Sie konnten sich nicht helfen

Erinnerungen im Gepäck Ivan Ivanijs Roman "Die Tänzerin und der Krieg" resümiert ein Leben auf dem Balkan

Autobiographische Linien durchziehen und strukturieren das umfangreiche erzählerische Werk des serbisch-jüdischen Schriftstellers Ivan Ivanji, der 1929 in Betschkerek im Banat geboren wurde und heute als Schriftsteller und Übersetzer in Belgard und Wien lebt. Während in früheren Romanen die eigenen Erfahrungen in Auschwitz und Buchenwald, im Partisanenkampf im besetzten Donauschwaben und bei der Ausformung des politischen Status Jugoslawiens den Stoff lieferten, ist es im jüngsten Roman Die Tänzerin und der Krieg nun der Lebensweg seiner Frau Dragena, der als Folie der Handlung dient.
Das Familienalbum der ehemaligen Tänzerin und Schauspielerin wird aufgeblättert und detailliert wiedergegeben. In der spürbaren Nähe zu dieser Geschichte, die ja auch in Teilen die des Autors ist und in vielen Anekdoten und Intimitäten aufscheint, liegen Charme und Mängel des Romans begründet. Man kann sich gut vorstellen, wie Ivanji und seine Frau im Gespräch alte Zeiten wiederaufleben ließen, diese und jene Erinnerung austauschten und für wert befanden, in den Roman Eingang zu finden.
Das funktioniert teilweise am Anfang des Romans und in hoher Perfektion im letzten Drittel, aber das lange Mittelstück verliert sich in den Seufzern, Betulichkeiten und im sentimentalen Rückblick auf die Stationen einer Karriere. Es liegt die Vermutung nahe, dass der Autor immer dann nicht zu seiner atmosphärisch dichten, pointierten Sprache findet, wenn er nur als Sprachrohr einer anderen Erfahrung fungiert und wenn ihm sein Thema - der Krieg und die Folgen - aus dem Blickwinkel gerät.
Schon etwas umständlich gerät der Anfang des Romans, der die Kindheit der Titelheldin und ihre verwickelten Familienverhältnisse schildert. Die rothaarige Daria aus einer Belgrader Handwerkerfamilie erregt mit ihrer großen Phantasie und vor allem mit ihren schönen Beinen schnell das Interesse ihrer Umgebung. In leicht betulichem Stil wird im schnellen Wechsel mit Einblendungen aus der Erzählergegenwart vom unmöglichen, aber liebevollen Vater, von der Möbel bemalenden Großmutter, der Herkunft der Urgroßeltern (Seifensieder in Wien), den nicht immer unbeschwerten Tagen eines kleinen Mädchen und seiner schwindsüchtigen Mutter berichtet. "Mutter war die erste Tote, aber danach begannen alle lieben Menschen aus Darias Leben zu verschwinden." Die Oma stirbt während der deutschen Besatzungszeit, der Vater geht in den Wald zu den Partisanen und kommt nicht wieder, Onkel Noah, ein surrealistischer Maler, wird vermutlich von missgünstigen Kameraden liquidiert. Daria kommt ins Heim, in ein, wie sie findet, "kommunistisches College". Sie darf die Ballettschule besuchen und damit beginnt eine Karriere, die sie über Provinzbühnen an große Häuser bis hin zu einem kurzen Gastspiel an der New Yorker Met führt. Erste Filmrollen, eifersüchtige Verehrer und liebe Freundinnen auf den Brettern, die die Welt bedeuten sollen - hier wird es privat, auch wenn zuweilen der Blick auf die Veränderungen der Gesellschaft geworfen bleibt. Doch letzterer streift nur die Oberfläche, zählt auf und hakt ab, ohne Spannungsbögen und Tiefenschärfe.
Ganz anders dann eben der letzte Teil des Romans, der dem Titel auch wieder gerecht wird. Nun geht es nicht mehr um den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit, sondern um den sogenannten "Balkankonflikt". Aus der Sicht eines Serben und eines Mannes, der mit seiner Frau die Bombardierung Belgrads und den Kampf um Sarajevo selbst miterlebt hat, beschreibt Ivanji den grausamen Alltag des Krieges, das Leben in den Luftschutzkellern, den Tod auf der Straße durch die Scharfschützen, den Alptraum der Giftgasalarme und Volltreffer: "Obwohl die beiden sich nichts so sehr wünschten wie das Ende des Regimes in ihrer Heimat, identifizierten sie sich mit der Verteidigung, haßten Angreifer dort oben. Sie wussten, das ist ein Widerspruch, aber sie konnten sich nicht helfen." In der schmucklosen Sprache des Reporters vermittelt er die grotesken und bedrängenden Bilder von blinkenden Verkehrsampeln inmitten einer toten Stadt, vom eingeklemmten, kopfüber in den Trümmern hängenden Bombenopfer, dem die Beine vor Ort amputiert werden, von Geburten und Todesstunden im Krankenhaus von Sarajevo, aber auch von tanzenden Jungen und Mädchen auf dem Häuserdach, mit denen die alte Ballerina kleine Choreographien einstudiert. Das sind ergreifende Szenen, hart und genau geschrieben, große Gefühle, große Kunst. Um sie lesen zu können, lohnt es sich, diesen Roman zu kaufen.

Ivan Ivanji: Die Tänzerin und der Krieg. Roman. Picus Verlag, Wien 2002. 282 S., 18,50 EUR


00:00 12.07.2002

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