Sie sterben nach der Tagesschau

Alltag Horoskopeschreiben ist wie Joggen: Der Kopf leert sich, und man macht einfach immer weiter. Bis das Gehirn seltsame Gedanken produziert

Ich glaubte nicht an Horoskope. Das änderte sich kaum, als ich sie selber schrieb. Für einen Tag, zwölf kleine Texte, Liebeberufgesundheit von Steinbock bis Schütze, brauchte ich eine Stunde. Dafür bekam ich acht Euro. Alle paar Monate kam von der Agentur eine Mail, "brauchen in zwei Wochen August bis Dezember", und ich unterbrach mein Leben und schrieb 31+30+31+30+31=153 mal 12 Horoskope. Je länger ich schrieb, desto langsamer wurde ich. Wie beim Dauerlauf. Die Agentur verkaufte meine Arbeit an Contentmakler und Zeitungen. Ich wusste nicht, wieviel die Agentur dafür bekam.

Nach dem Kaffee drei Minuten autogenes Training, Kopf auf Durchzug, ich tippte los. Ein Satz gab den den nächsten, ganz wie es den Sternen beliebte: "Wassermann. Ihr Partner will Ihnen etwas sagen. Aber worum es wirklich geht, können Sie nur mit viel Geduld herausfinden./ Wenn Sie weiter so viel arbeiten, macht Ihnen das nicht nur Freunde./ Sie brauchen einen klaren Kopf. Meiden Sie heute Alkohol!"

Es kam nur darauf an, die ärgsten Widersprüche zu vermeiden. Mitte August brauchte man niemanden zu ermahnen, beim Ausgehen den Schal nicht zu vergessen. Und wenn man einem Löwen am einen Tag "großartige Flirtchancen" versprach, dann durften sich die Flirtchancen nicht am nächsten Tag "endlich bessern". Horoskopleser hatten ein gutes Gedächtnis.

Ich tippte zwei Wochen lang, aß nicht viel, schlief nicht tief, aber jeden Nachmittag rannte ich wenigstens ein paar Kilometer durch die Stadt da draußen mit ihren beruhigend klaren Konturen. Granit, Plastik, Glas, da wusste ich, woran ich war. Gummisohlen auf Asphalt: eine reelle Sache. Gegen Ende der Schreibsessions hielt ich mich bei Laune, indem ich ein paar Gimmicks einbaute: "Holzsplitter lassen sich ganz leicht herausziehen, wenn Sie die Wunde erst eine Woche lang eitern lassen." Beim Korrekturlesen strich ich solche Mätzchen wieder heraus. Ich wollte den Job ja behalten. Nur den Spaß mit den Anfangsbuchstaben ließ ich manchmal stehen: "Skorpion. Sie können ohne Reue planen. Ihre Ohnmacht neigt ..."

Neigt was?

"... sich dem Ende." Die es anging, würden schon wissen, was damit gemeint war.

Wenn alle 1836 Horoskope geschrieben waren, war das Leben sehr einfach. "Wovor haben Sie eigentlich Angst? Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Nehmen Sie lieber vier kleine Mahlzeiten zu sich als zwei große. Wer rastet, der rostet." Gespräche im herkömmlichen Sinn, also mit anderen Menschen, waren so natürlich nicht möglich. Ich verbrachte noch ein paar Tage in Quarantäne. Ich zappte fern, zwölf, sechzehn Stunden am Tag, um wieder zu lernen, wie Dialoge sich anhörten. Zwischendrin band ich jeden Nachmittag die Laufschuhe zu, rannte los, ganz leicht, wie nicht von dieser Welt, in langen Sätzen den Radweg bergab, den Radlern entgegen, die fluchten. Rannte rein in den Park, jeden Tag zwei Runden mehr, keine Erschöpfung, kein Schmerz. Den einen Tag, die Quarantäne ging zu Ende, ich spürte es, wollte ich hinter der Kaufhalle wieder bergauf. Wadenkrampf. "Sie machen sich selbst das Leben schwer. Reduzieren Sie Ihre hohen Ansprüche."

Die Frau im weißen Kittel stand hinter dem Flachbau und rauchte. Sie schaute zu, wie ich die Beine vorsichtig streckte, das linke, dann das rechte gegen einen Poller drückte, Muskeln dehnte, Unterschenkel massierte. Unterm T-Shirt kitzelte der Schweiß. "Momentchen", sagte sie und streckte die Hand mit der Kippe aus. "Halt mal. Bin gleich wieder da."

Sie kam mit einer Flasche Mineralwasser wieder. "Hier", sagte sie. "›Was auch alles geschieht, eine gute Tat kann Ihr ganzes Leben verändern.‹ Stand heut in meim Horoskop."

Ich presste durch die Zähne: "Waage, stimmts?"

Sie sagte: "Wusst ich doch, dass du nicht normal bist. Woher weißtn das?"

Vom Horoskopeschreiben war mein Kopf so leer wie das Gehirn einer frisch geschlüpften Graugans, und sie war die erste Frau, die ich sah. Ich dachte: "Ihre Flirtchancen könnten gar nicht besser sein." Ich sagte: "Wusst ich halt. Ich seh sowas."

