Sie* kann Polizei

Alltagsrassimus Mal zart poetisch, mal rotzig: Der Roman von „taz“-Autor*in Hengameh Yaghoobifarah ist richtig gut
Sie* kann Polizei
„All cops are berufsunfähig“, schrieb Hengameh Yaghoobifarah im Juni 2020

Foto: Tarek Mawad

Letzten Sommer verglich Hengameh Yaghoobifarah in einer aufsehenerregenden taz-Kolumne deutsche Polizisten mit Müll. Diesen Winter folgt der Debüt-Roman. Die auserzählte Fantasie über eine auf Müllkippen verstreute Polizei, die manche gefürchtet oder sich erhofft haben mögen, bleibt aber aus. Gut so. Nachdem aus der angedrohten Anzeige Horst Seehofers nichts wurde und sich die Empörung bei Polizeigewerkschaften und insgesamt gelegt hatte, war das Thema aus-skandalisiert.

Zumindest bis Yaghoobifarah auf prominent platzierten Werbeplakaten des West-Berliner-Edelkaufhauses KaDeWe auftauchte. Ob man nun glaubt, da werde Haltung verraten oder der Kapitalismus von innen subvertiert, ist fast egal. Denn „Clout“ (neu für „Aufmerksamkeit“) gab es so oder so. Jetzt, wo das kulturelle Stadtgespräch in Berlin/im Land so abgeflaut ist, ein sehr guter Grund, Yaghoobifarahs Romandebüt zu lesen. Die Enttäuschung, dass es nicht so skandalträchtig weitergeht, wird nur kurz anhalten. Denn Ministerium der Träume ist ein richtig gutes Debüt. Die ungenierte Motzigkeit aus den Kolumnen weicht darin Tiefgang und Einfühlungsvermögen. Das hat man so noch nicht von Yaghoobifarah gelesen. Mit Feingefühl serviert Yaghoobifarah den Leser*innen auf 384 Seiten einen empathischen Zugang zu einem der größten gesellschaftlichen Probleme von heute: Alltagsrassismus.

Im Zentrum des Romans steht Türsteherin Nasrin, aus deren Perspektive erzählt wird. Sie ist Mitte 40, queer – und manchmal gewinnend selbstbewusst: „Knurrenden Lesben gehört das Universum.“ Eine Mischung aus cool (weil sie einen sorglosen Sex/Drugs/Rock’n‘Roll-Lifestyle lebt) und traurig (weil sie ihre Traumata nicht in den Griff bekommt). Sie lebt heute in Berlin, als Kind wanderte sie aus dem Iran ein. Die Familie flüchtete in den 1980er Jahren vor dem Ersten Golfkrieg, im Zuge dessen wurde ihr Vater ermordet. Die Lücke, die dadurch in die Familie gerissen wurde, wirkt auf jeden Aspekt ihres Lebens ein. Die Armut in Deutschland, die ewig trauernde, herrische und homophobe Mutter, die Depression ihrer Schwester – Nasrin trägt in vieler Hinsicht eine schwere Last.

Jede Menge Musik-Referenzen

Die Geschichte setzt ein, als ihre Schwester plötzlich bei einem rätselhaften Autounfall ums Leben kommt und Nasrins Leben sich grundlegend ändert. Ihre zuvor verdrängte Familiensituation rückt nun wieder in den Fokus, da sie zum Vormund für ihre 14-jährige Nichte wird und ihre vorwurfsvolle Mutter erneut viel Raum einnimmt. Die unerwartete familiale Präsenz triggert Nasrins Kindheitstraumata. Im Wechsel erzählt sie vom Jetzt und vom Damals – und wie sie sich immer wieder in Albträumen und Halluzinationen verliert.

Zwischen unverfrorener Umgangssprache und poetischer Zartheit oszillierend, wird so die Geschichte einer schwierigen Migrationserfahrung aufgerollt. In der von Musik-Referenzen strotzenden Erzählung stellen Rassismus und Homophobie die Baseline für einen biografischen Track. Sie prägen alles mit, was Nasrin erlebt. Traurig und kunstvoll lässt Yaghoobifarah Hass gerade dann unkommentiert auftauchen, wenn er den größten Schmerz zufügt. Nasrins erste Jugendliebe zum Beispiel kommt aus einer rassistischen Familie. „Für ihre Oma waren Menschen wie ich Gesindel“, erzählt Nasrin. Das Mädchen, in das sie verliebt ist, flüchtet nicht nur vor deren romantischer Annäherung, sondern reproduziert den Rassismus ihrer Familie, indem es sich „unpolitisch“ gibt.

Wie man es von Yaghoobifarah erwarten würde, spielen schlechte Erfahrungen mit der deutschen Polizei eine große Rolle in diesem Universum. Ohne Polemik macht sie Ausgrenzungen durch die Institution Polizei für „Menschen wie sie“ sichtbar. So in einem weiteren Beispiel: Nasrin und ihren Freunden werden auf einen Jahrmarkt von einer Gruppe Neonazis Prügel und Vergewaltigung angedroht. Ihr stiller Hilferuf (durch Blicke und lautlos mit den Lippen geformte Worte) an einen Polizisten in der Nähe wird ignoriert. „Als wäre nichts auffällig an einer Gruppe von Ausländern, die von fünf Glatzköpfen in eine dunkle Ecke gedrängt wurde.“ Die schmerzhafte Hilflosigkeit dieser Situation empfindet man nach, ohne darüber nachdenken zu müssen. Das ist eine der großen Stärken dieses Romans: Er empathisiert seine Leser*in. Diese ignorante Gleichgültigkeit geht den Leser etwas an. Ohne dass Nasrin ihre Wut explizit thematisieren muss, ärgert man sich über die unsensiblen Polizeibeamten, die später im Gespräch über die Ermittlungen zum Tod ihrer Schwester zwinkern, lachen, „Araber“ als pauschal kriminell abstempeln und sogar ohne Grund festnehmen. Man hat das Gefühl, durch das Lesen diejenige „agency“ zu bekommen, die man auch ohne eigene Migrationserfahrung im Gesamtzusammenhang der gesellschaftlichen Debatte immer nutzen sollte: selbst eine kritische Position einzunehmen zu einem System, mit dem man selbst vielleicht noch keine schlechten Erfahrungen gemacht hat.

„Ich bin Butch Medusa, und ich paralysiere alle, die meinen Blick erwidern.“ Nasrin ist eine starke Frau und Erzählerin, die trotz und gegen ihr Trauma ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt. Die zweite Hälfte des Romans avanciert zu einem spannenden Whodonit-Krimi, in dem Nasrin und ihre Freunde (allesamt „Ausländer“) den Tod ihrer Schwester erfolgreich in Eigenregie aufklären. Indem sie strategisch handfeste Beweise gegen Verbrecher aus dem rechten Milieu sammeln, führen sie die vorurteilsbehaftete, stümperhafte Polizeiarbeit vor. Wer darin eine Ehrverletzung derselben sieht, hat den Punkt immer noch nicht geschnallt: Gerechtigkeit schaffen ist einfach kein Prärogativ von weißen Deutschen. Die Perspektive der Opfer, mit all ihren schmerzhaften systemischen Diskriminierungserfahrungen, ist unerlässlich für die zukünftige angemessene Polizeiarbeit. Miteinander, nicht gegeneinander.

Info

Ministerium der Träume Hengameh Yaghoobifarah Aufbau Verlag 2021, 384 S., 22 €

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