Sie spielten wieder

Dramencharaktere Carl Zuckmayers "Geheimreport" und Joachim Fests Bericht über Hitlers letzte Tage im Bunker

Aus Sorge, das in Moskau von Emigranten und Übergewechselten gegründete Nationalkomitee Freies Deutschland könnte zu ähnlichen, ebenfalls kommunistisch gegängelten, Gründungen im Westen führen, zog man in den einschlägigen staatlichen Institutionen der USA verstärkt Emigranten in die Aufklärungsarbeit über das "Dritte Reich" und "die" Deutschen ein, um Entscheidungshilfen für die Zeit nach Hitler zu gewinnen. So kam es unter anderem dazu, dass einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Dramatiker, Carl Zuckmayer, für das Office of Strategic Service (OSS) - gegen ein Honorar von 450 $ - ein Dossier über circa 150 Personen verfasste, die in Deutschland geblieben waren. Dies Dossier liegt nun seit als Geheimreport vor. Und da es sich um eine höchst sorgfältig kommentierte Ausgabe handelt, hat man damit fast eine Art Lexikon der Kulturschaffenden im "Dritten Reich" - in einem doppeltem Kursus: Zunächst Zuckmayers Porträts, dann die wissenschaftlichen, Korrekturen, Ergänzungen und Erläuterungen. Das hat einen hohen informatorischen Wert, aber nicht darin liegt die besondere Bedeutung. Auch nicht darin, dass es Zuckmayer gegenüber Vorwürfen in der Vergangenheit rehabilitiert, zum Beispiel gegenüber Erwin Guido Kolbenheyer, einem ehrenamtlichen Mitläufer und hauptamtlichen Nutznießer der Nazis, der Zuckmayer nach 1945 als "amtlichen Denunzianten" denunzierte. Anderen wiederum schien der - vor allem im Spektrum seiner Figuren von Des Teufels General - viel zu nachsichtig, ja geradezu kumpanhaft einverständig mit den im "Dritten Reich" Verbliebenen zu sein. Es ist daher interessant, dass Zuckmayer faktisch am Stück und am Dossier parallel arbeitete, so dass man letzteres wie eine erweiterte Sammelliste potentieller Dramencharaktere lesen könnte.
Hatten zum Beispiel Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Herbert Marcuse in ihren Ausarbeitungen für die Amerikaner - aus kapitalismuskritischer Perspektive - strukturelle Aspekte betont, sich vehement gegen Annahmen eines spezifischen Nationalcharakters verwahrt, jedoch - so etwa Marcuse - andererseits geradezu fasziniert eine radikale Versachlichung der Denk- und Verhaltensmuster durch das Nazi-System diagnostiziert und irgend Bedeutung eines möglichen Widerstands von innen geradezu kategorisch verneint, interessierte sich Zuckmayer nahezu ausschließlich für Personen, für Physiognomien, Charaktere und Anekdoten. Aber nicht, weil er als Dramatiker darin sein genuines Material sah. Zuckmayer hatte zwar auch ein Schema, nach dem er sein Personal zu sortieren suchte: 1. Aktive Nazis und böswillige Mitläufer, 2. Gutgläubige Mitläufer, 3. Indifferente und Hilflose und 4. bewusste Träger des inneren Widerstandes, aber sofort löste er das Schema durch Umtragungen und Nachträge wieder auf. Am Ende ging es ihm immer nur um die Charaktere der je Einzelnen. Da hatte er sehr klare Vorstellungen: Entweder verdorben oder anständig, feige oder sich treu. So findet man fast keine rein negativen Urteile. Der Report lebt zwar von kräftigen Sottisen und bissigen Anekdoten, aber im Zweifelsfalle ist er doch immer für den Angeklagten.
Bei Schauspielern zumal, das macht er gleich eingangs klar, bei denen es ohnehin mit Verantwortungsgefühl, geistiger Klarheit und charakterlicher Zuverlässigkeit nicht weit her sei. So sind sie ihm am Ende doch fast alle lieb und wert, die Georges, Jannings, Rühmanns, Gründgens etc. Selbst einer Leni Riefenstahl, deren Etikettierung als "Reichsgletscherspalte" er genüsslich wiedergibt, kolportiert, wie sie - vergeblich - versucht habe, mit gespieltem Ohnmachtsanfall in Hitlers Arme zu sinken, und die er als "schwer hysterische Person - maßlos ehrgeizig" charakterisiert, hält er noch zu gute, dass sie wenigstens keine Renegatin sei, da sie "immer an Hitler glaubte als an den Erlöser". Aber Leute wie Hans Reimann, der noch zu republikanischen Zeiten eine Hitler-Parodie als "Mein Krampf" angekündigt hatte, im Völkischen Beobachter nach 1933 nun verlautbaren ließ, er sei beim Quellenstudium konvertiert, oder den Rückkehrer aus dem Exil, Ernst Glaeser, die mochte er nicht. Letzterer habe seinen miesen Charakter schon früh offenbart, indem sein Umgang mit dem heimischen Dialekt bloße "Maskerei" gewesen sei. Friedrich Sieburg ist ihm ein komplizierterer Fall, den sein Ehrgeiz zwar nicht zum Nazischriftsteller, aber zu einem der gefährlichsten Agenten des NS habe werden lassen. Während Zuckmayer noch Anfang 1933 wegen des positiven Nationalismus in dessen Bekenntnis Es werde Deutschland enthusiastische Briefe an Sieburg geschrieben hatte, steht das Buch jetzt auf einer "sehr gefährlichen und ganz verschwommenen Grenze" zwischen NS und geläutertem Nationalismus.
