Sie weinte, sie lachte

Ostukraine Yuliya Vasilevna lebt ausweglos zwischen den Fronten eines Krieges, dessen siebtes Jahr anbricht

Gott behüte, nur ein einziger Krümel von diesem Knoblauchbrot, und du wirst 66 Tage leiden müssen mit Haut und Haar. Und alle, die deinen Weg kreuzen, werden von dir weichen: Wie konntest du nur? Aber was sollte ich tun? Erlag ich doch dem Charme der wundersamen Yuliya Vasilevna Horuzhevskaya – werde ich zu meiner Entschuldigung verschämt erwidern. Ich hätte keine Wahl gehabt. Hatte ich auch nicht. „Nun wird gegessen, keine Widerrede!“, sagte die 80-Jährige mit forscher Stimme und strengen Augen, sie zupfte das geblümte Kopftuch zurecht und scheuchte die Katze weg. Dann tischte sie eingemachte Peperoni auf, dazu Gurken, ein ordentliches Stück Schinken, einen Teller mit Schweineschmalz und dieses Brot, das einen wegputzt. Draußen flatterten Stofftücher an der Wäscheleine, ein kalter Wind blies seit den frühen Morgenstunden über den Acker. Es war Anfang März. Drinnen aber, bei Yuliya Vasilevna, war es warm, an den Wänden hing ein Teppich mit Rehen und einem verschneiten Berg darauf. Weiter gab es goldverzierte Heiligenbildchen, eine Uhr, einen Rosenkranz, das Abbild der Muttergottes und eine Fotografie von Yuliyas Tochter, als sie noch ein kleines Mädchen war. Die alte Frau setzte Wasser auf, dann begann sie von früher zu erzählen. Und irgendwie schien alles so normal.

Alt, krank oder verrückt

Doch das war es nicht. Denn wo Yuliya lebt – in Luhanske, einem kleinen Dorf in der Ostukraine –, war der Krieg immer noch nicht vorbei. Fast jeden Tag hörte sie Schüsse oder glaubte zumindest, sie gehört zu haben, dann versteckte sie sich in ihrem Häuschen, kroch ins Bett und wartete, bis sie nur noch das Gebell ihres Hundes hörte, der draußen vor dem Schuppen angekettet war. Manchmal dauerte es Minuten, manchmal Stunden, bis sie nur noch den Hund vernahm. Und manchmal fragte sich Yuliya, ob all das je ein Ende haben würde.

Im April 2020 wird es sechs Jahre her sein, dass prorussische Separatisten die Region um die Großstädte Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine übernahmen, sich der Regierung in Kiew widersetzten und zwei unabhängige „Volksrepubliken“ ausriefen. Daraufhin schickte der damalige Präsident Petro Poroschenko sein Militär in den Donbass. Die Jahre 2014 und 2015 sollten zu den schlimmsten dieses Konflikts werden, der bis heute 1,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben und über 13.000 Menschenleben gefordert hat, unter ihnen etwa 3.300 Zivilisten.

Für viele Ukrainer begann alles schon früher, nämlich im November 2013, als Menschen auf dem Maidan in Kiew gegen die Entscheidung des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch demonstrierten, die Ukraine nicht weiter der EU anzunähern, sondern wie gewohnt auf Russland zu setzen. Die Proteste endeten blutig, und Janukowitsch, ein korrupter Staatschef, wurde am 22. Februar 2014 gestürzt und musste das Land fluchtartig verlassen. Sein Nachfolger, besagter Petro Poroschenko, ein Oligarch, gab sich als Patriot und versprach, die Ukraine an die Seite des Westens zu führen und vom „großen Bruder“ Russland zu lösen. Damit konnte der „Schokoladenkönig“ – Poroschenko verdient bis heute Millionen und Milliarden an seiner Süßwaren-Produktion – die Proteste in Kiew beenden.

Im Osten des Landes allerdings, wo der russische Bevölkerungsanteil hoch war, erzeugte Poroschenko Verunsicherung, Abwehr und Unbill. Eine fragile Übergangszeit nutzte die Russische Föderation, um zusammen mit den Aufständischen im Osten quasi über Nacht Fakten zu schaffen, zuerst im März 2014 mit der Eingliederung der Halbinsel Krim im Südosten der Ukraine in Wladimir Putins „Neurussland“. Bei einem eilends anberaumten Krim-Referendum stimmten 96 Prozent der auf der Halbinsel ebenfalls vorwiegend russischen Bewohner dem Anschluss an Russland zu. Parallel dazu wurden die Abtrünnigen im Donbass unterstützt.

