Sie kam, um zu bleiben

Stalking Unser Autor wird seit mehr als zehn Jahren von einer Frau verfolgt. Doch das wollte ihm zunächst keiner glauben. Er sei eben ein attraktiver Mann, sagten Freunde

Der Polizeibeamte grinste. „Ich wäre froh, wenn eine schöne Frau vor meiner Türe stünde“, sagte er, als ich eine Anzeige aufgeben wollte. Ein Stalkingopfer kann nicht so aussehen wie ich, dachte er wohl. Ein großer Mann will eine kleine Frau anzeigen? Ob wir eine „intime Beziehung“ hätten, fragte er noch. Mein Nein kommentierte er mit einem ungläubigen Blick. Ähnlich wie mit dem Polizisten ging es mir anfangs mit meinen Freunden. Ich sei eben ein sehr gefragter Typ, witzelten sie.

Es begann vor gut zehn Jahren. Sie sprach mich auf einer Party in Augsburg an, eine freundliche, gutaussehende Frau Ende 30. Nach einem kurzen Wortwechsel hatte ich mich verabschiedet. Ein paar Tage später bekam ich eine Mail. Sie muss irgendwie meine E-Mail-Adresse herausbekommen haben. Zuerst schrieb sie mir einmal die Woche, dann mehrmals täglich. Anfangs waren es harmlose Sätze. Dann gestand sie mir ihre Liebe: Sie könne ohne mich nicht mehr leben. Ich habe ihr geantwortet und geschrieben, dass ich ihre Gefühle nicht erwidere. Aber man könne ja in Kontakt bleiben. Das meinte ich damals ernst, denn ihre Mails waren intelligent und witzig. Als vergangene Woche Angela Merkel von einem Stalker belästigt wurde, weil sie auf seine Briefe nicht reagiert hatte, fiel mir mein erster Fehler wieder ein: Man darf einem Stalker kein Zeichen geben, dass dieser als Ermunterung verstehen könnte.

Als damals immer mehr Post von der unbekannten Frau kam, hörte ich auf zu antworten. Wirklich beunruhigt war ich aber nicht. Irgendwann werde sie das Mailschreiben satt haben, dachte ich.

So viele Männer wie Frauen

Anfangs habe ich oft mit meiner Stalkerin geredet und viel argumentiert. Später habe ich sie beschimpft und mich schließlich vor ihr versteckt. Doch jedes Mal zeigte ich ihr damit, wie wichtig sie in meinem Leben geworden war. Ich lernte: Jede Reaktion bestärkt Stalker. Sie gieren nach Beachtung, brauchen das Gefühl, Einfluss auf das Leben ihres Opfers zu haben.

Ein paar Jahre später schrieb ich ein Buch über Stalking, es war wie eine Therapie. Ich wollte Betroffene vor den Fallen warnen, in die ich selber getappt war. Im Laufe meiner Recherchen lernte ich viele Männer kennen, die ebenfalls gestalkt wurden und fand heraus, dass die Zahl der Stalkingopfer unter Männern und Frauen etwa gleich groß ist. Während Frauen jedoch die Bedrohung publik machen, wagen sich Männer seltener nach draußen. Sie können in der Regel mit weniger Verständnis rechnen als weibliche Stalkingopfer. Es fällt ihnen auch schwer, die Rolle des Verfolgten zu akzeptieren. Sie müssen sich dadurch eingestehen, dass sie sich – entgegen dem gängigen Rollenmuster – von einer Frau einschüchtern lassen.

Meine Stalkerin hat nie aufgehört, mir zu schreiben. Eines Tages stand sie vor meiner Haustür. Unangemeldet. Es war nicht ein einfacher Besuch in der Nachbarschaft. Sie lebte damals in Taiwan, war bei einem multinationalen Konzern in führender Position angestellt. Sie sei zufällig in der Stadt und wolle mich nur kurz besuchen, sagte sie. Ich wollte sie aber nicht in meine Wohnung lassen, versuchte sie abzuwimmeln – schließlich tranken wir einen Kaffee in der Kneipe um die Ecke. Das Gespräch verlief normal. Nach zwei Stunden verabschiedete sie sich, bestellte ein Taxi und fuhr davon. Ich ging mit einem guten Gefühl nach Hause. Alles schien geklärt.

Zwei Monate später klingelte sie wieder an meiner Tür. Ein großer Koffer stand neben ihr. Diesmal war sie gekommen, um zu bleiben. Ich war nicht überrascht, denn sie hatte ihren Besuch angekündigt. Von Anfang an hatte sie mir detailgetreu ihren Tagesablauf erzählt, und so hatte sie mich auch darüber informiert, dass sie nach Deutschland fliegen werde. Fluglinie und Ankunftszeit standen in der Mail – mit der Aufforderung, sie am Flughafen abzuholen. Sie betrachtete sich als meine Frau. Sie habe, auch das schrieb sie, das gleiche Recht in meiner Wohnung zu leben wie ich.

Sie stand vor meinem Bett

Genau das sagte sie auch zwei Jahre später bei ihrer Festnahme der Polizei. Sie war in meine Wohnung eingebrochen, sie stand eines Morgens vor meinem Bett. Erst nach einem Handgemenge gelang es mir, sie aus der Wohnung zu drängen. Ich schob sie vor mir her, sie hielt sich an mir fest und schlug um sich. Alles, was sie zu greifen, bekam landete auf dem Boden – Bücher, Vasen, Tassen, meine Kaffeemaschine und das Faxgerät. Trotzdem war ich auch erleichtert über den Einbruch. Endlich war die Polizei gezwungen, mich ernst zu nehmen.

Dass mir meine Stalkerin über Jahre hinweg täglich vor meiner Tür auflauerte, Klingelterror veranstaltete, die Post aus meinem Briefkasten stahl und – sobald sie nach Taiwan zurückgekehrt war – mich fast jede Nacht anrief, war für die Polizei kein Anlass zum Handeln gewesen. Nach und nach verstummten auch die Witzeleien meiner Freunde, sie nahmen mein Pro­blem nun ernst.

Inzwischen werde ich seit mehr als zehn Jahren gestalkt. Seit ich offensiver damit umgehe und aufgehört habe, mich zu verstecken, hat sich auch ihr Verhalten verändert. Sie scheut die direkte Konfrontation, als spüre sie, dass sie keinen Einfluss mehr auf mein Leben hat. Auf der Straße hält sie nun mehr Abstand, und ihre „Besuche“ in Deutschland sind seltener geworden. Dabei hätte sie nun mehr Zeit: Ihr wurde gekündigt, als sie vor einigen Jahren von einer ihrer Stalking-Touren zurückkam und einfach nicht mehr bei der Arbeit erschien. Nur die Flut der Mails hat nicht abgenommen. Gerade eben bekam ich wieder Post – sie ist von ihr.

Rasso Knoller, 51, ist Journalist in Berlin. 2005 erschien von ihm das Buch Stalking. Wenn die Liebe zum Wahn wird. Danach arbeitete Knoller einige Zeit in einer Selbsthilfegruppe mit

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12:00 09.11.2010

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