Sie störten die Raubvögel nicht

Sommer ´89 bei Narva in Berlin Matthias Pfau hatte Endzeitstimmung im Bauch und unheimlich viel Hoffnung

Im Bruch der Zeit wandelte sich Leben in Davor und Danach. Träume wurden wahr oder zu Albträumen, manchmal entstand aus Enttäuschung auch Mut. Wende-Zeit - Lebens-Wende. Wir beginnen heute, am Vorabend des 15. Jahrestages der Wende in der DDR, mit einer Serie über Menschen und ihre Geschichten in der Geschichte.

Er muss da nicht lang. Zur Arbeit kommt er auch anders. Er sagt "Arbeit", nie "Job". Arbeit sei mehr als Geldverdienen. Manchmal fährt er doch über die Rusche-Straße in Berlin-Lichtenberg, vorbei am Arbeitsamt. Sieht Leute auf dem Weg zur Nummerierung. Sieht die Müdigkeit in ihrem Gang und sieht in diesen Augen-Blicken auch sich. Hätte ihm ebenso passieren können. Glück gehabt? Mut? Im richtigen Moment gehandelt? Vielleicht alles zusammen.

Ja, sagt Matthias Pfau, ich muss nicht zum Arbeitsamt. Ich war da noch nie. Sein Weg laufe anders, und das habe natürlich mit der Vergangenheit zu tun. Mit der seines 37-jährigen Lebens bis 1989 und mit der seitdem. Wie war der Sommer ´89 eigentlich? Verdammt lange her.

Vor dem Schredder gerettet - Pfau holt einen Stoß Zeitungen aus dem Schrank

Wir sind im Sitzungsraum der Gesellschaft für Lichttechnische Erzeugnisse (G.L.E.), die unter dem Markenzeichen Narva mit zwei weiteren Firmen die Abwicklung des einstigen (Ost-)Berliner Glühlampenwerkes VEB Narva "Rosa Luxemburg" überlebt hat.

Wie es dazu kam? - Dr. Matthias Pfau (52), einer der drei Geschäftsführer der G.L.E., erklärt den durchaus unüblichen Fall, der Treuhandpolitik entkommen zu sein, mit einem Bild aus dem Tierreich: Wir waren die Spatzen, die sich die Krümel vom Boden pickten. Das störte die großen Raubvögel nicht. Man könnte es auch so sagen: Rest-Narva ist für die drei Großen des Weltlichtmarktes Philips, General Electric und Osram alles andere als ein Konkurrent. Das sah zu DDR-Zeiten ein bisschen anders aus.

So ist das. Matthias Pfau grient, zündet sich eine Zigarette an, ruckelt den Stuhl zurecht und guckt dem Rauch hinterher. Pause. "Ich zeig Ihnen was." Er holt einen Stoß Zeitungsbände aus dem Schrank, einige Jahrgänge der Betriebszeitung Die Lichtquelle, auch ein Stück Geschichte. Die habe er vor dem Schredder gerettet. Aber das kam später. Bleiben wir erst einmal im Sommer 1989.

Die Normalität des Hinnehmens wird löchrig. Nicht vergessen ist der Januar 1988, als Demonstranten die SED-Führung mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" konfrontieren. In schlechter Erinnerung ist auch das Verbot der sowjetischen Zeitschrift Sputnik im gleichen Jahr, als Glasnost und Perestroika viele DDR-Bürger nun tatsächlich zu Freunden des Großen Bruders werden lassen. Im Frühsommer ´89 weisen Bürgerrechtler Fälschungen bei den kurz zuvor abgehaltenen Kommunalwahlen nach. Namen wie Wolfgang Ullmann, Carlo Jordan, Wolfgang Rüddenklau werden genannt, Orte des Widerstandes wie Sophien-Kirche und Samariterkirche im Berliner Friedrichshain bekannt, Tatsachen nicht mehr getuschelt. Das beipflichtende Nicken der DDR-Führung zum 4. Juni 1989 in Peking, als die Armee den Protest von Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens gewaltsam beendet, wird als Warnung nach innen verstanden.

"Ich war" - erzählt Pfau - "vor einem Jahr in Peking, war auf dem Tiananmen-Platz und habe gedacht: Ungarn ´56, C?SSR ´68 oder Polen in den Achtzigern. Diese Linie, eine Gesellschaft mit Gewalt zusammen zu halten, hat keine Zukunft. Das gilt für alle Gesellschaften."

Ein Bericht der Abteilung Sicherheitsfragen im Zentralkomitee der SED stellt im Juli 1989 "Resignation als Massenphänomen" fest und spricht von sich anbahnenden "Massenprotesten". Mit dem Sommer kommt ein Grummeln übers Land, das lauter wird. Die Leute wehren sich oder gehen einfach.