Zeitweise wurde der Konflikt zum Schlagabtausch zwischen West und Ost. Auf der einen Seite wollten viele Ukrainer die Selbstbestimmung und Westbindung bis in den östlichsten Zipfel ihres Landes durchsetzen, auf der anderen wehrten sich die prorussischen Sektierer gegen eine nationalistische Vereinnahmung durch Kiew. Zwischen den Konfliktparteien lag und liegt eine 450 Kilometer lange Frontlinie, an der sich die Lage seit dem Ukraine-Gipfel Anfang Dezember in Paris, als der neue Kiewer Staatschef Wolodymyr Selenskyj auf Präsident Putin traf, entspannt hat, auch wenn vereinzelt weiter geschossen wird.

An dieser Demarkationslinie, wenige hundert Meter auf der Seite des ukrainischen Regierungslagers, steht Yuliyas Haus, liegt ihr Garten mit den Brombeerranken und dem verlotterten Schuppen. „Das ist nicht mein Krieg“, sagte sie auf Russisch und wurde still. Später erzählte sie von jenem Tag, als im Frühjahr 2014 die Panzer der Separatisten vor Luhanske standen, wie aus dem Nichts seien die aufgetaucht. Sie höre noch heute das Knirschen der Panzerketten und die Schreie ringsherum. Durch den Beschuss sei in ihrem eigenen Haus das Dach fast eingestürzt, sodass sie ins Domizil ihrer Mutter zurückkehren musste, die ursprünglich aus Polen stammte und 2012 im Alter von 92 gestorben war. Im Haus der Mutter lebte Yuliya noch, als ich sie besuchte: in diesem einen Zimmer mit dem Teppich an der Wand, mit einem Bett, Tisch, Sessel und einer Kochnische. „Viele sind aus dem Dorf geflohen und kamen nie wieder. Wen es hier noch hält, der ist alt und krank – oder verrückt“, meinte sie.

So wie um Luhanske steht es um viele Ortschaften auf beiden Seiten. Man schätzt, dass noch 80.000 Menschen in dieser „Grauzone“ aushalten statt der Hunderttausende, die bis zum Frühjahr 2014 hier zu Hause waren. Manche zogen in die Städte, in die Westukraine, andere gingen ins Ausland. Wie Yuliyas Tochter, die Mitte 50 ist und mit ihrem Mann heute bei Sankt Petersburg lebt. Sie sei ihr einziges Kind, das habe sie ganz allein aufgezogen.

Ihren Ehemann jagte Yuliya schon bald nach der Hochzeit zum Teufel. „Wo-oodka“, zischte die Alte und machte mit den Händen eine wegwerfende Geste. Später sei die Rente – sie bekommt umgerechnet 100 Euro – immer ein kärgliches Einkommen gewesen, doch habe sie in ihrem großen Garten stets Gemüse angebaut und Obst geerntet, davon viel auf den umliegenden Märkten verkauft. „Jetzt schmerzen meine Gelenke, ich habe Zucker. Am Morgen trinke ich als Erstes zwei Glas Wasser. Eigentlich müsste ich frischen Fisch essen, sagte der Arzt. Doch das ist teuer.“

Bis heute bestellt Yuliya ihre Beete, so gut es geht, verkauft ein paar Säcke Kartoffeln, kocht für den Winter Gemüse ein und backt ihre Knoblauchbrote. „Das muss ausreichen. Wir sind in Luhanske auf uns selbst angewiesen.“

Wenigstens ein Dach

Von der patriotischen Euphorie, die viele Ukrainer zu Beginn des Krieges erfasst hatte, ist offenkundig nicht viel geblieben. Kiew liegt mehr als 700 Kilometer von Yuliyas Hof entfernt. Viele der in der „Grauzone“ Verbliebenen fühlen sich verlassen, sie reden von „denen dort drüben“, und man weiß nicht recht, wen sie damit meinen: die prorussischen Separatisten auf der anderen Seite der Front oder die ukrainischen Autoritäten weit weg im Westen. „Nur die Jungen“, davon war Yuliya im Gespräch mit mir fest überzeugt, „können uns noch helfen, doch sie gehen woandershin. Und weil sie nicht bleiben, sterben unsere Dörfer aus.“

