Sie kriechen, legen Eier, es wird messy

Kunst Wangshuis erste Einzelausstellung in Europa dramatisiert den Akt der Betrachtung
Anika Meier | Ausgabe 39/2019

Beim Betreten ist man zunächst irritiert: Wer oder was wird da überwacht? Eine tischähnliche Konstruktion schwebt im Raum, daran sind Kameras befestigt. Erst wenn man ganz nah dran ist und sich nach vorn beugt, erkennt man, dass sich echte Seidenraupen über eine verschachtelte Metallkonstruktion bewegen, die wie ein gehobenes Fitnessstudio im Miniaturformat aussieht, es sind tatsächlich Teile von Badezimmer-Armaturen. Die Seidenraupen werden zu Performern, sie durchleben während der Laufzeit der Ausstellung des chinesischen Künstlers Wangshui bei der Julia Stoschek Collection unter dem Titel Gardens of Perfect Exposure einen Verwandlungsprozess. „Eigentlich fressen sie den ganzen Tag“, erzählt Kuratorin Lisa Long. Morgens und abends werden sie mit Maulbeerpastete gefüttert, sie fressen, bis sie sich verpuppen und als Motten aus dem Kokon schlüpfen. Zwischendurch legen sie Eier, es wird messy. Seidenraupen sind derweil nicht mehr in der Natur zu finden, nur noch in gezüchteter Umgebung. Im Ausstellungsraum werden sie jetzt zur Metapher für die freiwillige und gleichzeitig unfreiwillige Zurschaustellung des Menschen in vermeintlich intimen Momenten im digitalen Zeitalter.

Fliegt hier, Drachen!

Die 1988 in Kalifornien geborene Lisa Long kuratiert das Jahresprogramm Horizontal Vertigo der Julia Stoschek Collection. Es folgt keinem übergeordneten Thema, es geht um „feministische, queere und dekoloniale Perspektiven“. Der Fokus bei der Unternehmerin Stoschek liegt seit Eröffnung der Privatsammlung in Düsseldorf 2007 auf Medienkunst. Seit 2016 gibt es eine Berliner Dependance.

Wangshuis erste Einzelausstellung in Europa dramatisiert den Akt der Betrachtung und fordert Besucherinnen heraus, sich den Werken zu nähern, um sie herumzugehen oder sie überhaupt erst zu entdecken. Da hängt im zweiten Raum eine gedruckte Schlangenhaut-Skulptur in der Ecke, die aber nur bemerkt, wer sich vor dem Durchqueren noch einmal umdreht und dann bereit ist, umzukehren.

From Its Mouth Came a River of High-End Residential Appliances zeigt Wolkenkratzer mit faszinierenden Durchlässen am Südchinesischen Meer, die wie gigantische Fernseher aussehen. „Die Löcher werden als Drachentore bezeichnet, die den Fabelwesen auf ihrem Flug von den Bergen zum Meer als Zugang dienen. Sie sollen dafür sorgen, dass die Lebensenergie zwischen natürlicher und gebauter Umgebung angemessen fließen kann“, erklärt der Text zur Ausstellung. Die Video-Installation erinnert an die kulturelle Praxis des Feng-Shui, das mit der Kulturrevolution in China verboten wurde. Mit Weak Pearl wird eine neue Arbeit präsentiert, die vor sich hin blinkt wie Außenwerbung in Großstädten. Es handelt sich um durchsichtige LED-Bildschirme, die sonst im Außenraum verwendet werden. In der Ausstellung hat die Video-Installation mit ihrem Lichtspiel eine hypnotische Wirkung. Zu sehen sind eine animierte Krakenzunge und Handyaufnahmen, beides verschmilzt miteinander.

Die Ausstellung ist eine Herausforderung, weil Wangshuis Arbeiten nicht routiniert erfasst werden wie Bilder auf einem Smartphone-Screen, sie verlangen nach Fähigkeit zur Introspektion. Statt vor einem Bildschirm zu sitzen, ist der Betrachter von Bildschirmen umgeben.

Info

Horizontal Vertigo: Wangshui Julia Stoschek Collection Berlin und Düsseldorf, bis 15. Dezember 2019

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