Im Gespräch
25.10.2002 | 00:00

Sieben Geschlechter hat der Mensch

Intersexualität Ein Gespräch mit Katrin Ann Kunze über eine kleine Chromosomenverschiebung

FREITAG: Katrin Ann Kunze, Sie sind intersexuell, wie rede ich Sie am besten an?
KATRIN ANN KUNZE: Als Frau. Sehen Sie, trotz meiner speziellen Disposition hat sich meine geschlechtliche Entwicklung ohne Eingriffe eindeutig vollzogen. Zwar habe ich nicht zwei x-Chromosomen, wie die meisten Frauen, sondern ein x- und ein y-Chromosom. Trotzdem bin ich weiblich und habe mich auch nie anders gefühlt.

Bei Ihrer Geburt war sofort klar, welches Geschlecht Sie haben?
Ja, mein äußeres Erscheinungsbild war von Anfang an eindeutig weiblich. In den ersten Jahren bin ich auch ohne jedes Fragezeichen hinter meiner geschlechtlichen Identität aufgewachsen. Später stellte sich dann eher die Frage nach der Vollständigkeit meiner Weiblichkeit.

Die weiblichen Geschlechtsorgane dominieren bei Ihnen.
Es gibt keine anderen. Es fehlen nur welche, und zwar die Fortpflanzungsorgane. Ich habe keine Gebärmutter, keine Eierstöcke, keine Eileiter. Diese so genannten primären Geschlechtsorgane haben sich bei mir nie ausgebildet. Mein körperlicher Status ist also dem einer totaloperierten Frau vergleichbar. Mit dem einzigen Unterschied, dass meine Scheide blind endet, wie es im Fachjargon heißt.

Was ist da in der embryonalen Entwicklung genau geschehen?
Dieses spezielle Syndrom heißt AIS, Androgen Insensitivity Syndrome. Das bedeutet, dass die Keimdrüsen zwar Androgene produzieren, gleichzeitig aber eine Wirkungsblockade vorliegt. Wenn also in der sechsten Schwangerschaftswoche das Testosteron bei den Zellen anklopft und fragt, willst du ein Junge werden, dann antworten die Zellen mit Nein. Obwohl das genetische Geschlecht männlich ist, entwickelt sich in der Folge ein weiblicher Fötus. Bei mir liegt eine komplette Androgenblockade vor, das nennt man CAIS, mit C für complete. Es gibt aber auch PAIS, mit P für partiell. Bei CAIS tritt gar keine Vermännlichung ein. So habe ich mich in der Pubertät äußerlich weiblich weiter entwickelt. Das ist lange nicht bei allen Intersexen der Fall. PAIS-Betroffene können zum Beispiel einen Minipenis bekommen, keine richtige Vagina oder das Brustwachstum bleibt aus.

Und dann wird operiert?
Genau. Der soziale und sexuelle Normzwang ist groß, ergo wird der Mensch zugerichtet und - das steckt ja auch dahinter - koitusfähig gemacht. Also schneidet man entweder etwas weg, was zu viel ist, oder man formt zum Beispiel die Scheide plastisch nach, wenn diese zu klein ist. Ich selbst hatte Glück, bei mir wurden nach der Pubertät nur die Gonaden entfernt, da sich diese Embryonalhoden angeblich krankhaft hätten verändern können. Die Gonadektomie ist auch heute noch gängige Praxis, obwohl entsprechende Risikostatistiken überhaupt nicht vorliegen.

Wer entscheidet darüber, welches Geschlecht ein Kind haben soll, wenn dies nicht eindeutig festzulegen ist?
Entweder die Eltern. Wenn die Eltern sich aber nicht orientieren können, dann schließen sie sich dem erstbesten Mediziner an, der das für sie entscheidet. Entweder der Arzt ist besonnen, oder er fordert, dass das Geschlecht vereindeutigt werden soll. Angesichts der massiven Indentitätsprobleme, die im Nachhinein auftreten können, ist es aber bei einem eindeutig zweideutigen Kind wohl das Klügste, es so aufwachsen zu lassen, wie es zur Welt gekommen ist. Es kann dann zu gegebener Zeit selbst entscheiden, welchem Geschlecht es sich näher fühlt und wie es seine Identität leben will.

Wie behandelt man ein solches Kind?
Das ist natürlich schwierig, umso mehr, als die Gesellschaft in aller Regel dagegen ist und Druck ausübt. Ich kenne eine Schweizer Familie, die derzeit ihr uneindeutiges Kind eher weiblich aufzieht. Das prägt dann natürlich ein ganzes Stück weit die Identität des Kindes. Aber die Eltern versuchen, dem Kind auch Spielraum zu geben und es nicht in eine Richtung zu pushen.