So bewegt sich Zuckmayer selbst auf schmalem Grat. Und so geht es fort. Die Brüder Jünger, Gottfried Benn, Erich Kästner, Peter Suhrkamp - daneben viele heute Unbekannte. Immer wieder knappe, plastische, ungemein lebendig wirkende Porträts. Umfaller und Unechte sind ihm ein Graus. Bodenständler mit "falschem Erdgeruch", wie Heinrich Waggerl, oder Richard Billinger, der zwar den "Brustkorb eines Pflugochsen", aber "nie in seinem Leben ein landwirtschaftliches Gerät angerührt", statt dessen süße Liköre und Pralinen konsumiert habe. Da kommt er dann doch zu einer strukturellen Aussage: dass nämlich die "meisten der Umfaller, Nachläufer und Renegaten" aus dem linksradikalen Lager kämen, wohingegen die gemäßigte Linke, gar die bürgerlich Liberalen und Konservativen sich treu geblieben oder widerständig geworden seien.
Noch eine Kategorie macht sich bemerkbar: Potenz oder Impotenz. Kästner wirft er mangelnde "Zeugungslust" vor, Ina Seidels Eloge auf Hitler ist Ergebnis "mangelnder Drüsentätigkeit" und Hitler und Leni Riefenstahl können nichts miteinander gehabt haben: "Beiderseitige Impotenz anzunehmen". Das scheint recht macho-rüde und nicht weit vom Nazi-Biologismus. Aber liest man parallel zu Zuckmayers Saft- und Krafturteilen Joachim Fests Buch über die letzten Tage Hitlers im Bunker, dann scheint Zuckmayers Kriterium gar nicht mehr so abwegig. Was Fest auf souverän prägnante Weise darlegt, ist das Lemurische, Troglodytenhafte Hitlers und seiner letzten Paladine und Domestiken, eine unterweltlerische Schauspielertruppe im Führerbunker. Noch verantwortungsloser, wie Zuckmayer sagt, dass Schauspieler seien. Man spielt Götterdämmerung. Wenn Gerda Bormann aus dem Bunker schreibt: "Die Burg der Götter wankt, und alles scheint verloren. Doch dann erhebt sich plötzlich eine neue Burg, schöner als je zuvor, und Baldur lebt wieder." - dann ist das die eine Seite: Eine völlig irreale Gewissheit, es werde ein Wunder durch Wunderwaffen oder einlenkende Westalliierte geschehen. Einerseits. Andererseits die entschlossene Wut der finalen Zerstörung. Toben, Kaputtschlagen, Demolieren, Verheeren - das ist die Dynamik, die Hitler, aber eben nicht nur ihn, antrieb. Der Impuls, der im Namen von Nation, Volk und Rasse auftrat, war nicht nur antihumanistisch, sondern zutiefst antivital, war Verachtung und Ekel gegenüber dem Lebendigen. "Prahlereien auf der Flucht" hat ein früher Hitler-Biograph dessen Rhetorik genannt. Noch das Ende war reine Prahlerei, der Versuch, den eigenen mit dem Untergang der Welt gleichzusetzen, Weltbemächtigung in der totalen Zerstörung.
Eine Schar zwischen Bedrückung und Exaltation schwankender "Getreuer", fixiert auf einen kuchenfressenden Frühgreis, der über Verrat und Untreue fluchte oder jammerte.
Als trotz der über hunderttausend Tonnen Sprengmaterial aus Bomben und Granaten, die auf Berlin gefallen waren, das verbliebene, elende Leben aus den Trümmern kroch - auf jeden Bewohner Berlins kamen 30 Kubikmeter davon -, da kamen tatsächlich diejenigen wieder ins Spiel, die Zuckmayer auf ihre Tauglichkeit gemustert hatte. Fast alle hatten überlebt, allermeist weit weg von Berlin, oft in Bayern. Sie spielten wieder, vor allem im Westen, eine Rolle. Anständige wie Opportunisten. Nicht zum wenigsten in den Stücken von Zuckmayer.
Dem moralischen Puristen muss solch Gemenge ein Gräuel sein, doch jeder andere Weg aus der verheerten Welt wäre nur um mehr Inhumanität zu haben gewesen. Und mag man durch Zuckmayers von persönlichen Erfahrungen getragener Charakterologie intellektuell unbefriedigt bleiben, muss man doch seine Charakterisierungskunst und das Gespür für nicht nur die Kultur-, sondern Lebensfeindlichkeit der Nazis bewundern.

Joachim Fest: Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Alexander Fest Verlag, Berlin 2002, 207 S., 17,90 EUR


Carl Zuckmayer: Geheimreport. Hrsg. v. Gunther Nickel und Johanna Schrön, Wallstein-Verlag, Göttingen 2002, 527 S., 32 EUR



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00:00 23.08.2002

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