Sie hatte nie den Blumenstrauß gesehen

Uruguay/Argentinien Sara Méndez findet nach 26 Jahren ihren Sohn Simón wieder

Am 13. Juli 1976 - vier Monate nach der Machtübernahme einer Militärdiktatur - wird in Buenos Aires die uruguayische Emigrantin Sara Méndez verhaftet und in das Folterzentrum Automotores Orletti verschleppt. Ihren zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate alten Sohn Simón bringt die Polizei zunächst in ein Krankenhaus, später auf das eigene Kommissariat - danach verliert sich jede Spur. Sara Méndez sucht das Kind nach ihrer Entlassung über zwei Jahrzehnte lang vergeblich. Im März 2001 stößt sie durch einen Artikel und dank der Hilfe eines befreundeten Senators auf eine Fährte, die neue Hoffnung verspricht ...

Dem uruguayischen Senator Rafael Michelini ist die Profession eines Kundschafters fremd, dennoch hat er das Treffen in diesem Straßencafé mitten im Zentrum von Buenos Aires vereinbart und als Erkennungszeichen vorgeschlagen, eine Ausgabe der Zeitung Clarín unter dem Arm zu tragen. Er spürt eine leichte Panik, als er feststellen muss, dass sich mindestens die Hälfte der Gäste mit der Lektüre des Blattes die Zeit vertreibt. Aber der Mann, den er an diesem 27. Februar 2002 treffen will, ist der Einzige ohne Begleitung, er trinkt allein einen Kaffee und sieht aufmerksam zur Tür. So ermannt sich Rafael Michelini und tritt an den Tisch des einsamen Gastes - "Senator der Republik Uruguay, Vorsitzender einer kleinen Partei" - und zeigt seinen Diplomatenpass.

"Da lerne ich schon einmal einen Senator kennen, und dann ist der nur von einer kleinen Partei", scherzt der Mann, die Bemerkung erleichtert es Michelini, ohne Umschweife seine Geschichte zu erzählen.

Er beginnt mit der Verhaftung seiner Schwester Elisa im Montevideo der Militärdiktatur Mitte der siebziger Jahre; er erzählt vom Mord an seinem Vater Zelmar im Mai 1976 und der Deportation der anderen Schwester Margarita am 13. Juli 1976 in Buenos Aires. Er erzählt in allen Einzelheiten, wie deren Sohn, ein wenige Monate altes Baby, bei dem Überfall auf die Wohnung einem Nachbarn anvertraut wurde. Und dass man dieses Kind später wiederfand und der Mutter zurückgab. Und schließlich kommt er zu jenem Punkt, der ihn allein interessiert: "Ich muss Sie um Hilfe bitten."

"Vier Adoptivfamilien kommen nur in Frage ..."

Rückblende. Bei einer Recherche für die Zeitschrift Posdata gelingt es dem argentinischen Journalisten Roger Rodríguez, Anfang 2001 ein Interview mit einem Mitglied der Gordon-Gruppe zu machen - einer Verbindung argentinischer Agenten des Bataillons 601, die 1976 mit dem uruguayischen Geheimdienst (SID) und der Gruppe zur Koordinierung Antisubversiver Operationen (OCOA) zusammenarbeitete und für die Deportation von mehr als hundert nach Argentinien emigrierter Uruguayer verantwortlich war, von denen teilweise bis heute jede Spur fehlt.

In jenem Gespräch erfährt Rodríguez von einer Klinik im Stadtviertel Belgrano von Buenos Aires, in die am 13. Juli 1976 Simón Riquelo, der Sohn der uruguayischen Emigrantin Sara Méndez, gebracht wurde. Als diese Episode in einem Artikel von Posdata im März 2001 erwähnt wird, lesen das auch Sara Méndez und Senator Rafael Michelini in Montevideo. Letzterer setzt die Nationale Friedenskommission ins Bild, die sich zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktaturen in Argentinien und Uruguay noch immer mit dem Schicksal verschwundener politischer Gefangener und adoptierter Kinder von Ermordeten oder Vermissten beschäftigt. Bald vermutet man, dass es sich bei jenem Krankenhaus, in dem Simón Riquelo seinerzeit abgegeben wurde, nur um die Nordklinik gehandelt haben kann.