Frau Delion. Jeden Nachmittag lief ich zum Hintereingang der Kaufhalle. Dort verschnaufte ich und machte Dehnübungen, bis sie zur Zigarettenpause vor die Tür kam, eine Flasche Mineralwasser im Arm. Ich sagte: "Du rauchst ganz schön viel." Sie sagte: "Du läufst ganz schön viel." Oft erzählte sie, was in ihrem Horoskop stand, und manchmal las sie mein Horoskop vor. Mein Schicksal, von mir selbst geschrieben. Ich glaubte noch ein bisschen weniger daran als früher, aber man konnte nie wissen.

Unser letzter Tag war ein Freitag. Am Mittag hatte es geregnet, der Himmel war jetzt weiß gesprenkelt, die Luft frisch. Gerade hatte ich wieder sprechen gelernt, da tippte ich am Folgeauftrag, Januar bis Mai. Am Nachmittag rannte ich den Berg hinunter. "Was macht Sie eigentlich so nervös? Es läuft doch alles ganz hervorragend." Frau Delion stand schon in der Tür. Sie rauchte nicht. Sie kaute Kaugummi. Sie streckte die Zeitung rüber: "Waage. Heute nach der Tagesschau müssen Sie sterben."

Scheiße. Ich hatte vergessen, mein Gimmick wieder rauszustreichen. Die Agentur hatte es nicht bemerkt, und auch der Zeitungsredaktion war es nicht aufgefallen.

Es war fast keiner Zeitung aufgefallen. Im ganzen Land lasen die Waagen an diesem Tag, dass sie nach der Tagesschau würden sterben müssen. Zu Hunderten riefen sie in den Zeitungsredaktionen an und schimpften und weinten aus den Telefonhörern. Nur eine Redakteurin der Lausitzer Rundschau, hörte ich später, habe das Gimmick gelesen. Sie soll selbst Waage gewesen sein. Bevor die Seite mit den Horoskopen in Druck ging, habe sie eigenmächtig den Satz geändert: "Heute nach der Tagesschau müssen Sie sich strecken." Die es anging, würden schon wissen, was damit gemeint war.

Ich erinnerte mich an den Tag, als ich das geschrieben hatte. Kein guter Tag. Ich war fast am Ziel, doch kurz vor Ende stand ich still. Jeder Satz verdrehte sich in sich selbst, verknotete und verklumpte zu einem grässlichen Monster mit dreizehn blumigen Verben und tausendundeinem billigen Adjektiv. Ich starrte auf den Monitor, ich spielte dreihundert Runden Tetris mit zusammengekniffenen Pobacken, ohne auch nur in die Nähe meines Highscores zu kommen, und mein Stundenlohn sank und sank. Ich verfluchte diesen Job, ich verfluchte die mickrigen Kröten, die ich damit verdiente, ich verfluchte die Millionen einfältiger Trottel, für die ich diesen Käse rieb.

Nach der Tagesschau sterben. Das war harmlos gegen die Sätze, die ich gestrichen hatte. Frau Delion fragte: "Glaubst du, da ist was dran?" Ich sagte: "Nein, natürlich nicht." Und dachte daran, dass ich schon in wenigen Tagen wieder verlernt haben würde zu sprechen. Und dachte: "Ergreifen Sie endlich die Initiative. Jemand wartet darauf." Und sagte: "Aber man kann nie wissen. Wolln wir die Tagesschau zusammen gucken?"

Um zwei vor acht stand sie vor der Tür. Im Fernseher trieben die dicken Windpfeile über die Deutschlandkarte. Wir tranken unseren ersten und letzten Schluck Wein zusammen.

Hinten schepperte die Eurovisions-Hymne. Vorn sagte Frau Delion: "Weißt du, ich bin verheiratet." Und dass ihr Mann um neun von der Spätschicht komme, dann wolle sie zuhause sein. Sie habe mal sehen wollen, wie ich so lebte. Sie habe nicht wirklich geglaubt, dass da was dran sei an diesem Horoskop. Sie habe bei der Zeitung angerufen, und die würden ihren Astrologen jetzt wechseln. Dass das ja nicht gehe, den Leuten sowas auf den Kopf zu zu sagen. Selbst, wenn es stimmen sollte. Selbst dann gehe das nicht. Selbst dann nicht.

Halb neun, sie stand auf und strich ihr Kleid glatt. Ich hatte wenig Lust, mit einem Bauschlosser zu konkurrieren. Aber ich sagte: "Die haben nicht geschrieben, nach welcher Tagesschau. Die letzte kommt erst um eins." Frau Delion lachte im Gehen: "Dann sterb ich eben im Schlaf."

Ich trank den zweiten Schluck Wein. Als ich die zweite Flasche geleert hatte, nahm ich die Zeitung nochmal zur Hand und las mein eigenes Horoskop. Ich las es sehr, sehr gründlich.

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00:00 25.04.2008

Ausgabe 37/2021

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