Sie tragen Karo

Persiflage Der mittelalte Christian Y. Schmidt ergründet hochkomisch seine Spezies

Wollten Sie nicht immer schon wissen, was auf halbem Weg zwischen Eckhard Henscheid und Chuck Palahniuk (Fight Club) passiert, wenn Vogelkunde, Psychiatrie, Drogen, Erinnerungen und Lücken darin, Dadaismus und Hypnose diesen gewundenen Weg kreuzen? Natürlich wollten Sie das nicht wissen. Genauso wenig, wie Sie etwas über Subjektphilosophie im Lungensanatorium wissen wollten oder über Walfangpraxis im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zu Kapitalismus und Transzendenz. Denn genau das ist das Wesen interessanter Romane, dass sie auf Fragen reagieren, die noch niemand gestellt hat.

Zur Sache: Ein gewisser Daniel S. kehrt nach längerem Aufenthalt in Hongkong nach Deutschland zurück. Die Sache beginnt mit dem Begräbnis seines ehemaligen Freundes, eines der Mitglieder einer Clique, die sich „die Huelsenbecks“ nannten, nach dem dadaistischen Künstler, und die neben einigen mehr oder weniger situationistischen Großtaten wie dem Selbstmord des Weihnachtsmannes, der sich vom Dach eines Kaufhauses stürzte, durch eine heroisch-groteske gemeinsame Reise in die USA und nach Mexiko vereint werden sollten. Was aber liegt im Kern jeder dramatischen Erzählung? Etwas ist gründlich schiefgegangen, und das Schiefgegangene liegt schwer und chiffriert in den Menschen und ihren Beziehungen.

Es wird alles schiefgehen

Bevor wir erfahren, dass irgendwas mit dieser Reise nicht stimmte, stimmt es ganz und gar nicht bei der Beerdigung, die denn auch mit einer deftigen Prügelei zwischen Anzug- und Jeansträgern endet. Und damit beginnt eine lange, wendungsreiche Recherche in eigener Sache. Denn Daniel S. erinnert sich nur in Bruchteilen an diese Reise, und besonders viel Hilfe erhält er bei seiner Suche nach der Vergangenheit (komplett mit dem geheimnisvollen Verschwinden eines Mädchens: rätselhafte Flucht? Unterlassene Hilfeleistung? Vielleicht sogar ein Mord?) bei seinen Reisegefährten von damals auch nicht, die unter anderem als Drogendealer, Provinzaussteigerspießer oder Schnösel aus den Trümmern ihrer Jugendträume gestiegen sind.

Das Leben des Daniel S. jedenfalls gerät in die wundersamste Unordnung, in seinem Kopf ist’s, als würde jemand unentwegt Karneval feiern, was natürlich nicht ohne entsprechende Nebenwirkungen abläuft. Die Frage ist natürlich, ob man dem Geheimnis des/seines Lebens eher mit der Hilfe mehr oder weniger „ehrlicher“ Drogen (der 70er Jahre, versteht sich, denn dies ist unter vielem anderen auch ein Roman über die 70er Jahre und ihre Nachwehen), durch asketische Klarheit, mit der Hilfe eines Psychiaters, der in seiner Twin Peaks-Besessenheit nach der Methode von Agent Cooper arbeitet, durch ein Hypnose-Experiment oder durch detektivische Kleinarbeit näherkommt. Und entsprechend prismatisch lässt sich denn auch der Roman Der letzte Huelsenbeck lesen, als Kriminalroman, als Groteske, als Zeitbild, als Verschwörungsthriller, als Autobiografie (oder als Parodie darauf), als Kunst-Installation, als Essay über Vergangenheit und Erinnerung, als Hommage an den Dadaismus der Zeit zwischen den Kriegen und nicht zuletzt auch als Abenteuerreise in einen aus verschiedenen Gründen reichlich verwilderten Kopf. Genug verraten, beziehungsweise das noch: Ab einem bestimmten Punkt wird die Geschichte von einem erzählt, der schon tot ist, was wir von einigen berühmten Filmen der „schwarzen Serie“ kennen, und das ist von ähnlicher Bedeutung wie das Auftauchen einer Krähe, der Daniel den Namen „Lisa“ gibt und die zu einer Führerin durch das Labyrinth der Erinnerungen wird.

Was die Erzählung unter Druck setzt, das ist dieses Gespür für das Alltägliche, für Gewohnheiten und Absurditäten, die im richtigen Leben der Rede nicht für wert erachtet werden (das Henscheid-Prinzip der Vollidioten, die hier freilich als „Huelsenbecks“ nicht vollständig in Wiederholungsschleifen feststecken), und ein Chuck Palahniuk’scher Mindfuck, der unter anderem nach einem „W. C. Fields“-Prinzip funktioniert: Leute, die schon sowieso ziemlich fertig sind, werden vor gewaltige Aufgaben gestellt und machen bei dem Versuch, irgendwie Ordnung in ihr Leben zu bringen, alles immer noch schlimmer.

Nichts Genaues weiß er nicht

Der Spott dieses Romans geht freilich tiefer, als es durch die vielfältigen Spielebenen scheinen mag. Zum einen ist es ein Versuch, die blinde Egomanie von Männern eines gewissen Alters zu beschreiben (und zu durchbrechen), die weder in der Lage sind, ihr Leben anzunehmen, „wie es ist“, noch dazu, ein kohärentes Narrativ dafür zu entwickeln. Die Wahrheit ist unerträglich, die Lüge ist dysfunktional, sie frisst sich sozusagen beständig selber auf. Damit ist Daniel S. eben nicht nur ein klinischer Sonderfall (der Kapitän Ahab des Post-Dadaismus), sondern auch exemplarisch für eine Generation. Und damit wird Der letzte Huelsenbeck, auch wenn das Politische immer nur am Rande durchschimmert, im Kern zu einem eminent politischen Werk. Das Scheitern einer kleinen Gruppe ist immer auch Abbild des Scheiterns einer größeren Bewegung; der Kampf um Erinnerung und, großes Wort, Wahrheit des Einzelnen ist immer auch Abbild eines verwandten Kampfs (in) einer Gesellschaft. Aber Achtung! Wer da eine schöne Eins-zu-eins-Abbildung sucht, liegt garantiert verkehrt. Denn interessante Romane sind immer auch Fallen, sie locken einen immer tiefer in ihr Labyrinth.

Der letzte Huelsenbeck „ist mit präziser Beobachtung, Witz und Selbstironie geschrieben …“ Nein, Quatsch, diese Phrase ist ein Joke auf Seite 39. Aber irgendwie stimmt es auch. Christian Y. Schmidts postdadaistischer Roadtrip ist das Gegenteil von Bescheidwissen, Rechthaben, Sinnstiften und Ordnungschaffen. Mehr an literarischer Revolte ist derzeit nicht denkbar; Schmidt hat’s riskiert – und gewonnen.

Info

Der letzte Huelsenbeck Christian Y. Schmidt Rowohlt 2018, 400 S., 22 €

06:00 21.07.2018

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