Sie kaufen deinen Ekel

Sex Der „Hurentag“ am 2. Juni erinnert an die Diskriminierung von Prostituierten. Eine Aussteigerin erzählt

Neulich wurde ich gefragt, woran man einen Freier erkennt, und da musste ich zugeben: Wenn er nicht gerade im Puff vor dir steht und mit einem Hunni wedelt, gar nicht. Nein, auch ich erkenne Freier in der freien Wildbahn nicht, auch nach zehn Jahren Prostitution nicht. Das liegt daran, dass es, wie man so häufig hört, wirklich „ganz normale Männer“ sind, was jetzt und hier aber nicht als Beruhigung gemeint ist. Fragt man Männer, ob sie schon mal im Puff waren, lügen sie einen meist an („Würde ich nie tun“) oder erzählen einem das Märchen „Ich war nur ein einziges Mal, und es war so schlimm“. Und ja, ich sage „Freier“ – das kommt von „jemanden freien“, wie „auf Freiersfüßen wandeln“ – und ist damit ein Euphemismus für sexuellen Missbrauch, den die Freier in der Prostitution ja betreiben, und eines von vielen Beispielen dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sexuelle Gewalt gegen Frauen akzeptiert, normalisiert und kleinredet.

„Na, hast du Angst jetzt?“

Merkwürdigerweise wird über die Menschen, die diese Gewalt ausüben, wenig gesprochen. Es geht beim Thema Prostitution meist um die Frauen, die das „machen dürfen sollen“. Ich höre dann immer von all den „selbstbewussten, netten, sympathischen Huren“, die irgendjemand kennt, was aber gar nichts aussagt. Denn ich kenne auch einige „selbstbewusste, nette, sympathische“ Hartz-IV-EmpfängerInnen, was mich nicht davon abhält, das System Hartz IV abzulehnen. Prostitution abzulehnen bedeutet nicht, Prostituierte abzulehnen, sondern das System Prostitution verstanden zu haben – ein System, das die Freier erst begründen, durch ihre Nachfrage.

Aber wie sind Freier denn so? Vorab: Die Geschichten von all den behinderten Männern, die Prostitution brauchen, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen, sind nicht wahr. In zehn Jahren Prostitution hab ich keinen einzigen behinderten Freier gehabt, davon mal abgesehen ist es diskriminierend, Behinderten zu unterstellen, es wolle eh niemand freiwillig mit ihnen Sex haben. Ebenfalls nicht wahr ist, dass „viele nur zum Reden kommen“. Das war in all der Zeit bei mir genau ein Freier. Diese Begründungen dienen augenscheinlich dazu, Männer als Opfer darzustellen und schönzureden, was sie im Bordell tun.

Wie Freier so sind, ist völlig unterschiedlich. Ich hatte Freier, die wollten mich an der Scheibe eines Hochhauses vögeln und danach gern anspucken, auf allen vieren krabbeln lassen und mir ins Gesicht spritzen. Ich hatte Freier – sehr viele –, die mich gefragt haben: „Was kostest du?“, und damit eingestanden haben, dass es sich nicht um Sex-, sondern um Frauenkauf handelt. Ich hatte Freier, die haben mich auf so eine widerliche Art angegrinst, wenn sie merkten, dass ich Schmerzen hatte, die haben es geliebt, meine Grenzen zu überschreiten und zu tun, was nicht abgemacht war. Freier, die mir ihren Waffenschrank zeigen wollten, als sie mit mir und ihren zwei Riesendoggen in ihrem Haus allein im Wald waren, und die es mochten, mich immer wieder zu fragen: „Na, hast du Angst jetzt?“ Es hat Freier gegeben, die waren von sich selbst und von ihren sexuellen Leistungen derart überzeugt, dass sie mir unterstellten, ich würde mich schämen, „dafür auch noch Geld zu nehmen“, denn ich hätte doch „auch was davon gehabt“. Es gab Freier, die haben an den Preisen rumgehandelt und mir, wenn ich mich nicht runterhandeln ließ, vorgeworfen, es ginge mir nur ums Geld und ich solle „wieder Mensch werden“. Ganz so, als seien Prostituierte eine Art Caritas-Station für Männer. Bevor jetzt jemand denkt, ich hätte auf dem Straßenstrich gestanden und beschriebe hier nur das unterste Ende der Skala des Freier-Niveaus: Diese netten Herren sind mir alle im Wohnungsbordell beziehungsweise im Escort untergekommen.