Zurück zu Ihnen: Wann ist Ihren Eltern denn aufgefallen, dass Sie sich anders entwickeln als erwartet?
Gar nicht, die Entwicklung verlief ja durchaus erwartungsgemäß. Es war also reiner Zufall. Meine jüngere Schwester und ich sind mit angeborenen Leistenbrüchen zur Welt gekommen. Das waren die Öffnungen, durch die die Hoden abgestiegen wären, wenn sie sich ausgebildet hätten. Heute ist das ein Hinweis für Mediziner, dass es sich hier um AIS handeln könnte. Bei uns war es so, dass ein befreundeter Gynäkologe zufällig davon hörte und uns beide untersuchte. Da war meinen Eltern dann klar, dass wir Mädchen beide genetisch männlich sind.

Wann haben Sie selbst etwas davon gespürt?
Körperliche Symptome gab es keine, außer dass die Regel ausblieb. Komisch war aber, dass ich schon sehr früh regelmäßig zu diesem befreundeten Frauenarzt musste. Ich dachte immer: Hey, was soll ich denn hier, ich habe doch noch nicht mal meine Tage. Diese Besuche dienten natürlich der Kontrolle meiner pubertären Entwicklung. Hätte es Komplikationen gegeben, hätte man jederzeit eingreifen können, beispielsweise durch Hormongaben. Dumm war eben nur, dass ich nicht Bescheid wusste. Arzt und Eltern waren sich einig, mich erst nach der Pubertät aufzuklären, wenn ich reif genug wäre, diese Information zu verkraften. Und obwohl ich immer ein ziemlich kesses Kind war mit einer großen Klappe, habe ich bei diesem Punkt auch nie nachgefragt. Die Art, wie da mit mir umgegangen wurde, hat mir offensichtlich das Stillhalten nahe gelegt.

Wie und wann haben Ihre Eltern Sie dann "aufgeklärt"?
Da war ich schon 16. Meine Eltern wollten mich frei von Verunsicherungen aufwachsen lassen, um meine kindliche Seele zu schützen. Dann sind sie mit mir ein paar Tage in Urlaub gefahren und brachten mir bei, dass ich ein "besonderes" Mädchen sei und keine eigenen Kinder haben könnte.

Wie haben Sie in dem Moment reagiert?
Ich hab´ gesagt: Das ist ja toll. Da muss ich ja nie die Pille nehmen. Damit war der Fall für mich vorgeblich erledigt. Ich habe diese Rolle so gut gespielt, dass niemand auf die Idee gekommen ist, ich könnte doch Probleme damit haben.

Aber innerlich hatten Sie sehr wohl Schwierigkeiten damit.
Ja, denn hinter meinem Frausein war plötzlich ein Fragezeichen aufgetaucht. Ich habe mich gefragt: Bin ich wirklich eine Frau? Bin ich ganz Frau? Bin ich anders als andere Frauen? Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass weder das Gleich- noch das Anderssein ein Maßstab ist, geschweige denn ein Schlüssel zu einer eigenen Identität. Doch damals haben diese Fragen mich echt gequält. Heute wissen wir, dass das genetische Geschlecht nur ein kleiner Baustein der Identität ist. Insgesamt sieben Geschlechter machen einen Menschen aus. Es gibt das chromosomale, das gonadale und das hormonelle Geschlecht. Dann das genitale Geschlecht innen und das genitale Geschlecht außen, das zur standesamtlichen Registrierung führt. Und dann gibt es noch das psychische und das soziale Geschlecht. Man kann also nicht sagen, nur weil eine Frau einen xy-Chromosomensatz besitzt, sich aber genital, psychisch und sozial weiblich entwickelt hat, soll sie nun etwas anderes sein. Im Grunde brauchen wir die Begriffe Mann und Frau doch gar nicht mehr. Die Gesellschaft hat sich von der starren Zweiteilung der Geschlechter weg entwickelt, nur die Begriffe haben sich nicht mit geändert. Und diese Begrifflichkeiten sind so stark mit Bedeutung aufgeladen, dass sie ihrerseits Zwänge auch da aufrecht erhalten oder sogar neu schaffen, wo es eigentlich schon viel größere Freiheitsgrade geben müsste.

Was wären Ihrer Meinung nach bessere Kategorien, um Geschlechter zu beschreiben?
Männlich und weiblich sind nur die Endpunkte auf einer Geschlechterskala, zwischen denen es unendlich viele Varianten gibt. Intersexualität zu verstehen, erfordert die Bereitschaft, sich vom überkommenen polaren Denken zugunsten pluraler Geschlechterdifferenzen zu lösen. Ohne dass ich es für mich selbst in Anspruch nehmen würde, unterstütze ich die Forderung nach mindestens einem dritten Geschlecht. Wie es heißen sollte? Einige sprechen von Mann, Frau und Zwitter. Aber das ist mir zu wertend, so nach dem Motto: weder, noch, einfach irgendwo dazwischen. Auch finde ich das Wort nicht schön, das im übrigen gar nicht zutreffend ist. Ein zwittriges Wesen ist ja nicht zwischengeschlechtlich, sondern zweigeschlechtlich. Und zwittrige Wesen können sich aus eigener Kraft fortpflanzen, das kann ein so genannter menschlicher Zwitter ja gar nicht. Vielleicht sollte man das vereinfachen und schlicht von X, Y und Z sprechen, wenn es denn sein muss. Das wäre eine gleichberechtigte Alternative, mit der man auch die kulturelle Befrachtung der Begriffe Mann und Frau umgehen würde.

