Sie rechnen damit, dass es wieder los geht

Fragwürdig RAF-Hype auf allen Kanälen - vielleicht, weil das politische Bürgertum schon immer gerne zur Waffe gegriffen hat

Seit Monaten werden der Deutsche Herbst 1977 und die Geschichte der RAF als medialer Dauerbrenner auf hoher Flamme gehalten - zuletzt mit einer zweiteiligen ARD-Dokumentation vergangenes Wochenende. Doch in den siebziger Jahren, findet der Marburger Politikwissenschaftler Georg Fülberth, waren es andere Ereignisse, die die Geschichte nachhaltig bestimmten, während das Mantel-und-Degen-Stück der RAF-Desperados nur ein folgenloses - wenn auch blutiges - Intermezzo war.

Das sieht Peter O. Chotjewitz, der als Wahlverteidiger von Andreas Baader den siebten Stock in Stammheim kennt, anders, für ihn waren die Ereignisse 1977 politisch folgerichtig. Bürgerlich an der RAF, meint er, sei deren Kampfgeist gewesen, den sie mit der jakobinischen Tradition des Bürgertums teilt, auch wenn sich die Befreiungsstrategie der siebziger Jahre heute erledigt hat.

Die anderthalb wesentlichen Neuigkeiten in Sachen RAF, die der NDR diese Woche in seiner zweiteiligen Dokumentation verbreitete, würden normalerweise in eine 60-Sekunden-Meldung passen. Die halbe: Rolf Heißler und Stefan Wisniewski hätten Hanns-Martin Schleyer von hinten erschossen. Auch das ist nur eine Tatsache, wenn man dem notorischen Lügner Peter-Jürgen Boock Glauben schenkt, weil man sonst nicht einmal einen "Zeugen vom Hörensagen" hätte. Die ganze Neuigkeit ist ebenso fragwürdig wie die halbe und besagt, Geheimdienstler hätten per Lauschangriff mitangehört, wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sich zum Selbstmord verabredeten. Sie wird auch nicht weniger fragwürdig durch die vom NDR verbreitete Mitteilung, die Lauschaktion werde noch heute als geheim, teilweise sogar streng geheim eingestuft, die Informanten müssten anonym bleiben und bei keiner Behörde seien "angeblich Akten über die Maßnahme erhalten geblieben."

Natürlich haben sich auch die Autoren der Doku, Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust und Spiegel-TV-Autor Helmar Büchel, in ihren Formulierungen abgesichert. Aber geht es den zwei kleinen Detektiven wirklich um den Skandal, dass die drei prominentesten Angeklagten der siebziger Jahre vor den Ohren des großen Krisenstabes ihren Selbstmord angekündigt hätten? Der Skandal wäre unerheblich, wenn es nur darum ginge. Schon im Vorfeld des 18. Oktober 1977 hatten Anstaltsbedienstete, Pfarrer, Ärzte und ein BKA-Agent gemeldet, die drei Gefangenen seien akut suizidgefährdet. Politische Stellen wurden davon unterrichtet, und ein Bischof wandte sich deshalb sogar an den Bundesjustizminister.

Auch über die Art, wie der Selbstmord begangen werden sollte, war man bereits vor der Tat unterrichtet. Schon bald nach seiner Festnahme hatte ein gewisser Volker Speitel (Überläufer oder Spitzel: egal) die Bundesanwaltschaft davon unterrichtet, dass die Stammheimer Gefangenen in ihren Zellen über Handfeuerwaffen verfügten. Für viele war es also schon lange klar, dass der Staat quasi zugesehen hatte, wie in Stammheim ein dreifacher Selbstmord verübt wurde. Was also will der NDR? Will ausgerechnet der Spiegel der Bundesrepublik Tötung durch Unterlassen vorwerfen?

Die Vermutung liegt nahe, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Erneuert werden soll vielmehr die nie ganz zweifelsfreie Behauptung, die Gefangenen hätten tatsächlich Selbstmord begangen und der Staat die erforderliche Entschlossenheit gezeigt, als er eben dies zuließ - vielleicht sogar begünstigte und unterstützte.

Andererseits, zugeben: Auch die Staatsschutzversion, die Aust und Büchel nur recyceln, ist aufschlussreich. Sie zeigt, mit welchen finanziellen, publizistischen, polizeilichen, juristischen, architektonischen und politischen Mitteln die RAF bekämpft und nach 28 Jahren zur Kapitulation gezwungen wurde (Methoden, die natürlich auch gegen andere bewaffnete Gruppen angewandt wurden). Sie zeigt ferner: Ohne Kommissar Zufall und Denunzianten ist auch ein technisch hochgerüsteter Polizeiapparat ineffektiv, und ohne das probate Mittel des Selbstmords im Gefängnis wäre kein Gericht in der Lage gewesen, die Gefahr endgültig zu bannen.

Vor allem aber offenbart sich: Viele Köche verderben den Brei. Je mehr Zeugen und Beweismittel der Staat aufbieten lässt, um seine Version zentraler Ereignisse dieses Krieges des bürgerlichen Staates gegen seine bis dato gefährlichsten Widersacher in die Köpfe einer überwiegend gutgläubigen Gesellschaft zu hämmern, desto auffälliger werden die Widersprüche und Unglaublichkeiten: der berühmte Kassiber- und Waffenschmuggel der Anwälte, Ulrike Meinhofs angeblicher Todeswunsch, die vorgebliche Führungsstruktur der RAF.

