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Abbild Die einst übel beleumundete "Bild"-Zeitung manipuliert nicht mehr. Sie ist auf dem Weg zum Verfassungsorgan

Zu den wenigen Schätzen, die in meinem Bücherregal lagern, gehört eine wissenschaftliche Untersuchung des Sportteils der Bild-Zeitung. Was dieses Werk aus dem Jahr 1974 zum Schatz macht, ist nicht so sehr sein Inhalt, sondern die Widmung: "den ‚Bild´-lesenden Opfern des Springer-Konzerns" und: "im Besonderen: meiner nicht-mehr-‚Bild´-lesenden Freundin Ingrid".

Bild manipuliert und macht dumm - diese Annahme liegt nicht nur der Agitation der armen Ingrid zugrunde, sondern diese Annahme ist auch das Fundament beinah aller früheren Bild- und Springer-Kritik, wie sie ganz wesentlich nach 1968 verbreitet wurde. Am bekanntesten und wirkungsvollsten war die Anti-"Bild"-Kampagne von Günter Wallraff, die auch auf der Vorstellung von Bild als Manipulationsmaschine beruhte. Als Manipulator hatte man den Verleger Axel Cäsar Springer ausgeguckt. Springer starb 1985, doch die Bild-Maschine läuft weiterhin. Und mit ihr bei einigen Springer-Kritikern weiter die Vorstellung der kapitalistischen Gesellschaft als einer, die von allwissenden, alles kontrollierenden und zur brutalen Durchsetzung ihrer Interessen bereiten Kräften gesteuert wird. Das ist alles nicht weit weg von einer Verschwörungstheorie und hat mit ihr den Nachteil gemein, dass sie nicht zu erklären vermag, wie es ausgerechnet dem sich klug schätzenden Kritiker gelungen ist, der omnipräsenten Reguliermaschine zu entkommen und das alles zu durchblicken.

Allerdings ist eine solche Sicht auf Bild nicht mehr allzu verbreitet. Die Kritik an Springer hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Eine modernere Bild-Kritik wird beispielsweise von den medienjournalistischen Machern des Bildblog betrieben: Die Bild-Redakteure werden durch penible Korrekturen ihrer täglichen Fehler im Internet der Lächerlichkeit preisgegeben: zu doof, Altersangaben zu machen; unfähig, einfachste englische Sätze ins Deutsche zu übertragen; zu blöd, die Bildinformationen der Fotografen abzuschreiben. Der Bild-Redakteur, wie er täglich von Bildblog präsentiert wird, ist ein Vollidiot, beherrscht weder einfachste journalistische Grundregeln noch die deutsche oder eine andere Sprache.

Diese Sicht auf die Macher der Bild-Zeitung ist zwar allemal sympathischer als die Vermutung, diese Deppen stünden an den Schalthebeln einer gigantischen Manipulationsmaschine. Doch der tägliche Nachweis von deren Blödheit ermüdet. Und er hat zwei Nachteile: Zum einen erklärt er überhaupt nicht den wirtschaftlichen Erfolg der Bild-Zeitung; ökonomisch, so muss man Bild zugestehen, macht das Blatt beinah alles richtig. Zum anderen befriedigt die Vermutung, Bild-Macher (und vermutlich auch -Leser) seien bloß dumm, doch allzu deutlich das Distinktionsinteresse von sich als überlegen wähnenden Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss, die gleichwohl jedoch sozial nicht unbedingt besser stehen. Nur vier Prozent der Bild-Leser haben Abitur, besagt zwar publizistische Forschung, aber auch dieser Befund ist ja nur dazu geeignet, das naserümpfende Vorurteil zu stützen, man selbst sei zu gebildet, zu intelligent und zu fein für die Bild-Zeitung und mithin auch für den Rest der Gesellschaft, weshalb man ökonomisch erfolglos bleibe.