"Unsere Pausen in der Kantine wurden länger und länger, die Diskussionen deutlicher und heftiger. Alle hatten das Gefühl, hier passiert jetzt was. Das ging ja so schnell. Erst die Flüchtlinge über Ungarn, dann über Prag. Ganze Familien, die in den Botschaften saßen. Auch bei Narva fehlten plötzlich Leute, die täglichen Mitteilungen der Betriebsleitung klangen sehr nach Durchhalten. Es war Endzeitstimmung im Bauch, ohne dass man im Kopf schon begriffen hatte, was da passierte."

Gaul Geschichte galoppiert. Wohin? - fragt sich auch Matthias Pfau und denkt nicht im Traum daran, dass sich gewiefte Jockeys aus einem anderen Stall in den Sattel werfen und die Zügel an sich reißen könnten. Er hat "unheimlich viel Hoffnung" und stellt sich eine solidarische Gesellschaft vor. Naiv nennt er das heute, eine Tarnung für Enttäuschung.

Am Tag nach der Maueröffnung ist das Glühlampenwerk so gut wie leer. Dann wird wieder gearbeitet. Leben zwischen Moral und Moneten. Arbeiter aus dem Drahtwerk des Werkes wünschen sich das Soziale vom Osten und das Bunte vom Westen. Matthias Pfau fährt im Frühjahr 1990 zum ersten Mal rüber. Den Hunderter holt er sich nicht, aber lernt die andere Seite der Stadt kennen und hat das Gefühl, an historischen Vorgängen sehr direkt beteiligt zu sein. "Es war eine verrückte Zeit. Soviel Offenheit, so herrlich chaotisch - soviel schien machbar." Er denkt über die SED, inzwischen die SED-PDS, nach, in der er seit zwölf Jahren ist, und von der er immer hoffte, "dass Idioten und Ignoranten die Minderheit sind." Er ist ehrlich mit sich selbst und fragt nach Schuld und Schaden für andere, kann getrost nein sagen, kann und will aber Verantwortung nicht abgeben: Zu wenig nachgefragt, nicht reagiert und gehandelt, als klar war, es läuft etwas schief. Es bleibt als Lebensfrage: Warum hat man es nicht wenigstens versucht? "Da habe ich mir gesagt, so funktionierst du nie wieder."

Pfau wird hellhörig, als aus "Wir sind das Volk!" "Wir sind ein Volk!" wird. Als er Ende ´89 Kohls Rede in Dresden hört, als Osram Narva-Arbeiter mit Kusshand einstellt und die CDU bei den Wahlen im März 1990 als klarer Sieger durchs Ziel geht. Gaul Geschichte, du hinkst. Die Währungsunion am 1. Juli 1990 setzt den Endpunkt hinter seine Hoffnungen. Pfau schnappt sich Frau und Kinder. Sie fahren zelten "irgendwo im Wald" und gehen Beeren sammeln.

Absurdistan der Marktwirtschaft - Kollegen zu Verkäufern umschulen

Freundlich aber bestimmt beendet Matthias Pfau an dieser Stelle seinen Rückblick. Er ist in der G.L.E. verantwortlich für Marketing und Vertrieb, hat enge Termine. Wir vereinbaren unser nächstes Gespräch für den 1. Juli 2004. Das passt gut. Da gibt er nämlich ein Essen für die Kollegen seines Bereiches aus. Das tut er immer, wenn der vergangene Monat gut lief. Das Heute hängt mit dem Damals zusammen.

Stationen der Erinnerung: Die Modrow-Regierung versucht noch, volkseigene Betriebe in GmbH zu überführen, um einen sanften Übergang in marktwirtschaftliche Verhältnisse zu ermöglichen. Der Runde Tisch fordert die Bildung einer Treuhandanstalt - "zur Sicherung der Rechte und des Eigentums der Bürger" am DDR-Vermögen, damit "das in Volksbesitz befindliche Eigentum (...) in der DDR nicht herrenlos wird und einfach verschwindet." Die Sorge ist berechtigt, wie sich zeigen wird. Im Februar 1990 spricht Ministerpräsident Modrow von 1,4 Billionen DM Wirtschaftsvermögen, Christa Luft wenig später von 900 Milliarden, Treuhandchef Rohwedder von mindestens 600 Milliarden. Ein Ost-SPD-Papier aus dieser Zeit stellt hellsichtig fest, dass "unser aller Ersparnisse vielleicht für den Erwerb von zehn Prozent allen Eigentums im Lande" reichen würden, doch "wäre (es) pervers, noch einmal zu bezahlen, was uns de facto bereits gehört ..."