Im Mai 2001 gelingt es daraufhin Senator Michelini, einen ehemaligen Offizier aus dem Repressionsapparat der argentinischen Junta zu sprechen, vielleicht dieselbe Person, mit der sich auch der Journalist Rodríguez getroffen hatte. Der Kontakt löst weitere Recherchen aus, denn Michelini hat erfahren, das bewusste Kind sei wahrscheinlich auch in eine Polizeistation gebracht worden. Es gibt vergleichbare Fälle, bei denen die Kinder Verhafteter nicht sofort in Kinderheime oder zu Pflegeeltern kamen. Schließlich erhält Michelini eine Liste von Polizisten der Reviere rings um die Nordklinik von Buenos Aires und eine Aufstellung der Kinder, die zwischen dem 13. und 15. Juli 1976 in diesem Teil der argentinischen Hauptstadt von der Polizei mitgenommen worden waren. Er telefoniert mit Sara in Montevideo: "Vier Adoptivfamilien kommen nur in Frage ..."

Michelini fehlen nur noch die entsprechenden Adressen und Telefonnummern. Mitte Februar schon kann er einen ersten Kontakt herstellen und das erste Treffen für den 27. Februar vereinbaren, die Zeitung Clarin soll das Erkennungszeichen sein.

Als der Senator das Café betritt, ahnt er nicht, dass die Suche nach Simón bald zu Ende sein wird.

"Ja, ich erinnere mich sehr gut an jene Nacht ..."

Der Mann hört aufmerksam der Geschichte Michelinis zu, der ganzen Geschichte über die unermüdliche und zermürbende Suche der Sara Méndez nach ihrem Sohn - alle Facetten dieser Tragödie, alle Tiefschläge unerfüllter Versprechen, alle vom Schweigen der Täter aufgetürmten Hindernisse. Als der Senator eine kurze Pause macht, räuspert sich der Mann, beginnt zögernd zu sprechen, verstummt wieder, um dann zu sagen: "Ja, ich erinnere mich sehr gut an jene Nacht des 13. Juli 1976, es war die kälteste Nacht dieses Winters ..."

"Macht das schön schriftlich. Für alle Fälle ..."

Am Abend des 13. Juli 1976 war es Sara Méndez erst spät gelungen, ihr Kind in den Schlaf zu wiegen. Sie wartete auf die Rückkehr von Mauricio Gatti, ihren Lebensgefährten. Den ganzen Tag über hatte sie von willkürlichen Verhaftungen in der kleinen Gemeinde der uruguayischen Exilanten gehört. Die Nachrichten erfüllten diese kalte Nacht mit düsteren Vorahnungen.

Gegen 23.00 Uhr fielen die uruguayischen und argentinischen Agenten wie ein Tornado in die Wohnung Azurduy 3163 ein. Ein Uruguayer in Zivil fragte Sara, ob sie ihn erkenne, was sie verneinte. "Ich bin Major Gavazzo und will dir sagen: Mach dir keine Sorgen um deinen Sohn. Wir führen keinen Krieg gegen Kinder." Sara wehrte sich, sie protestierte, sie schrie, aber schließlich wurde sie in das geheime Folterzentrum Automotores Orletti verschleppt, während Simón in der Wohnung blieb, die durchsucht und danach ausgeräumt wurde, um alle Spuren zu beseitigen. Was mit dem Neugeborenen geschehen sollte, war bereits entschieden. Kurz nach Mitternacht brachte man Simón in seinem Körbchen in die Nordklinik von Belgrano. Von dort aus wurde mit der zuständigen Polizeistation telefoniert.

Einer der Beamten, der an diesem Morgen die Wache übernehmen sollte, erhielt zuhause einen Anruf. Er hatte gerade versucht, mit einer warmen Dusche gegen die Kälte anzukommen. Als er von der Existenz des verlassenen Kindes erfuhr, das von der Klinik auf die Polizeistation gebracht werden sollte, schlug er telefonisch vor, sofort einen Richter in Kenntnis zu setzen. "Macht das schön schriftlich. Für alle Fälle", fügte er hinzu. Im Kommissariat angekommen, entschied dieser Beamte, auch dort eine vorschriftsmäßige Registratur des Kindes vornehmen zu lassen, bevor man es in den Morgenstunden des 14. Juli 1976 in seinem Körbchen in ein Heim brachte.

Als der Polizist später nach Hause kam, erwähnte er dies gegenüber seiner Frau, die ihm vorschlug, sich doch des verlassenen Kindes anzunehmen. So wurde wenige Tage später per Gerichtsbeschluss ein vorläufiges Pflegerecht erteilt, das nach einem Jahr in eine endgültige Adoption umgewandelt wurde. Das Ehepaar sagte dem Kind, das einen anderen Namen erhielt, später nie, dass es adoptiert wurde.