War in Ihrer Familie das "Andersein" tabu? Oder haben Sie über das Thema offen gesprochen?
Damals nicht. Ich selbst habe meinen Eltern zuliebe konsequent den Mund gehalten, denen das Reden offensichtlich Mühe machte und die darüber hinaus Schwierigkeiten mit der erweiterten, sehr konservativ geprägten Familie aus dem Weg gehen wollten. Außerdem sollte ja auch meine Schwester Zeit haben, sich unbeschwert zu entwickeln. In diesem Punkt habe ich mich der damaligen Meinung meiner Eltern angeschlossen. Heute sehen wir das alle etwas anders. In der Rückschau mussten wir feststellen, dass in unseren familiären Beziehungen immer etwas fehlte, weil um bestimmte Dinge herum geredet wurde. Erst als meine Schwester sich selbst mit der Intersex-Thematik auseinandergesetzt und ihre Umgebung, ganz anders als ich, stark konfrontiert hat, kam in unserer Familie ein Prozess in Richtung größerer Offenheit in Gang.

Wann haben Sie sich öffentlich "geoutet"?
Das kam ziemlich spät, vor circa fünf Jahren, als meine Schwester mich endgültig als Gesprächspartnerin eingefordert hat. Sie war es, die mich in eine Selbsthilfegruppe mitgenommen hat, und dadurch lernte ich überhaupt erst mit meiner Situation umzugehen und mich bestimmten Fragen erstmals oder neu zu stellen.

Hatten Sie Probleme im beruflichen oder privaten Leben?
Nein, objektiv betrachtet nicht. Anfeindungen gab es nie, weil ich mich ja auch nicht geoutet hatte. Als ich dann so weit war, war ich schon selbständige Texterin und Journalistin. Heute merke ich, dass ein offener Umgang sogar neue Türen öffnen kann. Auch in meinen Partnerschaften gab es in dieser Hinsicht keine Probleme. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass ich mir meistens Partner ausgesucht habe, bei denen ich vor Anfechtungen sicher war. Pauschal gesagt, waren das egozentrische Künstlertypen, die auf Selbstverwirklichung aus waren und nicht auf Kinder und Familie. Und in punkto Sex gibt es bei mir ja ohnehin keine Einschränkungen. Ich kenne aber XY-Frauen, deren Partner tolerant und spielbereit sein und gegebenenfalls auch auf herkömmlichen Sex verzichten müssen.

Gibt es im Alltag Situationen, in denen Sie sich benachteiligt fühlen?
Ich nicht, aber ich kenne intersexuelle Menschen, die im Ausweis und der Geburtsurkunde gern etwas anderes lesen würden, als männlich oder weiblich. Oder sie ärgern sich beim Ausfüllen von Formularen, nur Herr oder Frau ankreuzen zu können. Manchmal schreiben sie dann "weder, noch" in diese Spalten. Abgesehen von diesen formellen Dingen sind mir aber auch Fälle von Mobbing bekannt.

Wie oft werden in Deutschland Menschen geboren, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind?
Soviel ich weiß, kommt auf tausend Geburten mindestens ein solcher Fall. Eigentlich müssten also weit mehr als 80.000 Intersexen in Deutschland leben. Aber viele Menschen werden ja direkt nach der Geburt eindeutig zugerichtet, dann sind es vielleicht zwischen 20.000 und 30.000. Doch die offiziellen Zahlen liegen, glaube ich, noch darunter. Sie sind in einer Gruppe organisiert, die sich "XY-Frauen" nennt. Ja, das ist eine Kontaktgruppe für Menschen, die sich mit der Problematik auseinandersetzen müssen, nicht ohne weiteres in die gängigen Mann/Frau-Schemata zu passen. Wir sind dort rund 40 Frauen zwischen 20 und 60 Jahren aus ganz Deutschland, aus der Schweiz und Österreich. Die meisten von uns sind AIS-Betroffene, daher der Name der Gruppe.

Was wollen Sie erreichen?
Für uns steht der Austausch an erster Stelle. Die meisten sind, bis sie zur Gruppe finden, isoliert. Sie denken, sie sind ganz allein auf der Welt, und in ihrer Umgebung ist meist auch keinem etwas daran gelegen, diesen Irrtum aufzulösen. Folglich können sie mit niemandem darüber reden, und öffentlich ist das Thema auch weitestgehend tabu. Aber wir reden nicht nur über Identitätsprobleme, sondern tauschen auch Adressen von Ärzten, Therapeuten aus und schaffen gemeinsam Öffentlichkeit. Denn nur so können wir ein Mehr an gesellschaftlicher Akzeptanz erreichen.

Das Gespräch führten Christian Fuchs und Andrea Roedig

Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten für Betroffene gibt es unter www.xy-frauen.de