Sie hoben den Daumen

Im Gespräch Der israelische Maler Jehuda Bacon, ehemaliger Gefangener im KZ Auschwitz, über die Geschichte eines Kindes, das mit der Erfahrung eines Greises leben musste

FREITAG: Wenn wir heute von Auschwitz reden, haben wir immer schon ein Bild oder eine Assoziation im Kopf. Sie sind als Kind nach Auschwitz gekommen. Hatten Sie damals eine Ahnung, was Sie erwartet?
JEHUDA BACON: Als ich noch in Ostrau* lebte, wusste ich nur, wenn jemand nach Auschwitz "verschickt" wurde, wie das damals hieß, kam nach einem Monat eine Nachricht: Ihr Mann starb an Herzversagen. Wenn Sie seine Asche wollen, zahlen Sie so und so viel. Wir wussten, Auschwitz ist ein Ort, von dem die Leute nicht zurückkehren.

Sie sind im Winter 1943 nach Auschwitz deportiert worden. Können Sie sich noch an die Ankunft im Lager erinnern?
Gewiss, wir wurden mit den Worten empfangen: "Ihr seid in Auschwitz, und wenn ihr euch gut benehmt, habt ihr eine Chance, drei Monate zu leben." Und auf unsere Frage, wo denn die anderen Menschen alle seien, haben sie den Daumen gehoben und gesagt: "Die sind durch den Schornstein. Und wenn es euch nicht gefällt: Da sind die elektrischen Drähte, da könnt ihr euch umbringen!"

Sie haben in Auschwitz nicht drei Monate überlebt sondern 13 - vom Dezember 1943 bis zum Januar 1945. Wie war das möglich?
Ich war Teil einer große Ausnahme, weil ich mit meinen Eltern in das sogenannte tschechische Familienlager kam, bei dem es sich um einen Bluff handelte. Es gab damals immer wieder Fragen aus dem Ausland: Wo sind all die Juden geblieben? Was ist mit ihnen passiert? Deswegen hatte die SS beschlossen, ein Lager zu bilden, von dem man sagen konnte: Hier sind die Alten und die Prominenten interniert - das war Theresienstadt. Zugleich wurde dieses tschechische Familienlager in Auschwitz für den Fall gegründet, dass eine Rot-Kreuz-Kommission, die Theresienstadt besuchte, verlangen würde, auch Auschwitz zu sehen. Dann hätte man sagen können: Was über Auschwitz verbreitet wird, ist Gräuelpropaganda - auch dort gibt es Familienlager für Alte und Kinder.

Aber eine solche Kommission kam nie nach Auschwitz.
Nie, die Rot-Kreuz-Leute glaubten, was ihnen in Theresienstadt gezeigt wurde, so dass sie überhaupt nicht mehr fragten, was weiter im Osten passierte. Deshalb wurde das Familienlager auch im Juli 1944 aufgelöst. Ich bin dann mit anderen Jungen zwischen zwölf und fünfzehn in ein anderes Lager gekommen, zu einem Kommando, das "Rollwagen" hieß: wir waren jeweils 20 und mussten wie Pferde einen Wagen ziehen. Dadurch kamen wir überall hin und hatten eine gute Übersicht, was alles passierte in Auschwitz.

Sie haben später in verschiedenen NS-Prozessen ausgesagt, weil sie sich an sehr viele Details erinnern konnten. Wie kam das?
Ich besaß die Neugier eines Kindes, ich wollte wissen, was im Krematorium passiert. Und als wir dort Holzbalken aufladen mussten, habe ich den Kapo gefragt, warum es noch immer diese riesigen Mengen an Holz gab. Ich wusste, es ging dem Ende zu, es gab nicht mehr viele Juden - die meisten waren umgebracht worden. Da sagte der: "Das ist noch Holz für paar Millionen Menschen." Ich habe ihn angesehen und gefragt: "Für wen?" Und er hat geantwortet: "Nach den Juden kommen die Slawen."

