das Experiment nennt. Er will nun herausfinden, ob er für das Fleisch auch mehr Geld verlangen kann.

Mit dem Bewusstsein der Konsumenten steigt derzeit aber ebenfalls die Zahl der Menschen, die komplett auf Produkte vom Tier verzichten. Veganer essen kein Fleisch, trinken aber auch keine Milch. Das führt zu einem Streit in der Agrarwendebewegung: Ist artgerechte Tierhaltung überhaupt möglich? Oder stimmt der Buchtitel der Publizistin und Tierrechtlerin Hilal Sezgin – „Artgerecht ist nur die Freiheit“? Die konventionelle Landwirtschaft auf jeden Fall haben sie alle gründlich satt.

Jens-Eberhard Jahn ist freier Journalist und schreibt regelmäßig über Landwirtschaft

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.01.2015

Kommentare