Von allen Einwänden gegen die Guerilla, wie sie seit den späten sechziger Jahren auftrat (Blues, Rote Zora, RAF, "revolutionäre Strommastensäger"), war am albernsten stets der, dass der bewaffnete Kampf hätte vermieden werden können. Statt zur Knarre zu greifen, hätte der Wessidissi, wenn er schon unbedingt links sein wollte, in die SPD eintreten können, am besten aber in eine antizionistische oder maoistische Gruppe. Dann hätte er 1998 vielleicht sogar Bundesminister werden können. Nee. Wer je das Privileg genoss, vor 30 Jahren mit einem Kader der RAF zu parlieren, kann eins bestätigen: Wer damals den bewaffneten Kampf für sinnvoll hielt, war beratungsresistent wie ein Generalstaatsanwalt.

Wichtiger freilich ist der politische Standpunkt des jeweiligen Besserwissers. Man kann nicht mit einem sozialdemokratischen Parteibuch beweisen, dass der Versuch der RAF, die Verhältnisse zu stören, von Anfang an aussichtslos war. Wer inzwischen bei den Grünen oder der Linkspartei gelandet ist, sollte niemandem vorwerfen, keine revolutionäre Perspektive zu haben. Wer bereit ist, für den Erhalt des bürgerlichen Staates die Gorillas von der GSG 9 von der Leine zu lassen, sollte deren Zielpersonen nicht vorhalten, sie seien Bürgerkinder.

Abgesehen davon, dass es der RAF zur Ehre gereicht, in mancher Hinsicht tatsächlich eine bürgerliche Befreiungsbewegung gewesen zu sein. Man braucht nur die programmatischen Schriften der ersten Generation zu lesen, um den Eindruck zu gewinnen, dass die RAF partiell eine Sekte jakobinischer Wiedertäufer und in ihrem Kampfgeist traditionell verankert war. Das moderne Bürgertum hat seit dem frühen 13. Jahrhundert immer wieder gerne zur Waffe gegriffen und sozialreformerische Aufstände angezettelt, um das zu bekämpfen, was im Wege stand, und das zu erkämpfen, was es gerade als Freiheit zu bezeichnen beliebte.

Das betraf auch die Umgebung der RAF. Die Sympathisanten und die damals als Terrorgehilfen geschmähten Anwälte waren nur deshalb so unbequem, weil sie darauf pochten, die Normen des bürgerlichen Rechtsstaates und der staatstragenden Justiz einzuhalten. In einer Zeit, in der das Bürgertum seine einstigen Ideale als nutzlos entsorgt hat, ist schon der Rückgriff auf die Französische Revolution ein Akt des grande terreur.

Nicht minder nichtssagend als die Rüge der Bürgerlichkeit war stets der Vorhalt, die militante Linke habe keine politische Perspektive gehabt. Wer hatte die überhaupt? Wer konnte und kann die überhaupt haben? Die Stadtguerilla war ein Versuch. Ob die RAF Sinn mache, meinte Ulrike Meinhof 1970, könne nur die Praxis erweisen. So wie sie dachten viele damals, auch wenn kaum jemand bereit war, sich der Gefahr auszusetzen, und nach 1974 sogar die verbal radikalsten Befürworter der Waffenträger ihren Irrtum einsahen.

Heute wissen wir, dass es so nicht geht, wie Ulrike Meinhof sich das 1970 dachte. Noch immer freilich taugt die Geschichte der RAF und des erfolgreichen staatlichen Kampfes gegen sie als Lehrmodul für zukünftige Auseinandersetzungen mit dem Staat und seinen Eigentümern, denn keine juristische, polizeiliche und politologische Beschwörungsformel wird verhindern, dass auch in Zukunft Menschen in ähnlich aussichtsreicher mentaler Lage wie 1970 sich bewaffnen und in den Untergrund gehen. Immer werden Menschen nach Urmütterart für die gewaltsame Beseitigung unerträglicher Verhältnisse tätig werden - ja, wahrscheinlich ist die sozialistische Revolution überhaupt kein proletarischer und erst Recht kein bürokratischer, sondern ein genuin bürgerlicher Gedanke.

Von dieser Paradoxie träume ich manchmal, und die Mandarine der besitzenden Klassen machen es mir vor. Anders ist der Eifer nicht zu erklären, mit dem das 30. Jubiläum des so genannten Deutschen Herbstes seit Januar 2007 auf allen Kanälen abgefeiert wird. Politik und Justiz selbst sind bemüht, die Wunde offen zu halten, weil sie damit rechnen, dass der Kuddelmuddel, der mit der Selbstauflösung der RAF 1998 zu Ende ging, bald wieder losgehen könnte. Und nebenbei hoffen sie auch darauf.

Warum sonst wurde das hilflose Häufchen saar- und sauerländischer Islamisten ausgerechnet an dem Tag in polizeilichen Schutzanzügen im TV präsentiert, an dem vor 30 Jahren ein Hanns-Martin Schleyer zur Erinnerung an sein Wirken als Nazi-Charge entführt wurde? Zu allen Zeiten hatten Herrscher einen Sinn für derart symbolische Datenspiele.

Wie wichtig die Guerilla noch immer ist, als Mittel der innenpolitischen Konditionierung und als Beschaffungsmotiv der polizeilichen Zulieferindustrie, zeigt auch die Tatsache, dass die klassische Erinnerungsarbeit in letzter Zeit um den an sich nebensächlichen Rekurs auf "die Opfer der RAF" ergänzt worden ist. Offenbar befürchtet man, der Abscheu über die Untaten der Guerilla könnte abflauen.

Auch hier jedoch wieder eine hübsche Paradoxie: Das sozialrevolutionäre Motiv des Täters entscheidet über die besondere Verwerflichkeit des Verbrechens. Gemordet wird immer. Darüber groß zu trauern, lohnt nicht. Erst der politische Schuss macht das Opfer literaturtauglich.


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