Haben Kinder das Vernichtungslager anders erlebt als Erwachsene?
Zum Teil schon, ein Erwachsener dachte wahrscheinlich viel an sein bisheriges Leben, das für immer verloren war. Für uns Kinder war Auschwitz unsere Präsenz. Wir nahmen es so, wie es war. Auch als uns ein Kapo einmal in die Gaskammer gelassen hat, damit wir uns aufwärmen konnten. In diesem Augenblick habe ich gedacht: Heute sind die anderen dran, morgen ich. Daran lässt sich nichts ändern.

Unsere Instinkte waren so geschärft, dass wir uns wie wache Tiere verhielten. Wir mussten schnell und geschickt sein. Wenn wir etwas aus der Lagerküche stehlen wollten, konnte jede falsche Bewegung ein Todesurteil sein.

Gab es unter den Kindern Solidarität?
Das klingt vielleicht merkwürdig, aber wir blieben sehr menschlich. Es gab irgendwo noch einen moralischen Code, was man darf und was nicht. Man durfte von den Deutschen stehlen, aber man durfte einem Gefangenen kein Brot wegnehmen. Ich kann mich noch gut erinnern, einmal hat einer von unserer Gruppe etwas von einer Frau gestohlen, ein Stück Brot oder so. Wir haben zwei Tage nicht mit ihm geredet. Das war unter den gegebenen Umständen eine fürchterliche Strafe.

Als Sie im Mai 45 befreit wurden, hatten Sie zweieinhalb Jahre Lager hinter sich. Haben Sie damals überlegt, sich an den Deutschen zu rächen?
Wir haben uns noch im Lager gefragt: Was wird mit uns sein, wenn wir überleben? Die Deutschen, das waren für uns die SS-Mörder. Und wir dachten: Wir nehmen Rache. Wir bauen eine Mauer und lassen dahinter alle Deutschen verhungern. Sehr kindliche Gedanken. Ich kann mich auch noch daran erinnern, als ich 1945 in meine Heimatstadt Mährisch-Ostrau zurückkam, da sah ich plötzlich ältere Deutsche mit einer Binde, die Schnee schaufeln mussten, und ich erinnerte mich, dass mein Vater das Gleiche tun musste und dabei geschlagen wurde, während ich gezwungen war, dieser Demütigung zuzusehen. Da dachte ich einen Moment: Wenn ich jetzt einen Stein auf diese Männer werfe, kann mir niemand etwas anhaben - ich nehme Rache. Aber dann dachte ich: Vielleicht sind sie unschuldig, außerdem wird die Asche meines Vaters nicht wieder lebendig. Und wenn ich weiterhasse, hat Hitler gewonnen, weil ich dann so bin wie er. Davon wollte ich mich befreien.

Sie haben einmal gesagt: "Meine Bilder haben mich gerettet". Wie meinten Sie das?
Sie müssen sich vorstellen, wie ich - immer noch ein Kind - die Nachkriegszeit erlebt habe. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Bei meinem ersten Besuch in der Oper dachte ich noch genauso wie im KZ: Da sitzen ungefähr so viel und so viel Menschen - wie lang dauert es, sie zu vergasen? Wie viele Säcke mit Haaren werden übrig bleiben? Wie voll wird die Kiste mit den Goldzähnen sein? Denn das war unsere Realität in den Lagern, das hing mit der Arbeit zusammen, die ich dort verrichten musste. Ich sah keine Menschen mehr, ich sah nur, was von ihnen übrig bleibt. Ich war ein Kind mit der Erfahrung eines Greises. Und wenn ich nicht gezeichnet hätte, ich weiß nicht, ob es möglich gewesen wäre, diese Zeit zu überwinden.

Viele sind daran zugrunde gegangen ...
... weil sie verstummten und das Erlebte nicht verarbeiten und mit niemandem reden konnten. Ich hatte wenigstens das Glück, mit mir auf dem Papier zu reden.

Aber Sie wollten nie ein "Auschwitzkünstler" sein.
Das stimmt, und doch ist es so, dass jeder Mensch eine Vergangenheit hat. Wenn ich etwas zeichne, sind das zwar nicht mehr Erinnerungen an das Lager, aber natürlich bleiben die immer präsent. Es ist dann zwar kein Stacheldraht mehr zu sehen, sondern etwas anderes, aber ich versuche, niemals eindeutig zu sein in meinen Bildern. Wirkliche Kunst ist für mich wie wirkliches Leben: Jeder findet das, was er darin sucht.