Das sieht Matthias Pfau bis heute nicht anders. "Wir haben ja dann unser Volkseigentum partiell für die G.L.E. kaufen müssen." Das passiert 1994. Bis dahin erlebt Pfau die Abwicklung des Berliner Glühlampenwerkes aus nächster Nähe: die halbherzigen Rettungsversuche und das absehbare Scheitern des Privatisierungskonzeptes der Treuhand - kurz die Abschaffung eines Traditionsbetriebes, in dem 5.000 Menschen arbeiten. "Mir war klar, was mit der Währungsunion kommt: Massenkündigungen, sämtliche Märkte brechen weg, alle Werte werden zu Schrott. Werten Sie mal eine x-beliebige Volkswirtschaft um 400 bis 500 Prozent auf. Die geht unter, wie bei uns."

Das Glühlampenwerk geht 1992 für 254 Millionen DM an den bayrischen Firmensanierer und Immobilienentwickler Härtl, der als Priamos firmiert. Die Immobilie - heute die "Oberbaum City" - geht an Sirius, gleichfalls ein Unternehmen von Härtl. Priamos übernimmt 1.080 Beschäftigte mit einer dreijährigen Arbeitsplatzgarantie und Umschulungsangeboten - aus beidem wird nichts. Das Privatisierungsmodell schließt die traditionelle Nutzung des Narva-Geländes so gut wie aus. Gerüchteweise soll Härtl dem Osram-Konzern die schnellstmögliche Beendigung der bisherigen Produktion zugesagt haben. Das Berliner Glühlampenwerk wird schließlich zu Schleuderpreisen verscherbelt.

In dieser Zeit rettet Matthias Pfau nicht nur die Bände mit der Betriebszeitung vor dem Schredder, auch technische Dokumentationen, Entwicklungsberichte und Betriebsbilanzen. Dabei findet er das historische Gründungsdokument der Berliner Glühlampenproduktion von 1893. Das steht nun neben den Betriebszeitungen und Hyperion im Büroschrank.

Hölderlin? Pfau zuckt mit den Schultern. Er liebt auch Puschkin, Fontane, Aitmatow. Eigentlich wollte er Dramaturgie studieren. Hat aber nicht geklappt. Gelegentlich trage er westlichen Besuchern vor, was Hyperion an Bellarmin schreibt: "... ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen. Herren und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen - ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinanderliegen, indessen das vergossne Lebensblut im Sand zerrinnt?"

Mancher Gast käme hernach ins Nachdenken.

So ging es Pfau mit Priamos. "Ein interessanter Name. So hieß der letzte König von Troja, bevor es unterging." Bei Priamos kommt Dr. Ing.oec. Pfau in die Unternehmensplanung und soll 1.080 Leute in Brot und Arbeit bringen, tatsächlich aber ein Stück Absurdistan der Marktwirtschaft aufführen: er soll Schuhgeschäfte ansiedeln und Kollegen zu Verkäufern umschulen.

"Dann wurden 500 Leute entlassen - trotz Beschäftigungsgarantie. Das war das Schlimmste. Ich sollte einem Kollegen die Papiere geben, mit dem ich jahrelang zusammen gearbeitet hatte ... Wissen Sie, wie man sich da fühlt? Es war nur zum Kotzen. Ich habe mich danach gefragt, warum hast du nicht nein gesagt? Das war es eben: Ich hatte doch wieder funktioniert."

Vielleicht war das der letzte Anstoß. Jedenfalls laufen Pfaus Überlegungen von da an auf einen Punkt zu: Eine eigene Firma gründen. Mit Kollegen entwickelt er das Konzept der Gesellschaft für Lichttechnische Erzeugnisse. "Hätten wir damals über die Dimension der Entscheidung nachgedacht, vielleicht wären wir dann das Risiko nicht eingegangen. Aber man lernt mit dem Druck zu leben und nach dem Prinzip Hoffnung zu handeln."

Vera Müller, Matthias Pfau und Dietmar Schubert schmeißen 1994 ihr gesamtes Vermögen in einen Topf, melden Förderungen an, verhandeln den ganzen Sommer mit Priamos über den Rauskauf von Narva-Technik. "Kaufen hieß Kohle, die wir nicht hatten. Schwache Eigenkapitaldecke - das geht fast jedem Ostdeutschen so. Banken sind in diesem Fall sehr zurückhaltend. Wir saßen beim Notar und hatten selbstschuldnerische Bürgschaften am Hals. Ich habe nächtelang nicht geschlafen."

Seit dem 1. November 1994 gibt es die G.L.E, und das Konzept funktioniert. Narva bleibt ein solides Markenzeichen. "In dieser Firma wird man nicht reich, aber wir kommen gut miteinander hin", meint Pfau. 87 Kollegen haben Arbeit. Eine Erfolgsgeschichte also? Pfau weiß nicht so recht. Eher eine über Veränderung und Erfahrung. "Das haben wir doch voraus; Was gottgegeben schien, zerbrach in Wochen. Manchmal kommt mir der Gedanke, vielleicht erlebe ich noch ´ne Wende ..."


00:00 09.07.2004

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