Sie wollen alle unser Geld

Vertriebsketten und andere kleine Verbrechen In Deutschland wird zwar viel ins Bezahlfernsehen investiert, aber so gut wie nichts dafür, es auch für nicht-fußballinteressierte Zuschauer attraktiv zu machen

Ein weiteres Beispiel für die oft beklagte Tatsache, dass es reichlich Geld gibt, nur eben an den falschen Stellen, sind die vielen Milliarden, die neunmalkluge Investoren in das deutsche Bezahlfernsehen gesteckt haben. Der große Kirch-Konzern ist zwar auch durch Intrigen (Deutsche Bank, Springer) zu Fall gebracht worden, ökonomisch allerdings hat ihm in erster Linie der Pay-TV-Sender Premiere den Garaus gemacht: Dort wurde das meiste Geld verbrannt. Der Bertelsmann-Konzern war einst in der Fachpresse ausgelacht worden, als er sich aus Premiere zurückzog und Kirch das Feld überließ. Heute wissen wir, dass es Weisheit war. Doch weiß Bertelsmann das noch?

Obwohl der Konzern aus Gütersloh soeben durch einen milliardenschweren Kredit verhindern konnte, an die renditegierige Börse gehen zu müssen, scheint ihm die hauseigene Rendite doch nicht mehr zu genügen. Dass Kirch vielleicht auch über seine Geld- und Machtgier gestolpert ist, gerät ebenso nach und nach in Vergessenheit. Ausschlaggebend ist die Entwicklung auf dem Werbemarkt: Dort will die Konjunktur einfach nicht mehr so anspringen, wie man es von den goldenen neunziger Jahren gewöhnt ist. Neidvoll blickt man deshalb nach England, wo sich Rupert Murdoch die Milliarden der fußballverrückten Briten in die Taschen stopft und einiges von dem Geld an die englischen Fußballvereine weiterreicht. In Spanien scheint das ebenfalls zu funktionieren und in Italien hat Silvio Berlusconi im Medienbereich nach seiner Wahlniederlage noch fast alles in der Hand. Warum nur will es in Deutschland nicht funktionieren?

Dass es neben Premiere mit Arena nun einen zweiten Pay-TV-Sender gibt, der um Fußballrechte und Marktanteile konkurriert, sagt zunächst nichts über gewachsenen Markt, sondern mehr über überschüssiges Kapital der beteiligten "Heuschrecken"-Fonds und Banken aus. Gleichzeitig starten sie einen neuen Generalangriff auf die Machtverteilung im deutschen Medienmarkt. Erstmals drängen technische Dienstleister, nämlich hinter Arena stehende Kabelgesellschaften, ins Programmgeschäft. Sie sind also keine neutralen Durchleiter mehr, sondern daran interessiert, sich selbst zu privilegieren und Konkurrenz zu diskriminieren. Solche Machtballungen sind eine Gefahr für die Zuschauer, weil sie dazu neigen Programme zu verknappen und über beherrschte Vertriebswege zu verteuern. In der Branche nennt man das "Verwertungskette". Auch die Deutsche Telekom, die einst aus kartellrechtlichen Gründen ihre Kabelnetze verkaufen musste, drängt als Telefon- und Internetdienstleister in diesen Markt. Mit großen Beträgen sicherte sie sich nicht nur Bundesligasenderechte im Bündnis mit Premiere, sondern will für teures Geld auch den Namen der Fußball-Liga kaufen. Dass der Fußball auf diese Weise erheblich vom Staat mit Millionen gefüttert wird, denn der Bund ist immer noch Großbesitzer der Telekom, stört natürlich niemanden. Die Fußballwirtschaft ist dabei bloß das Experimentierfeld: was hier funktioniert, würde sich schnell auf Film, Kultur, Journalismus ausdehnen. Nur funktioniert es eben - bisher - nicht.

Die zur RTL-Familie gehörenden Sender wagen nun zusammen mit dem Satellitenbetreiber Astra den 3. Pay-TV-Schritt vor dem noch nicht erfolgreichen ersten. Sie wollen ihre über Astra gesendeten bisherigen Free-TV-Programme verschlüsseln. Wer sie sehen will, soll zukünftig eine monatliche Gebühr bezahlen. Diese ist im ersten Schritt scheinbar mikroskopisch gering, es soll um drei oder fünf Euro im Monat gehen. Eine "neue Erlösquelle" soll das kaum sein. Nicht erwähnt wird dabei, dass man an Kundendaten und Informationen über das Kundenverhalten kommen will. Das ist bei digitalem Betrieb nämlich endlich technisch machbar und in der Werbe- und Handels- und Verkaufsbranche eine ganz harte Währung. In der Politik natürlich auch, aber wer will hier schon Paranoia wecken? Diesbezüglich wird also vernehmlich geschwiegen.

Mancher geplagte Fernsehzuschauer fragt sich, ob Pay-TV nicht auch etwas Gutes sein könnte. Endlich gute Filme oder eine der vielen aufwendig produzierten Serien aus den USA sehen können, die hier keinen Platz auf einem Sendertableau finden. Klassisches Beispiel: die erstklassige Mafia-Serie Die Sopranos, die vom ZDF und später von Kabel 1 gnadenlos versenkt wurde. Sie wurde in den USA vom Pay-TV-Sender HBO produziert. Viele anspruchsvolle Filme, die in Programmkinos noch laufen, finden überhaupt keinen Sender mehr, und wenn, dann laufen sie nur spät in der Nacht. Die Antwort ist: hier konnte sich bisher noch keiner der Großinvestoren und -gesellschaften dazu entschließen, selbst Qualität und damit eigene Programm-Marken zu produzieren, wie es HBO in den USA beständig tut. Sie wollen alle nur unser Geld, möglichst aber ohne selbst kreative Leistung zu bringen. Letztere wird allenfalls importiert, und Vieles davon kann der schlaue Zuschauer auch als DVD oder auf angeblich "verbrecherischen" Internetwegen einfacher und billiger haben.

Künstler und Produzenten, die nicht über die Milliarden von Bertelsmann und Telekom verfügen, sind deswegen schon lange auf die Idee gekommen, sich ihren Markt selbst zu schaffen und die radikale Verbilligung des Vertriebs für sich selbst zu nutzen, statt langwierig in Verlagen und Sendern Klinken zu putzen. Und wenn die Qualität der Programme der etablierten Medien weiter so stagniert, werden auch immer mehr Zuschauer dazu übergehen, sich ihr Programm selbst zu machen. Im Radiobereich stellt die Medienforschung schon seit einigen Jahren fest, dass die "Jugendsender" altern und kriseln wie die Musikindustrie, der Nachwuchs bleibt weg. Er weiß schon, wie es geht.


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00:00 25.08.2006

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