Eine andere Art der Bild-Kritik, die freilich auch oft bei den Bildblog-Machern auftaucht, hat im vergangenen Jahr der Schriftsteller Gerhard Henschel mit seinem Buch Gossenreport vorgelegt. Henschel klagt die Schamlosigkeit an, mit der sich Bild einerseits staatstragend präsentiert, indem etwa Chefredakteur Kai Diekmann dem Papst eine Bibel überreicht, oder indem der selbe Diekmann von seinem "moralischen Gerüst" spricht, das er nutze, "um anständig Zeitung machen zu können" und gleichzeitig presserechtlich verantwortlich dafür ist, wenn die Intimsphäre einer getöteten 13-Jährigen ausgebreitet wird. Henschel beklagt den Skandal, "dass eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung, der Wirtschaft und der Erbverwalter Goethes mit diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert".

Diese grundsympathische Bild-Kritik ermüdet jedoch auch recht bald. Sie ist nämlich bloß moralisch und appelliert an die moralische Haltung hiesiger Eliten. Dabei verweist Henschels häufiger Hinweis auf die höchsten Repräsentanten aus deutscher Politik und sozialem Leben doch gerade auf die Kompatibilität von Bild und Gesellschaft.

Bild reproduziert nämlich bloß alles, was an Rassismen, Sexismen, Nationalismen et cetera in dieser Gesellschaft präsent und virulent ist. Bild spitzt es zu, Bild spricht aus, was andere nicht auszusprechen wagen - aber Bild wandelt sich auch. Dass es einen gehobenen Journalismus für Gebildete und höhere Stände auf der einen - und einen Gossenjournalismus für die Doofen, das Proletariat oder eben die Gosse auf der anderen Seite gebe, ist ein schlechtes Gerücht. 62 Prozent der Bild-Leser sind Männer, und die sind, völlig unabhängig von Bildung oder sozialer Schicht, beinah sämtlich die Zielgruppe für Anzeigen wie "Hier wird´s schmutzig. Tina (85 D) braucht ES hart".

Selbst das Boulevardbedürfnis der "feineren" Gesellschaft wird befriedigt, etwa wenn Bild eine publizistische Sterbebegleitung für den Maler Jörg Immendorff organisiert. Dies ist bloß die feuilletonistische Ergänzung zur Sterbebegleitung für den Schauspieler Klaus-Jürgen Wussow, bei dem das Blatt schon seine Scheidung und Krankheit ausschlachtete, wie es bei Immendorff Gefallen an einer Drogenparty mit Prostituierten gefunden hatte. Auch wenn Bild beispielsweise gegen die von ihm so genannte "Schlechtschreibreform" kämpft, geht es dem Blatt eher um kulturelle Hegemonie und um Akzeptanz bei den Teilen des akademischen Publikums, die um ihre kulturellen Besitztümer fürchten und mit Distinktionsnachteilen rechnen, denn um Auflage.

Die hier vertretene These lautet also: Die Bild-Zeitung manipuliert nicht mehr (so sie das jemals tat); nein, sie ist dazu übergegangen, Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland zu repräsentieren. Mit nur geringer Übertreibung lässt sich konstatieren, dass Bild auf dem Weg zum faktischen Verfassungsorgan ist.

Belegt wird diese These durch jüngste Maßnahmen der Bild-Zeitung, etwa den "Bild-Leserbeirat". Ein 32-köpfiges ehrenamtliches Gremium, das man sich vorstellen kann wie den Rundfunkrat einer öffentlich-rechtlichen Medienanstalt oder den Beirat für Fragen der Inneren Führung der deutschen Bundeswehr, wird berufen und darf sich zweimal jährlich mit der Bild-Chefredaktion treffen. Die Teilnehmer können sich mit Hilfe eines Fragebogens bewerben, so dass ein "Querschnitt der Gesellschaft" entsteht, wie der Springer-Konzern mitteilt, und Kai Diekmann sagt: "Er soll uns bei der Frage unterstützen, welche Themen wir ernster nehmen sollen, was unsere Leser beschäftigt, worüber wir mehr oder weniger berichten müssen." Bild will also nicht mehr publizistisches Angebot an die Gesellschaft sein, sondern ihr publizistisches Abbild.

Daher verleiht Bild auch den "Osgar", live von der öffentlich-rechtlichen ARD übertragen, und alle, die in diesem Land etwas hermachen, sind in feinem Aufzug da: der Bundespräsident, der Dalai Lama, unser aller Franz Beckenbauer und natürlich auch die katholischen und evangelischen Bischöfe.

Daher zieht auch die Bild-Redaktion demnächst nach Berlin, denn dies ist, anders als der jetzige Standort Hamburg, nicht nur die politische, sondern auch die gesellschaftliche Hauptstadt Deutschlands. Hier ist der Ost-West-Gegensatz entlang der Stadtteile zu besichtigen, hier kann man schon mal beim samstäglichen Shoppen in eine Demonstration geraten, und hier sind die für Ausländer geltenden No-Go-Areas mit der S-Bahn zu erreichen. Dass Bild dieses auch durchaus kritisch abzubilden gedenkt, hat sie zu beweisen versucht, als etwa der Popsänger Bob Geldof einen Tag als schwer G-8-kritischer Chefredakteur eine Afrika-Ausgabe gestalten durfte.

Die Macht der Bild-Zeitung rührt aus ihrer Fähigkeit, bei feststehenden Grundüberzeugungen flexibel die Stimmungen in der Gesellschaft einzufangen und abzubilden. Dazu gehört auch, sich in ihr formierende Widerstände früh zu erkennen und zu artikulieren: sei es gegen zu hohe Preise nach der Währungsumstellung ("Teuro"), gegen die neue Rechtschreibung ("Schlechtschreibreform"), gegen Bürokratie ("Bild kämpft für Sie") oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt (Bob Geldof).

Einerseits schwächelt die Auflage, die von der Fünf-Millionen-Marke im Jahr 1982 - trotz Beitritt der DDR ins Bild-Verbreitungsgebiet - auf gegenwärtig 3,4 Millionen fiel. Andererseits aber lässt sich ein Machtzuwachs der Bild-Zeitung konstatieren. Dieses paradox anmutende Phänomen erklärt sich gerade mit der Springerschen Bereitschaft, sich mitunter auch gegen gesellschaftliche Trends zu stellen - sei es die Tüttelchen-DDR oder die transatlantische Solidarität oder die proisraelische Haltung.

Vollständige politische Macht erlangt Bild freilich nicht, und das Blatt ist ja auch schon manchmal in seiner Geschichte gescheitert: Als Bild etwa 1965 seinen Verkaufspreis von zehn auf 15 Pfennige anheben wollte, forderte der Konzern vergeblich, dass die Bundesbank eine 15-Pfennig-Münze in Umlauf brächte. Sogar auf dem bislang sicher geglaubten Feld der Fußballberichterstattung musste Bild eine schwere Niederlage erleiden. Die jahrzehntelange Praxis, die Aufstellung der Nationalmannschaft Bild einen Tag vor jeder anderen Zeitung zukommen zu lassen, kündigte Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Vorfeld der WM 2006 auf. Bild begann eine "Grinsi-Klinsi"-Kampagne gegen Klinsmann, die sie kurz vor der WM jedoch einstellen musste. Bild-Kolumnist Franz-Josef Wagner entschuldigte sich staatstragend bei Klinsmann, und gerade diese Entschuldigung, die Bereitschaft also, flexibel zu reagieren, und Auflagenverluste durch Machtgewinn zu kompensieren, macht die beängstigende Macht der Bild-Zeitung aus.

Bild macht nicht blöd, Bild-Redakteure sind nicht blöd, Bild bedient keine Doppelmoral, nein, es ist alles viel schlimmer: Bild ist Deutschland.


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00:00 06.07.2007

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