"Warum sprichst du nicht selbst mit Sara?"

Rafael Michelini hört die Geschichte, begreift, dass er sehr wahrscheinlich auf der richtigen Spur ist. Der Mann sagt ihm: "Wenn es so gewesen wäre, dass man in jener Nacht zwei verlassene Kinder in die Nordklinik brachte, dann würde ich noch zweifeln, aber es gab nur eines, keinen Zweifel." Michelini kann spüren, wie sein Gesprächspartner sich den radikalen Veränderungen, die auf ihn und seine Familie zukommen, in aller Ernsthaftigkeit stellt. Sie verabschieden sich: Der Mann wird seine Familie zusammenrufen müssen, um die neue Realität zu besprechen.

Bei der Rückkehr aus seinen Ferien am 3. März 2002 findet der 26-jährige Simón seine Eltern und Geschwister versammelt vor. Es ist ein doppelter Schock: Er erfährt, dass er adoptiert und das geraubte Kind einer ehemaligen politischen Gefangenen aus Uruguay ist, die ihn seit mehr als zwei Jahrezehnten unermüdlich sucht. Er zieht es nach dieser Eröffnung vor, die Nacht bei seiner Freundin zu verbringen, aber in der folgenden Woche, als die ganze Familie in den Besuch des Senators Michelini einwilligt, hat er sich entschieden: er forscht im Internet nach der Geschichte von Sara und ihren Genossen, und er ist bereit, eine Blutuntersuchung machen zu lassen, um seine wirkliche Identität feststellen zu lassen.

Senator Michelini begleitet am 8. März in Buenos Aires den jungen Mann zum Krankenhaus Durán, wo man die Blutproben der Familienangehörigen Verschwundener aufbewahrt. Die Untersuchungen dieses Hospitals sind die einzigen, die von den Justizministerien Argentiniens und Uruguays akzeptiert werden, weil hier durch DNA-Analysen die Identität festgestellt wird. Am späten Nachmittag sind die Tests beendet und obwohl noch sieben Tage vergehen werden bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses, ist der junge Mann überzeugt davon, Simón zu sein. "In dieser Geschichte gibt es zwei Opfer: Sara und mich". Michelini versteht die Besonderheit des Augenblick, den sie erleben, und fragt: "Warum sprichst du nicht selbst mit Sara?"

"Ich hatte eine glückliche Kindheit, ich bin glücklich ..."

Am Spätnachmittag des 8. März verlässt Sara Mendez die Studioräume von Fernsehkanal 5 in Montevideo; sie hat an einem Programm zum Internationalen Frauentag teilgenommen. Sie steht zwischen zwei geparkten Autos und versucht, den Boulevard Artigas zu überqueren, als ihr Handy klingelt. "Angenehm", sagt sie in der Annahme, mit dem Adoptivvater zu sprechen, aber sofort darauf versteht sie, dass sie zum ersten Mal seit 26 Jahren die Stimme ihres Sohnes Simón hört. Sie stützt sich auf die Motorhaube eines Autos und mitten im ohrenbetäubenden Lärm des Verkehrs unterhält sie sich lange mit ihm. An der anderen Seite der Leitung versucht der junge Mann, natürlich zu sein, die Anspannung zu überwinden und sich des Moments, den Sara erlebt, bewusst zu sein. "Ich hatte eine glückliche Kindheit, ich bin glücklich und möchte dich in mein Glück einschließen", sagt er.

Sara fliegt am 12. März nach Buenos Aires, und am Nachmittag des nächsten Tages sieht und berührt sie ihren Sohn. Es ist nicht einfach, obwohl sie sich 26 Jahre lang immer und immer wieder die Einzelheiten dieses Augenblicks vorgestellt hat, der nie gekommen ist. In den vielen verschiedenen von ihr ausgemalten Versionen hat sie nie den Blumenstrauß gesehen, mit dem sie jener junge Mann, blond und etwas untersetzt wie sein Vater Mauricio, erwartet.

Übersetzung aus dem Spanischen: Margrit Schiller

Samuel Blixen, geboren 1944, Journalist und Schriftsteller in Montevideo, arbeitete seit 1961 bei verschiedenen Zeitungen und war während der Militärdiktatur 13 Jahre im Gefängnis. Danach Mitbegründer der Wochenzeitung Brecha. Bücher u.a.: El vientre del Cóndor (Trilce-Verlag), Seregni und Sendic über den Gründer der Tupamaros, den Blixen selbst kannte.

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00:00 12.04.2002

Ausgabe 25/2021

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