Auch Juri, Yuliyas Enkel, ist weggezogen. Zwar nicht allzu weit, in die Nähe von Bachmut, keine 50 Kilometer von Luhanske entfernt. Trotzdem liegen Welten zwischen der gut 75.000 Einwohner zählenden Stadt, in der die ukrainische Regierung das Sagen hat, und Yuliyas dahinsiechendem Dorf. Diese Welten trennen unwegsame, vom Beschuss aufgerissene Straßen, trennen geborstene Masten von Stromleitungen, die seit Jahren tot sind, und Häuser mit durchschossenen Wänden, eingefallenen Dächern und verwilderten Gärten. An den Checkpoints unterwegs nach Bachmut muss man mitunter lange warten.

Yuliya kann verstehen, dass ihr Enkel nicht länger in Luhanske leben wollte. Sie ist froh, ihn wenigstens in der Nähe zu haben. „Wenn mein Juri auf Besuch kommt und über Nacht bleibt, dann schläft er hier im Bett und ich drüben im Sessel“, schilderte sie mir die dann übliche Ordnung. Juri sei Anfang 30, noch unverheiratet und arbeite in einer Fabrik bei Kramatorsk. Obschon die Stadt mit 160.000 Einwohnern keine 100 Kilometer von der Frontlinie entfernt ist, blüht sie auf. Viele, die den Donbass verlassen mussten oder wollten, zogen dorthin, darunter auch reiche Unternehmer, gewillt zu investieren. Heute sind die blau-weißen Nationalfarben der Ukraine in Kramatorsk allgegenwärtig. Es kommen Studenten, Beamte und Geschäftsleute in die Stadt, die Stahlfabriken und Kohlebergwerke arbeiten wieder auf Hochtouren.

Wie es wäre, wenn es diesen Krieg nie gegeben hätte oder wenn er endlich und für immer aufhören würde? Darüber mochte Yuliya Vasilevna nicht nachdenken. Sie zuckte mit den Achseln, als wollte sie sagen: Was kann man schon tun? Der neue Präsident, der Schauspieler und Komödiant Wolodymyr Selenskyj, hat viel versprochen bei seinem Amtsantritt im Mai vergangenen Jahres: Schluss mit dem Krieg im Donbass, Schluss mit der Korruption – soziale Gerechtigkeit für alle. Von alledem ist im Osten des Landes bisher noch nicht viel angekommen.

Yuliya kümmert das wenig, mit Politik, sagte sie, habe sie nichts zu tun. Die Menschen im Donbass hätten sich daran gewöhnt, dass andere über ihr Schicksal entscheiden: Zaren, Oligarchen, der liebe Gott. Ohnehin käme sie von hier nicht mehr fort. Wohin sollte sie? In die Nachbardörfer, ein paar Kilometer weiter weg von den Schützengräben? Hier in Luhanske habe sie wenigstens ein Dach über dem Kopf, einen Garten, die übriggebliebenen, vertrauten Menschen aus dem Ort, die sie schon ein Leben lang kennt.

Doch das sind schwere Gedanken. Lieber erinnerte sich Yuliya an früher, als die Tochter und der Enkel noch bei ihr waren. „Schau nur, wie klein er war mit seinem blauen Hut und der Blume in der Hand.“ Sie zeigte auf eine Fotografie, leicht vergilbt und wie aus einer anderen Zeit. Dann wechselte sie wieder abrupt das Thema, redete über Stalingrad, über verbrannte Kinder, über einen Liebhaber aus Sankt Petersburg, der sie partout heiraten wollte vor 40 Jahren, und über ihre Kartoffeln, die allerbesten im ganzen Donbass. Manchmal hielt sie inne und weinte und wimmerte wie ein kleines Mädchen, ein andermal konnte sie sich kaum halten vor Lachen, dann leuchteten ihre Augen, die so zutraulich waren und verwirrt zugleich. Einmal, erzählte sie noch, als ich schon im Aufbruch war, sei sie draußen gewesen, um nach Kartoffeln zu graben, da habe sie eine Mine gefunden. „Vielleicht wollen die nicht, dass ich mir Kartoffeln brate, dachte ich und grub weiter. Wenn sie mich töten wollen, dann töten sie mich eben ...“

Klaus Petrus ist Reporter. Ein Gespräch über seine Arbeit in Krisengebieten ist in Konstantin Flemigs Buch Alltag in der Hölle. Kriegsreporter erzählen (Klartext 2019) zu lesen

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