Aber Freier reden nicht nur über Prostituierte so, sondern auch über andere Frauen und über ihre Partnerin. Denn ja: Sehr viele Freier sind gebunden – ich schätze, über die Hälfte. Manche sagen, sie hätten (noch) schönen Sex mit ihrer Partnerin, aber sie bräuchten die Abwechslung. Das sind die selbsternannten „Genießer“, die Frauenkörper konsumieren wie guten Wein. Viele haben keinen Sex mehr mit ihrer Partnerin und kommentieren dann, die Frau würde sich ihnen „verweigern“, sei „prüde“ und jetzt „selbst schuld“, wenn er zu einer Prostituierten gehe, er werde ja von ihr „dazu gezwungen“. Manche haben mir erzählt, dass ihre Ehefrau „leider“ die vorgeschlagenen Praktiken ablehne, was sie sehr traurig mache, aber irgendwo müssten sie diese ja dann ausleben.

„Du bist zu gut für den Puff“

Obwohl für den Freier beide, Prostituierte und Ehefrauen, dazu da sind, ihm Sex zu offerieren, unterscheiden Freier genau zwischen beiden. So wurde mir immer wieder gesagt: „Du bist zu gut für den Puff, du gehörst hier nicht hin“, was impliziert, es gäbe Frauen, die nicht gut genug sind (um Ehefrau zu sein?) und in den Puff gehören. Ihre Frauenverachtung aber trifft beide, Partnerin und Hure. Sie trifft alle Frauen.

Warum also machen Männer das? Manche sind einfach Sadisten, die Frauen hassen und ihnen gern mal eine „Lektion in Sachen Hardcorefick erteilen“ wollen. Manche sind arme Würstchen, die es nötig haben, einer Prostituierten ihre Männlichkeit zu beweisen. Manche sind „Romantiker“, die eine Art Verbindung herstellen wollen, eine Beziehung, eine Romanze. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie denken, sie hätten ein Recht auf Sex, ihnen wohnt eine gewisse Frauenverachtung inne und sie orientieren sich an einem Bild von Männlichkeit, das vor toxic masculinity trieft. Aber vor allem: Sie wissen oder könnten wissen, dass diese Frauen sich nicht freiwillig und gern unter sie legen. Es ist ihnen schlicht egal. Das entspricht meiner Erfahrung. Als ich im Escort war, zeigten sich viele überrascht, dass ich keinen „Chef“ beziehungsweise Zuhälter hatte, so sehr waren sie daran gewöhnt.

Wer nun glaubt, ich redete hier von einer Minderheit, von einer geringfügigen, kleinen Anzahl kranker Männer, der irrt. Je nachdem, welche Statistik man befragt, geht in Deutschland entweder jeder fünfte Mann zu Prostituierten oder drei von vier Männern. Errechnet werden konnte, dass jeden Tag (!) 1 bis 1,2 Millionen Männer in deutsche Puffs gehen. Die Psychologin Melissa Farley hat in einer Studie herausgefunden, dass Freier deutlich häufiger Vergewaltigungen begehen als Nichtfreier. Daraus lässt sich schließen, dass Prostitution einen Lerneffekt auf Männer ausübt, nämlich den, dass Gewalt gegen Frauen unter bestimmten Umständen okay ist. Nicht nur, dass in der Prostitution viele missbrauchte Frauen landen, sie erleben dort noch weitere Gewalt, und die Freier nehmen von ihrem Besuch bei Prostituierten eine gesenkte Hemmschwelle mit.

Prostitution ist das Gegenteil von sexueller Selbstbestimmung. Die Freier wissen das, und das macht sie an, oder sie wissen es nicht, könnten es aber wissen, oder sie verdrängen es. Kurz: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Männer darauf stehen, wenn Frauen ihren Ekel unterdrücken müssen, und in der ihnen das bestenfalls egal ist? Freier zahlen für das Nichtvorhandensein der Würde, des Ichs und des Willens einer Frau, und die Frage ist, warum wir eigentlich eine Institution brauchen, die ihnen Derartiges ermöglicht.

Huschke Mau war jahrelang Prostituierte und schreibt darüber unter Pseudonym. Eine Langfassung erschien im Blog huschkemau.de

06:00 02.06.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 116

Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt