Sie haben sich schon

Medientagebuch Eine Kolumne geht in Serie: Axel Hackes "Das Beste aus meinem Leben" im Vorabendprogramm

Der Vorabend im Fernsehen fängt in der Regel serienmäßig an: "Pünktlich zu Lauras Hochzeit kommt der smarte Lars Hoffmann aus Marbella zurück. Bei einem kurzen Besuch soll es nicht bleiben: Lars wird der Posten als neuer ›Fürstenhof‹-Geschäftsführer angeboten. Nicht nur Barbara von Heidenberg ist darüber entzückt ... "

Ob der Sturm der Liebe (wie die beschriebene Folge 312) braust, die GZSZ dahinplätschern, die Verbotene Liebe sich offenbart oder zum 4.168. Mal der Marienhof erscheint - immer läuft es nach dem Eva-Prinzip: SIE kriegt ihn, sofort oder erst in Folge 93, putzt sich aufreizend raus, zickt herum, sticht andere aus, schmollt, schmiert ihm Honig um den Bart, in der älteren Version gern auch mal betulich. ER ist der Trottel, weil er nicht mitkriegt, was das Weib vorhat, oft Sohn, Macher, Sportwagenfahrer, in der älteren Version gern auch Witwer, Gutsbesitzer oder Arzt. Inhaltsleer, aber Folgenreich. Die hohlen Dialoge und der Hall der Kulissentüren garantieren offenbar die Einschaltquote. Durchschnittlich knapp drei Millionen Zuschauer bei Sturm der Liebe, dreimal soviel wie im Jahr davor. Ein Trailer vorn, einer hinten - strecken, dehnen, Zeit schinden, Werbung: "Noch mal jung sein? Nur jünger aussehen mit der Anti-Faltencreme!" Darauf kommt es schließlich an.

Jetzt soll alles ganz anders sein. Oder ist es nur die Zielgruppe? Mit einer großen Werbekampagne haben Medienjournalisten den Zeitungskollegen Axel Hacke gefeiert, der mit seinen Kolumnen über Das Beste aus meinem Leben in der Süddeutschen Zeitung offenbar den Nerv des aktuellen Mitdreißigers im Alltagskampf mit Frau, Kind, Chef und Kollegen trifft. Man sehe und staune, der moderne Mann ist ständig mit der einen Frau verheiratet, beteiligt sich an der Erziehung des gemeinsamen Sohnes, lebt mit ihnen ein intaktes Kleinfamilienleben, arbeitet in einem anständigen Angestelltenverhältnis als Redakteur bei einer großen Tageszeitung. Damit diese stockkonservative Grundhaltung eines ängstlichen bis neurotischen Familienvaters zwischen linkisch und hilflos nicht ganz so dröge rüberkommt, hat der Autor wahlweise als Alter ego, Über-Ich, Kumpel, Therapeut oder Schatten einen sprechenden Kühlschrank in sein Leben integriert. Papa ante portas, nur eben viel banaler, was die Sache mit dem Kühlschrank betrifft. Und so skurril, dass es nur beim ersten Mal ungewöhnlich scheint.

Beinahe so, wie man sich das Leben von Axel Hacke vorstellen könnte, was der natürlich heftig dementiert. Seit zehn Jahren verfolgen die Leser die Ereignisse in der Kleinfamilie, die trotz fundamentaler Gegensätze zwischen "Mann (kommt vom Mars)" und "Frau (kommt von der Venus)" samt ihrem antiautoritär erzogenen Balg unablässig altbekannte Situationen dieser sagenhaften Konstellation neu angeht. Das ist, siehe Titel, ironisch gemeint und wirkt witzig, weil es einfach so gut beobachtet und locker geschrieben ist, dass man darin wiederum mühelos die Generation der überforderten Softis wiederfindet. Wie das so ist mit dem Tele-Marketing, kommt eins zum anderen, die Kolumnen als Buch, und nun das Drehbuch in Serie. Max Miller (Oliver Mommsen) heißt der liebenswerte Tolpatsch, der seit Mitte Dezember in der ARD-Vorabend-Serie aus der Sicht eines Mannes den Ich-Erzähler aus den Kolumnen abgibt und dabei aus seinem angefüllten Leben mit der temperamentvollen Paola (Elena Uhlig) und dem cleveren Anarchistenkind Luis (wunderbar gespielt von dem achtjährigen Sandro Iannotta) auspackt. Es geht um solch existentielle Dissonanzen wie: Erziehung und Eheleben, Tanzabende und Männerbeine, das Wetter im Urlaub, die beste Freundin der Ehefrau, das ganz normale Büroleben mit Vorzimmerdrachen und blonder Praktikantin und einem Chef, der in seiner selbstgefälligen Art im Tross von drei ergebenen Aktentaschen-Haltern so verdammt gut in bestimmte, große Tageszeitungsredaktionen passen würde können. Was wiederum auch an der kongenialen Besetzung der Typen liegt, die bis ins Detail den Déjà-vu-Effekt produzieren. Woran zum Beispiel erkennt man den "Wegschmeißer"? Und woran den "Behalter"? Klar. Die eine will immer was Neues wie neue Klamotten, neue Wandfarben und auf jeden Fall: alte Sachen wegschmeißen. Der andere hängt an ihnen, wegen der Erinnerungen, wegen der Sentimentalität, kurz, er hasst Veränderungen.

Wenn die Experimentierwillige eine Frau und das Gewohnheitstier ein Mann ist und die beiden auch noch miteinander verheiratet sind, ergibt das in dieser kurzweiligen Inszenierung viel kuriose bis furiose Situationskomik. Vielleicht lassen einen die andauernden Aha-Erlebnisse schmunzeln, die Erinnerungen an eigene oder fremdverschuldete Situationen, in denen man unfreiwillig zum Zeugen geworden ist. Beispielsweise im Einrichtungscenter, wo ermattete Männer hinter ihren hyperaktiven Ehefrauen herlaufen, die zum Schluss zwar keinen Schlafzimmerschrank, aber wenigstens zwei farbenfrohe Vorhangschals ("ein Schnäppchen!") ergattern.

Eigentlich vom Plot her überhaupt nichts Besonderes, aber in der Ausführung direkt im Anschluss an den Marienhof erfrischend, weil intelligent geschrieben und umgesetzt. Dass Axel Hacke das Drehbuchschreiben unter anderem dem versierten Peter Strotmann überlassen hat, war wohl klug. So kamen nicht, was angesichts des eher reflektierenden Erzählgestus nahe lag, raschelnde Papierseiten zustande, sondern spritzige Dialoge. Dass nach vier Folgen der Regisseur gewechselt hat, kommt der Serie auch zugute. Ulrich Zrenner, ausgezeichnet für die Serie Edel Starck, inszeniert die Marotten des echauffierten Weicheis noch leichtfüßiger und kurzweiliger als Matthias Tiefenbacher. Wir fangen da an, wo die anderen aufhören, erklärte Elena Uhlig alias Paola in einem Interview das Neue an dieser Serie. Wir haben uns schon und müssen jetzt nur noch den Alltag bewältigen. So gesehen, ist das schon ganz o.k. und für eine Vorabendserie erst recht.

Das Beste aus meinem Leben, freitags 18.50- 19.20 Uhr in der ARD


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00:00 05.01.2007

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