Die Shoa ist oft als vollendete Sinnlosigkeit bezeichnet worden. Können Sie irgendeinen Sinn in diesem unermesslichen Leid sehen?
Die gleiche Frage stellte mir ein Journalist 1962 direkt nach dem Eichmann-Prozess, bei dem ich als Zeuge ausgesagt hatte. Damals antwortete ich ungefähr so: Auch das Leiden kann einen Sinn haben, wenn es einen so tief erschüttert, dass es bis an die Wurzeln des eigenen Seins geht. Dabei kann man unter Umständen entdecken, dass es dem Menschen neben dir genau so ergeht, wie einem selbst. Diese Erfahrung hat einen Sinn, sie beeinflusst die nächsten Schritte, die wir im Leben tun.

Sie haben schon bald nach dem Krieg Kontakt mit Deutschen aufgenommen und waren Anfang der sechziger Jahre das erste Mal in der Bundesrepublik Deutschland, als in israelischen Pässen noch stand "für alle Länder außer Deutschland". Sie sind trotzdem gefahren mit einer Ausnahmegenehmigung der damaligen Außenministerin Golda Meir. Warum?
Zu mir sind viele jüngere Menschen gekommen, um mich zu fragen, ob ich ihnen verzeihen könne. Eine Frau zum Beispiel, die darunter gelitten hat, dass ihr Vater bei der SS war. Ich habe ihr gesagt, dass ich ihr als Einzelner verzeihen könne. Wobei ich selbstverständlich immer an die anderen dachte, an meine Eltern vor allem, die umgekommen sind. Ich fragte mich dann: "Was würden sie dazu sagen?" Aber letzten Endes konnte nur ich selbst auf die Frage antworten: "Was sage ich, wenn jemand um Vergebung bittet?" So musste jeder seine Antwort geben und konnte damit etwas für das bessere Verständnis der Menschen untereinander tun.

Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie?
Ich komme vom Judentum, von der Bibel. Dort gibt es einen schönen Mythos, die Frage von Gott an Adam: "Mensch, wo bist du?" Für mich ist das eine ewige Frage, sie richtet sich an jeden Menschen. Grundsätzlich sind zwei Antworten möglich, die auch biblisch angedeutet sind. Die eine sagt: "Da bin ich, ich nehme die Verantwortung auf mich." Und die andere Antwort ist wieder eine Frage: "Bin ich der Hüter meines Bruders, was geht´s mich an?" Das heißt, diese Frage "Mensch, wo bist du?" ist immer da, nur wir sind nicht immer da - die Antwort ist unser Lebensweg.

Schon in ein paar Jahren wird es kaum mehr Überlebende der Shoa geben, sondern nur noch Bücher und Filme. Woran sollten die späteren Generationen besonders erinnert werden?
Daran, dass die Shoa etwas Einmaliges ist, aber zugleich auf die ungeheuren Abgründe des Menschen verweist - Abgründe, die in uns allen sind. Bei den Deutschen war es so, dass mit der Erziehung zur Inhumanität einer ganzen Generation die Überzeugung eingepflanzt wurde: Du bist ein Übermensch! Du darfst töten - ja, du sollst töten! Dennoch glaube ich, das Böse wurzelt in fast jedem Menschen - der Gefahr, sich unmenschlich zu verhalten, ist jeder ausgesetzt,

Das Gespräch führte Matthias Bertsch

(*) heute Ostrava in Tschechien

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Jehuda Bacon ist noch keine 13 Jahre alt, als er im September 1942 nach Theresienstadt deportiert wird. Ein Jahr später kommt er nach Auschwitz. Am 5. Mai 1945 wird er im KZ Gunskirchen bei Linz in Österreich - einem Nebenlager von Mauthausen - befreit. Schon damals zeichnet er, was er sieht, erlebt und fühlt: Auf einem der Bilder ist das Gesicht seines Vaters zu sehen, wie es als Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums steigt. - 1946 kann Bacon nach Palästina auswandern. Er wird ein Freund und Schüler Martin Bubers und studiert an der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem. Dort lehrt er von 1959-1994 als Professor für Grafik und Zeichnen. Jehuda Bacon lebt und arbeitet heute in Jerusalem.

00:00 04.02.2005

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