Sie war einmal Lehrerin

Xenophobie „Miss Terry“ führt ein ruhiges Leben, bis sie plötzlich der Mob verfolgt

Nita Tehri weiß aus persönlicher Anschauung, dass es in Großbritannien Briten gibt – und Briten. Während für die Ersteren ihre Nationalität meistens im Urlaub oder im Nationalstolz fühlbar ist, müssen sich die anderen Briten ihr Britischsein verdienen, „Tag für Tag, das ganze Leben lang“ – und das nicht erst seit Xenophobie mit dem Brexit auf der Insel wieder salonfähig geworden ist.

Nita, die sich mit Anfang zwanzig eine respektable Anstellung als Grundschullehrerin erarbeitet hat, der eine Eigentumswohnung in der Guscott Road gehört, zählt dennoch ganz klar zur zweiten Gruppe der Briten. Dafür sorgt ihre dunkle Hautfarbe ganz von allein – selbst im vergleichsweise liberalen London.

Eines Tages steht die Polizei vor Nitas Tür. Anfangs buchstabiert Nita noch britisch beherrscht ihren Namen, als sie der ungehobelte Sergeant wiederholt Miss „Terry“ nennt. Sie kocht ihm und seinen Kollegen sogar Tee, auch noch als sie, aus nicht weiter erläuterten Gründen, eine DNA-Probe von Nita verlangen und Nita kurz darauf vom Schulunterricht suspendiert wird. Als Nita Tehris Hauswand mit Hassparolen beschmiert, ihr Flur in Brand gesetzt wird, Reporter erscheinen und ihre Nachbarn sie offen auf der Strasse anfeinden, sogar sexuell belästigen, ohne dass die Polizei Nita den Grund für diese Hetze nennen will, als Nita nur knapp einem Mord und einem Auto entkommt, begreift die junge Lehrerin, in welcher Gefahr sie wirklich schwebt. In hilfloser Verzweiflung sucht Nita nach männlicher Rettung. Die scheint sie auch bei dem jungen, recht anziehenden Privatermittler Zach zu finden. Zach präsentiert ihr (überraschend schnell) einen überzeugenden Plan, der Nita aus dem Netz von Verleumdungen und Anschuldigungen befreien soll. Doch bald erkennt Nita Tehri, dass nur sie alleine sich retten muss und sich retten kann.

Für Lady Bag erhielt Liza Cody 2015 den Deutschen Krimi Preis. Mit ihrem noch vor Lady Bag erschienenen Roman Miss Terry, von Martin Grundmann ins Deutsche übersetzt, liefert der Ariadne Verlag nun einen weiteren Cody-Thriller, in dem es um ein Frauenschicksal geht. Im Gegensatz zu Lady Bag wird die gesellschaftliche Abwärtsspirale allerdings nicht allein durch männliche Anmaßung ausgelöst, sondern vor allem durch die „falsche“ Hautfarbe der Protagonistin. Damit hat sich die in Bath lebende, 1944 geborene Britin Liza Cody nicht nur eines brisanten Krimithemas angenommen. In Miss Terry zeichnet Cody auch eine Bestandsaufnahme der britischen (Miss-)Verhältnisse, in denen die einstmals offenen Weltfahrer ihren Zuwanderern gegenüberstehen – und damit auch einen europaweit erstarkenden Trend. Denn Nita könnte auch Leyla, Samara, Yolanta, Anna, Giulia oder Esra heißen und in Essen, Leipzig, Berlin oder Paris und Nizza leben.

Dass Liza Cody so genau Nitas Ton trifft, dass sie weiß, wie es sich anfühlt, eine Zweite-Klasse-Britin zu sein, mag auch daran liegen, dass sie selbst indisch-kanadische Wurzeln hat. Dem Freitag sagt sie: „Sicher, Miss Terry ist auch ein Porträt der Situation, in der wir uns alle befinden, die wir versuchen, in einer Aufnahmegesellschaft anzukommen, ohne gänzlich die Verbindung zu unserer ursprünglichen Herkunft zu verlieren. Wir stehen vor harten Zeiten in Europa. Alles, was wir jetzt tun können, ist, unseren Idealen treu zu bleiben.“

Miss Terry zeigt ein buntes Ensemble aus authentisch-britischen Unterschichtscharakteren und „anderen“ liebenswerten Randschicksalen. Die einzige Kritik: Ich hätte mir gewünscht, noch etwas länger in der Guscott Road verweilen zu dürfen und dass sich die Buchklappen, trotz der 288 packenden Seiten dazwischen, nicht so schnell wieder geschlossen hätten.

Info

Miss Terry Liza Cody Martin Grundmann (Übers.), Ariadne 2016, 288 S., 17 €

*Die Fotos der Beilage

Kamil Sobolewski, geboren 1975 in Gdansk, Polen, studierte Fotografie an der Berliner Ostkreuzschule. Für seine Arbeit „Rattenkönig“ wurde er unter die neun Finalisten im Fotowettbewerb „gute Aussichten – junge deutsche fotografie“ für das Jahr 2015/2016 gewählt. Die Jury schrieb, Sobolewski begebe sich auf eine Reise ins Innere. „Die kleinen schwarzweißen Formate zeigen eine metaphorische Reihung unterschiedlicher Gefühls- und Bewusstseinszustände, in denen es um existenzielle, grundsätzliche Fragen geht. Aus den kraftvollen, existenzialistisch durchhauchten Bildern geht eine Mischung aus Trotz und Resignation, Aggression, Kampf und Zärtlichkeit hervor.“ Mehr Informationen zu Kamil Sobolewskis „Rattenkönig“ (in Englisch, 14,8 × 21 Zentimeter, 64 Seiten, 24 Euro) unter dienacht-magazine.com

06:00 19.11.2016

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